KADER: Mehr Frauen geben den Ton an

Der Anteil der Frauen in den Führungsetagen der grössten Schweizer Konzerne steigt. Besonders im Verwaltungsrat. Jeder vierte vakante Sitz ging 2012 an eine Frau.

Hans-Peter Hoeren
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Im September 2012 übernahm Susanne Ruoff die Leitung der Schweizerischen Post.

Im September 2012 übernahm Susanne Ruoff die Leitung der Schweizerischen Post.

Als die Grossbank UBS im vergangenen Jahr mit der Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro und der Juristin Isabelle Romy zwei weitere Frauen neu in den Verwaltungsrat wählte, sorgte das für Aufsehen. Zusammen mit der Kanadierin Ann Godbehere sitzen seitdem drei Frauen im zwölfköpfigen Verwaltungsrat der UBS. Frauen sind in den Verwaltungsräten der 100 grössten Schweizer Unternehmen auf dem Vormarsch. Von den frei gewordenen Verwaltungsratssitzen wurde 2012 fast jeder vierte mit einer Frau besetzt, im Vorjahr waren es noch 13 Prozent. Das zeigt die gestern veröffentlichte Studie des Zürcher Headhunters Guido Schilling. Grundlage sind die nach Mitarbeiterzahl grössten 100 Schweizer Unternehmen.

SMI-Konzerne sind die Trendsetter

«Das ist ein epochaler Schritt für die Durchmischung an der Spitze der grössten Schweizer Unternehmen», kommentierte Studienautor Guido Schilling bei der Vorstellung des 8. «Schillingreport» vor den Medien. Der Gesamtanteil der Frauen im Verwaltungsrat der 100 grössten Unternehmen stieg hingegen nur leicht von 11 auf 12 Prozent. Trendsetter bei dieser Entwicklung sind die 20 Börsenschwergewichte im Schweizer Leitindex SMI. Diese besetzten 2012 sogar knapp einen Drittel der vakanten Verwaltungsratssitze mit einer Frau, im Vorjahr waren es noch 18 Prozent. Gesamthaft stieg der Frauenanteil in den SMI-Unternehmen von 2012 auf 2013 von 12 auf 14 Prozent.

Panalpina-Chefin als Vorreiterin

Laut einer Anfang Mai veröffentlichten Studie des Vermögensverwalters zCapital ist der Anteil innerhalb von fünf Jahren gar von 10 auf 17 Prozent gestiegen. zCapital hat anders als der «Schillingreport» auch die Neuwahlen an den diesjährigen Generalversammlungen bereits erfasst.

Langsamer ist der Vormarsch der Frauen in den Geschäftsleitungen: 2012 ist ihr Anteil im Topmanagement von 5 auf 6 Prozent gestiegen, bei den SMI-Unternehmen von 6 auf 8 Prozent. Über Konzernchefinnen verfügen derzeit die Energiefirmen Alpiq mit Jasmin Staiblin und die BKW mit Suzanne Thoma, die Schweizerische Post mit Susanne Ruoff sowie – bis Ende Monat – der Logistiker Panalpina mit Monika Ribar. Sie ist seit 2006 Panalpina-Chefin.

«Die Zunahme des Frauenanteils in den 100 grössten Schweizer Unternehmen ist keine Modeerscheinung, das ist ein nachhaltiger Trend», ist Guido Schilling überzeugt. Die Unternehmen hätten realisiert, dass sie in gemischten Teams in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat nachhaltigeren und ausgewogeneren Erfolg erzielten.

Je länger dieser Trend anhalte, desto normaler würden durchmischte Teams an der Unternehmensspitze und deren Anteil an den Unternehmen. Schilling prognostiziert deshalb, dass bis 2020 ein Fünftel der Verwaltungsratsmandate in den grössten 100 Schweizer Unternehmen von Frauen gehalten wird. Stärker als in der Schweiz gestiegen sind die Frauenanteile in den deutschen Grossunternehmen, die im Deutschen Aktienindex kotiert sind. Der Frauenanteil in den DAX-Verwaltungsräten beträgt bereits 20 Prozent. «Hier spielen sicher der stärkere politische Druck und die Debatte um Frauenquoten in Deutschland eine Rolle», erklärte Schilling. Gehe die Entwicklung in den DAX-Unternehmen mit derselben Geschwindigkeit weiter, könnten diese bis 2020 in die Nähe eines Frauenanteils von 40 Prozent kommen. Das entspräche der von der EU beschlossenen Frauenquote für Verwaltungsräte in rund 5000 börsenkotierten Unternehmen. Beim Anteil weiblicher Führungskräfte in den Geschäftsleitungen liegen SMI- und DAX-Konzerne mit 8 Prozent aktuell gleichauf.

Auch KMU suchen verstärkt Frauen

Doch nicht nur bei Grossunternehmen, auch bei kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) sind Frauen auf dem Vormarsch. KMU dominieren die Wirtschaftsstruktur in der Zentralschweiz, auf sie entfallen 97 Prozent der Schweizer Unternehmen. «Grundsätzlich nimmt auch bei den KMU der Anteil der Frauen in den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten zu», bestätigt Markus Theiler, stellv. Geschäftsführer und Niederlassungsleiter Zürich bei der Jörg Lienert AG.

Gleichzeitig stelle er fest, dass Unternehmen gerne noch mehr Frauen für diese Funktionen gewinnen würden. «Es stellen sich aber immer noch zu wenige Frauen dafür zur Verfügung», sagt Theiler. Die Jörg Lienert AG ist spezialisiert auf die Suche und Selektionierung von Fach- und Führungskräften für Wirtschaft, Verwaltung und Organisationen.

Mehr Erfolg mit gemischten Teams

Viele KMU hätten Schwierigkeiten, gut qualifiziertes Personal zu finden. «Um sich als moderner Arbeitgeber zu positionieren, ist ein entsprechender Mix aus Frauen und Männern in der Geschäftsleitung wichtig», sagt Theiler. Ausserdem herrsche in vielen KMU mittlerweile die Überzeugung vor, dass gemischte Führungsteams erfolgreicher seien «als eine reine Männergesellschaft». «Das spüren wir auch in technisch orientierten Berufen», sagt Theiler.

In den Verwaltungsräten vieler KMU finde ein Professionalisierungsprozess statt. «Oftmals sassen dort in der Vergangenheit weibliche Familienmitglieder im Verwaltungsrat. Aber auch in diesem Segment ist viel in Bewegung», sagt Theiler. Bei Neubesetzungen im Verwaltungsrat habe die fachliche Kompetenz weiterhin Priorität, immer mehr werde aber «ein Wunsch nach qualifizierten Frauen spürbar», sagt Theiler.

Hans-Peter Hoeren

Deutsche verlassen die Schweiz

TOPMANAGEMENT. Die Zahl deutscher Manager in der Geschäftsleitung der grössten 100 Schweizer Unternehmen geht zurück. 2008 kam beispielsweise noch ein Viertel der 20 SMI-CEOs aus Deutschland, aktuell stammt nur Swisscom-Chef Carsten Schloter aus dem «grossen Kanton».

Die Abgänge deutscher Geschäftsleitungsmitglieder seien durch Manager anderer Nationalitäten oder Schweizer ersetzt worden, sagt Headhunter Guido Schilling. «Deutsche sind auf dem Rückzug.» Er werde von Kandidaten oft gefragt, ob Deutsche in der Schweiz überhaupt willkommen seien, so Schilling. Zudem sei Deutschland der Gewinner der Eurokrise. «Die Deutschen werden jetzt zu Hause gebraucht.»

Nach einem stetigen Anstieg stagniert der Ausländeranteil in den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Unternehmen seit 2011 bei 45 Prozent. Der Anteil werde sich bei 50 Prozent einpendeln, erwartet Schilling. In den Verwaltungsräten stieg der Anteil leicht von 34 auf 36 Prozent.

hoe