Kaderfrauen auf dem Rückzug

Frauen auf der Teppichetage bleiben die grosse Ausnahme. Allen Förderprogrammen und Diversity-Anstrengungen zum Trotz sind weniger Frauen in der Geschäftsleitung (GL) vertreten als noch vor einem Jahr.

Merken
Drucken
Teilen
business lady

business lady

Keystone

Sven Millischer

Die Quote bei den 100 grössten Schweizer Unternehmen sank von 5 auf 4 Prozent, nachdem sie bereits die Jahre zuvor auf tiefem Niveau stagnierte. Dies geht aus dem 2010er-Report der Headhunting-Firma Guido Schilling hervor.

Nur 40 von 920 Geschäftsleitungsmitgliedern sind Frauen

In absoluten Zahlen sind gut 40 von 920 GL-Mitgliedern Frauen, und von denen trägt bloss knapp die Hälfte operative Verantwortung. Die Mehrheit verteilt sich auf zudienende Bereiche wie die Personal-, Rechts- oder Marketingabteilung.

Dort seien in der Finanzkrise besonders viele Stellen abgebaut worden, sagt Christine Leimgruber, Geschäftsleiterin beim Verband Wirtschaftsfrauen Schweiz, und liefert damit eine mögliche Erklärung, weshalb die Frauenquote auf Führungsebene zurückgegangen ist. Auffallend ist auch, dass fast jede dritte Kaderfrau im Vergleich zum Vorjahr aus der Geschäftsleitung ausschied.

Die Mehrheit hat sich in kleineren Unternehmen neu orientiert. Der Rest blieb zwar im Unternehmen, gab aber die Leitungsfunktion ab. Dies sei symptomatisch, sagt Headhunter Guido Schilling: «Frauen spielen nicht bei jedem Machtpoker oder Postengerangel mit.»

Auch Christine Leimgruber hat die Erfahrung gemacht, dass sich Kaderfrauen auf einer gewissen Stufe der Karriereleiter verabschieden: Viele würden sich dann selbstständig machen oder sich ins Privatleben zurückziehen, wenn sie «fast am Ziel» seien.

Dies habe auch mit der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun, sagt Leimgruber: «Die Rahmenbedingungen bei der Kinderbetreuung sind nicht optimal.» Headhunter Schilling nimmt aber auch die Kaderfrauen selbst in die Pflicht: Häufig würden diese auf ihren Sesseln kleben. «Frauen schätzen das Wechselrisiko viel höher ein als Männer.»

Diese Erfahrung teilt auch Christine Leimgruber von den Wirtschaftsfrauen Schweiz: Weibliche Führungskräfte seien dem Unternehmen gegenüber oft loyaler und stärker der aktuellen Tätigkeit verpflichtet.

Männer haben bessere Netzwerke

Dies zeigt sich auch im Arbeitsalltag eines Headhunters: «Fragen wir fünf Frauen für eine Kaderstelle an, sagen uns vier ab», erklärt Guido Schilling. Denn viele weibliche Führungskräfte seien extrem selbstkritisch. Zugleich fehle es den Frauen an Visibilität, um auf den Radar eines grossen Unternehmens zu kommen.

Der Headhunter macht ein Beispiel: Als es darum ging, den VR-Posten eines Schweizer Pharmaunternehmens mit einer Frau zu besetzen, präsentierte Schilling dem Nominierungsausschuss 18 Bewerberinnen: «16 davon kannte das Gremium gar nicht.»

Auch Christine Leimgruber kennt das Problem: «Frauen sind häufig schlechter vernetzt als ihre männlichen Kollegen.» Dies zeige sich besonders auf Stufe Verwaltungsrat, wo sich Frauen als Quereinsteigerinnen sehr schwer tun. Zwar ist der Frauenanteil im Verwaltungsrat mit 10 Prozent doppelt so hoch wie jener in der Geschäftsleitung.

Doch handelt es sich häufig um VR-Sitze in Familienbetrieben, wo statt des Sohns einfach die Tochter ins Gremium nachrutscht.

Fatal für die künftige Frauenquote auf Stufe GL ist auch der Umstand, dass der operative Posten häufig das Sprungbrett für einen VR-Sitz ist: 14 Prozent der Verwaltungsräte sind oder waren in der Unternehmung operativ tätig. Bei den VR-Präsidenten ist die Quote noch höher.