Generalversammlung
Julius-Bär-Schlappe: «Das ist eine absolute Sensation»

Der Schweizer Aktienrechtler Peter V. Kunz wertet das die Ablehnung des Vergütungsberichts an der heutigen Generalversammlung der Privatbank Julius Bär als historisches Ereignis. Die Schweiz zeige damit ganz neue Seiten der Aktionärsdemokratie.

Marc Fischer
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Rechtsprofessor Peter V. Kunz «Das ist eine Sensation».

Rechtsprofessor Peter V. Kunz «Das ist eine Sensation».

zvg/key

Die Generalversammlung von Julius Bär hat heute den Vergütungsbericht mit 64 Prozent der Stimmen abgelehnt. Wie beurteilen Sie diesen Entscheid?
Peter V. Kunz: Die Aktionäre haben seit der Abzocker-Initiative eine grössere Sensibilität beim Thema Vergütung. Nachdem früher Generalversammlungen meist ruhig und in einer angenehmen Stimmung über die Bühne gegangen sind, wurde mit der Ablehnung des Vergütungsberichts bei Julius Bär im konkreten Einzelfall eine grosse Bombe gezündet.
Wie meinen Sie das?
Die Auflehnung des Aktionariats gegen den Verwaltungsrat eines Unternehmens war in der Schweiz bisher untypisch. Der aufsehenerregendste Fall war bisher vor einigen Jahren die Verweigerung der Decharge bei der UBS. Bei Vergütungsfragen jubelten Aktionärsvertretungen wie die Ethos-Stiftung schon, wenn sie 20 bis 30 Prozent Gegenstimmen organisieren konnte. Die GV von Julius Bär hat nun den Vergütungsbericht mit 64 Prozent Nein-Stimmen gebodigt. Das ist eine absolute Sensation, auch wenn die Abstimmung nicht rechtsverbindlich, sondern nur konsultativ war.
Die Schweiz als Pionierin in Sachen Aktionärsdemokratie?
International wird dieser Entscheid bestimmt zur Kenntnis genommen. Schon in den vergangenen Wochen hat die Abstimmung über die Abzocker-Initiative in der internationalen Medienberichterstattung für Aufsehen gesorgt. Das färbt sicher auch auf das Image der Schweiz ab.
Hat der Entscheid bei Julius Bär Auswirkungen auf andere Unternehmen?
Nein, das glaube ich nicht. Man darf diesen Einzelfall nicht überschätzen. Massgeblich ist die Zusammensetzung des Aktionariats eines Unternehmens. Wenn die Grossaktionäre mit der der Führung einverstanden sind, dann werden sie sich nicht auflehnen.
Bei Julius Bär zeigte es sich, dass mit dem US-Stimmrechtsberater ISS nicht wirklich ein Aktionär die Fäden in der Hand hatte. Wird die Bedeutung solcher «Proxy Advisors» in Zukunft noch zunehmen?
Das ist anzunehmen. Nach der Annahme der Abzocker-Initiative haben Pensionskassen und institutionelle Investoren in Zukunft einen Stimmzwang. Das heisst, sie sind immer mehr auf externe Dienstleister angewiesen.
Ist das aufgrund des Machtzuwachses nicht auch problematisch?
Doch, ist es. In Ländern wie den USA und Deutschland, wo die Kultur der Stimmrechtsberater bereits weiter entwickelt ist, diskutiert man schon über Massnahmen gegen eine übermässige Machtballung, die zu Interessenkonflikten führen könnten. Das ist wie bei den Rating-Agenturen wie Standard&Poor's oder Moody's, die man ebenfalls regulieren will, um einen Machtmissbrauch vorzubeugen.