Die Privatbank Julius Bär will
künftig behutsamer wachsen

Julius Bär nimmt seit Anfang Monat keine neuen Risikokunden aus besonders korruptionsgefährdeten Ländern mehr an. Doch in einigen Fällen macht die Bank grosszügige Ausnahmen.

Daniel Zulauf
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Die Zentrale von Julius Bär an der Bahnhofstrasse 36 in Zürich. (Bild: Christian Beutler/Keystone, 9. Juli 2018)

Die Zentrale von Julius Bär an der Bahnhofstrasse 36 in Zürich. (Bild: Christian Beutler/Keystone, 9. Juli 2018)

Julius Bär zieht einen Strich bei jenen Ländern, die im aktuellen Korruptionsindex von «Transparancy International» im untersten Viertel rangieren. Es handelt sich um 48 Länder, darunter befinden sich so grosse Staaten wie Bolivien, Nigeria oder Iran. Auch die zentralasiatischen Länder Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan sowie der erdölreiche Staat Aserbaidschan mit denen die Schweiz im International Währungsfonds eine Stimmrechtsgruppe bildet, liegen unterhalb des Trennstriches. Dasselbe gilt für verschiedene afrikanische Staaten wie Kamerun, deren Präsident Paul Biya mit seinen langen und kostspieligen Langzeitaufenthalten im Genfer Hotel Intercontinental jüngst für Schlagzeilen sorgte.

Unter «Risikokunden» versteht Julius Bär Personen in besonderer Stellung. Es handelt sich typischerweise um politisch exponierte Personen. Für diese Personengruppe führen die Überwachungsbehörden weltweit zwar einschlägige Listen, die von den Banken üblicherweise auch beachtet werden. Aber die Listen sind meist unvollständig und im Urteil von Fachleuten für eine wirkungsvolle Geldwäscherei-Prävention nicht ausreichend.

Mexiko und Russland sind «Kernmärkte»

Die prominentesten Vertreter in dem von Julius Bär definierten im Hochrisikofeld sind Mexiko und Russland. Für diese beiden Länder, die auch im internationalen Vergleich als wirtschaftliche Schwergewichte gelten, macht Julius Bär eine Ausnahme von der Regel. So betreibt die Bank in Moskau seit Jahren eine Repräsentanz, die im Dezember sogar in ein Investment Advisory Office aufgewertet wurde. Ausgestattet mit einer erweiterten Lizenz erbringt Julius Bär in Moskau nun verschiedene Beratungsdienstleistungen für russische Kunden. Eine Ausnahme gilt auch für den Libanon, wo Julius Bär über eine eigene Niederlassung Finanzdienstleistungen für die lokale Kundschaft erbringt. In Mexiko hat Julius Bär im März die Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent am lokalen Vermögensverwalter NSC Asesores bekannt gegeben. Die Gruppe betreut in der zweitgrössten Volkswirtschaft Lateinamerikas Kundenvermögen im Gesamtwert von 3,5 Milliarden Dollar. Mexiko und Russland gelten bei Julius Bär als «Kernmärkte». In den von der neuen Regel ausgenommenen Ländern verfüge man über «profunde Kenntnis» der bestehenden und auch der potenziellen Klientel. Die Bank habe sich auf diese Märkte spezialisiert, begründete die Sprecherin die Einschränkung der verschärften Politik. Zur Wirkung der Massnahme auf das Kundengeldwachstum machte Julius Bär keine Angaben. Auch liess die Bank offen, wie viele bestehende Kunden unter dem neuen Regime allenfalls hinauskomplimentiert werden könnten. Diese würden nun «systematisch überprüft», erklärte die Sprecherin.

Bemerkenswert ist der Schritt alleweil. Er kommt zu einem Zeitpunkt, in dem Julius Bär Mühe bekundet, die eigenen Wachstumsvorgaben zu erfüllen. Das Ziel eines Neugeldwachstums von 4 Prozent bis 6 Prozent im Jahr, wurde in den ersten vier Monaten verfehlt. Ein Grund dafür ist, dass der frühere Julius-Bär-CEO Boris Collardi einige Kundenberater nach Genf an seinen neuen Arbeitsort bei der Bank Pictet zu locken wusste.

Ein anderer Grund ist das Projekt «Atlas» mit dem Julius Bär seit 2016 mit einem Kostenaufwand von gegen 100 Millionen Franken alle bestehenden Kundenbeziehungen neu dokumentiert, um verdächtige Adressen auszusortieren. Das Projekt soll bis Ende Jahr abgeschlossen werden. Die enttäuschende Neugeldentwicklung, die Mitte Mai kommuniziert worden war, hatte dem Aktienkurs zwischenzeitlich zugesetzt. Bei den kurzfristig orientierten Investoren, die auf eine rasche Zunahme der Kundengelder spekulieren, gewinnt der neue Verwaltungsratspräsident Romeo Lacher mit seiner vorsichtigeren Wachstumspolitik kaum neue Freunde. Längerfristig ist die Strategieänderung der Bank aber zweifellos ein Gebot der schieren Vernunft. Die Aufräumarbeiten nach der wilden Expansionsphase unter Collardi haben die Bank schon viel Geld gekostet und die Risiken für neue Rechtsfälle erhöht.