Justiz prüft Strafverfahren gegen ehemaligen Julius-Bär-Chef Collardi

Der frühere Chef von Julius Bär gerät ins Visier der Zürcher Staatsanwaltschaft. Er steht wegen strafrechtlichem Verhalten unter Verdacht.

Gabriela Jordan und Niklaus Vontobel
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Der ehemalige Julius-Bär-Chef Boris Collardi.

Der ehemalige Julius-Bär-Chef Boris Collardi.

Ennio Leanza / KEYSTONE

In der Branche ist er für seine Risikoaffinität bekannt: Boris Collardi, heutiger Partner der Genfer Privatbank Pictet und davor Chef der Privatbank Julius Bär. Jetzt könnte es für den schweizerisch-italienischen Bankmanager ungemütlich werden – wegen «Anfangsverdacht auf kriminelles Fehlverhalten» ermittelt gegen ihn sowie gegen weitere Verantwortliche die Zürcher Staatsanwaltschaft.

«Basierend auf einem anonymen Hinweis vom Februar laufen bei der Zürcher Staatsanwaltschaft Vorabklärungen, ob ein Anfangsverdacht für strafrechtliches Fehlverhalten vorliegt», bestätigte ein Sprecher der Justiz einen Bericht des Branchenportals «Inside Paradeplatz». Der Sprecher betonte, dass das formelle Verfahren noch nicht eröffnet wurde. Die Staatsanwaltschaft ist von Amtes wegen verpflichtet, solche Hinweise auszuwerten.

Finma ermittelt weiter gegen Collardi und Bär

Boris Collardi und die Privatbank Julius Bär sind bereits im Visier der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma). In der Ära Collardi hatte Julius Bär schnell expandiert, offenkundig nicht immer auf rechte Art und Weise. Wie die «NZZ» vor wenigen Tagen publik machte, hat die Finma im vergangenen Herbst ein zweites Enforcement-Verfahren gegen Julius Bär eingeleitet. Die Bank soll im Fall eines argentinischen Unternehmers Vorgaben zur Geldwäscherei verletzt haben. Über das erste Enforcement-Verfahren informierte die Finma im vergangenen Februar. Auch bei diesem stehen Mängel in Sachen Geldwäschereibekämpfung im Zentrum. Betroffen ist dort der Zeitraum von 2009 bis Anfang 2018, in dem mehrheitlich Boris Collardi an der Spitze war. Er wurde 2009 mit erst 34 Jahren CEO von der Zürcher Bank.

Laut der Finma lag in diesem Zeitraum vieles im Argen: Im Zusammenhang mit den mutmasslichen Korruptionsfällen rund um den venezolanischen Ölkonzern PDVSA und dem Fussballverband Fifa habe die Bank ihre Sorgfaltspflichten nicht eingehalten und gegen Meldepflichten verstossen. Insgesamt waren Transaktionen in Milliardenhöhe betroffen. Konkret habe die Bank die Identität von Kunden sowie den Zweck und die Hintergründe ihrer Geschäftsbeziehungen ungenügend abgeklärt.

Fehler wurden nicht nur von einzelnen Kundenberatern gemacht, die Finma stellte auch systemische Mängel in der Organisation, im Risikomanagement und im Vergütungsmodell fest. Belohnt wurden diejenigen, die der Bank viel Geld einbrachten. Ob sie die Regeln einhielten, war unwesentlich.

Die Finma kündigte schon im Februar an, in einem nächsten Schritt zu klären, ob sie Verfahren gegen Einzelpersonen – und somit auch gegen Boris Collardi – eröffnen wird. Als schärfste Sanktionsmöglichkeit könnte sie ein Berufsverbot aussprechen. Auf Anfrage äussert sich die Finma nicht zu den neusten Entwicklungen, die Untersuchungen seien noch in Gang.

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