JUNGUNTERNEHMEN: Geldspritzen sind bei uns rar

Die Zentralschweiz bleibt für Start-ups ein bescheidener Markt. Geld ist Mangelware. Doch es gibt Lichtblicke.

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Wer kreativ ist und in der Zentralschweiz eine Firma gründen will, findet nicht immer genügend Kapital. (Bild: Getty)

Wer kreativ ist und in der Zentralschweiz eine Firma gründen will, findet nicht immer genügend Kapital. (Bild: Getty)

Maurizio Minetti

Die Rekordsumme von 96,2 Millionen Franken konnte letztes Jahr das Luzerner Jungunternehmen CeQur im Rahmen einer Finanzierungsrunde aufnehmen. CeQur hat ein innovatives Injektionsgerät für Diabetiker entwickelt, das die Insulinspritze obsolet machen könnte. Laut der NZZ war dies der höchste Kapitalbetrag, den ein privat gehaltener europäischer Medtech-Betrieb in den vergangenen neun Jahren erhalten hat.

CeQur ist die Ausnahme

CeQur war letztes Jahr ohne Zweifel das Zentralschweizer Start-up, das am meisten Geld einsammeln konnte. Nur: Mit unserer Region hat der Fall nicht viel zu tun. CeQur hat seinen Hauptsitz zwar in Horw; das Management ist jedoch weitgehend amerikanisch geprägt. Der Ursprung des Unternehmens ist dänisch, die Investoren sind mehrheitlich angelsächsisch. «CeQur war letztes Jahr ein – wohlgemerkt willkommener – Ausreisser. Abgesehen davon gibt es in der Zentralschweiz aber wenig Aktivität bei der Finanzierung von Start-ups», sagt Thomas Heimann, Analyst bei dem auf Investments im Gesundheitssektor fokussierten Zuger Unternehmen HBM Partners AG.

Der neuste «Swiss Venture Capital Report» zeigt, dass die meisten und grössten Finanzierungsrunden nach wie vor in Zürich und der Genfersee­region stattfinden. Schweizer Hightech-Gründer suchen traditionell die räumliche Nähe zu einer der beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen. Danach folgt Basel als Hotspot für Life-Sciences-Jungfirmen. Insgesamt floss 2015 gut die Hälfte des Risikokapitals in die Standortkantone Zürich und Waadt. Der Rest der Schweiz hat aber aufgeholt. So gab es unter anderem auch in Zug doch einige Finanzierungsrunden (siehe Grafik).

Kleine Finanzierungen

Abschliessend ist die Aufzählung allerdings nicht. Viele kleine Finanzierungen bis zu 1 Million Franken gehen ohne öffentliche Aufmerksamkeit über die Bühne. «Abseits der prominenten Gründungen von Technologie-Start-ups entstehen viele Jungfirmen, die vielleicht etwas weniger Glamour haben, aber in ihrem Segment durchaus Wertschöpfung erzielen können», sagt Heimann. Das bestätigt auch Walter Stalder, Direktor der Wirtschaftsförderung Luzern. Über Stiftungen habe man letztes Jahr insgesamt 2 Millionen Franken in Luzerner Neugründungen investiert. Dieser Betrag taucht in den einschlägigen Statistiken nicht auf. «Das sind nicht international ausgerichtete Technologiefirmen, sondern in der Regel bodenständige, aber nicht weniger innovative Betriebe mit einem durchaus realistischen Geschäftsmodell», so Stalder. Heimann macht aber aufmerksam: «Volkswirtschaftlich zentral sind jedoch letztlich Innovationen, die beschäftigungs­wirksam zu einer globalen marktführenden Stellung gebracht werden. Dafür müssen grössere Summen an Kapital mobilisiert werden.»

Was potenzielle Investoren betrifft: die sind in der Zentralschweiz dünn gesät. Die Luzerner Kantonalbank (LUKB) hatte 2008 die Tochtergesellschaft LUKB Wachstumskapital AG gegründet. Seither hat sich aber gezeigt, dass die Nachfrage von Jungunternehmen nach Förderbeteiligungen im Wirtschaftsraum Zentralschweiz «geringer ist als bei der Gründung angenommen», wie LUKB-Sprecher Daniel von Arx sagt. Von den ursprünglich bereitgestellten 10 Millionen Franken Investitionskapital hat die LUKB bisher nur deren 4 Millionen investiert. «Es hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es deutlich weniger Jungunternehmen im Raum Zentralschweiz gibt, die die Bedingungen für eine Investition erfüllen», so von Arx. Diese Bedingungen – etwa eine bestehende Nachfrage, ein konkretes Produkt und erste Umsätze – sind für Jungunternehmen oft nicht erfüllbar. Banken erwarten im Gegensatz zu privaten Kapitalgebern ausserdem in der Regel mehr Sicherheiten oder eine höhere Beteiligung. Da ist der Unterschied zu einem Kredit nicht mehr gross.

Geld aus der zweiten Säule

Start-up-Kenner Thomas Heimann glaubt, dass zahlreiche Institutionen zwar genügend finanzielle Mittel haben, jedoch nicht bereit sind, diese zu investieren, und wahrscheinlich nicht über das notwendige Know-how verfügen. Lobende Worte findet er für die Schwyzer Kantonalbank, die eine Innovationsstiftung betreibt, die über die Kantonsgrenze hinaus Finanzierungen in Form von Eigenkapital für wertschöpfungsstarke Arbeitsplätze tätigt.

Immer wieder kursiert die Idee, dass Pensionskassen in Jungunternehmen investieren sollen. Der Luzerner Ständerat Konrad Graber hatte Ende 2013 eine entsprechende Motion eingereicht, die in beiden Räten angenommen wurde. Ähnliche Vorstösse gab es in den letzten 30 Jahren einige, sie wurden aber immer abgelehnt. Investment-­Experte Thomas Heimann macht sich deshalb keine Illusionen: «Viele Pensionskassenvertreter sind der Meinung, dass eine Beteiligungskapital-Finanzierung zu riskant sei – selbst im Bereich von einigen Zehntel Prozentpunkten der Anlagevermögen.» Er glaubt, dass Pensionskassen geradezu dafür prädestiniert wären, ihre langfristigen Anlagen auf die langfristige Interessenlage ihrer Versicherten abzustimmen. «Zudem könnten die Pensionskassen in Gemeinschaft mit anderen Kassen ihre Mittel im Zukunftsfonds zusammenlegen, durch einen professionellen Dach-Fondsmanager verwalten lassen und mit einer angemessenen Diversifikation das Verlustrisiko über längere Zeiträume spürbar auf das Niveau von üblichen Investitionen senken», schlägt Heimann vor.

Bericht in Vorbereitung

Abwegig ist die Idee nicht. In den USA investieren Pensionskassen typischerweise 5 Prozent ihrer Mittel in Jungunternehmen. Kenner schätzen, dass das Silicon Valley ohne Geld aus amerikanischen Pensionskassen nicht vorstellbar wäre.

Axel Schultze vom Luzerner Start-up-Förderer Society3 ist Ende 2015 nach 20 Jahren im Silicon Valley in die Schweiz gezogen. Für ihn ist klar, dass ein kleiner Teil des Vermögens in der Höhe von 850 Milliarden Franken, das die Pensionskassen in der Schweiz akkumuliert haben, an Start-ups gehen sollte. «Die meisten Investments in Schweizer Unternehmen gehen auf das Konto von ausländischen Investoren. Somit gehen nicht nur künftige Einnahmen, sondern potenziell auch Innovationen ins Ausland.» Es sei deshalb von «nationalem Interesse», dass Gelder aus der zweiten Säule in Jungunternehmen investiert werden.

Ein Grund, warum diese Idee in den letzten Jahren nicht Anklang fand, war der damit verbundene Zwang, Gelder zu investieren. Die Motion Graber beruht hingegen auf Freiwilligkeit der Kassen. Immerhin ist nun eine Arbeitsgruppe gegründet worden, die demnächst einen Bericht an den Bundesrat überweisen wird.

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