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Kann man den Armen überhaupt helfen? In diese politische Debatte mischen sich die neuen Nobelpreisträger ein

Eitles Gezänk sei die grosse Debatte um Entwicklungshilfe, wie sie bisher geführt werde. Das sagen die Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2019. Nötig seien simple Fragen. Ihre Forschung hat bereits das Leben von Menschen verändert.
Niklaus Vontobel
In der Armutsfalle? Ein Wintermorgen in Neu-Delhi, Indien, ein 7-Jähriger liegt neben seiner Schwester (Bild: AP Photo/Altaf Qadri)

In der Armutsfalle? Ein Wintermorgen in Neu-Delhi, Indien, ein 7-Jähriger liegt neben seiner Schwester (Bild: AP Photo/Altaf Qadri)

Der Nobelpreis für Ökonomie wird oft vergeben für Forschung, die fern ist vom Leben aller Nicht-Ökonomen. Auch die Arbeit der diesjährigen Preisträger scheinen auf den ersten Blick von dieser Sorte zu sein. Wer kann sich Konkretes vorstellen unter «experimentelle Ansätze zur Bekämpfung der globalen Armut»?

Doch Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer haben Erfolge vorzuweisen im echten Leben: Ihre Forschung hat Menschenleben verändert. Und sie wagen sich hinein in die politische Debatte um die Entwicklungshilfe. Kann armen Menschen in der Welt überhaupt geholfen werden?

Dabei greifen die drei Nobelpreisträger auch intellektuelle Superstars an. Diese würden die falschen Fragen stellen, Evidenz einseitig auslegen, nur spekulieren. Nachzulesen ist das in einem Buch von Banerjee und Duflo. Es wurde zu einem Bestseller: «Poor Economics: A Radical Rethinking of the Way to Fight Global Poverty». Es ist ein Plädoyer für ein radikales Neudenken, wie globale Armut zu bekämpfen ist.

Das Buch attackiert Jeffrey Sachs, eine der grössten Nummern auf dem Gebiet. Sachs ist Berater der Vereinten Nationen und Direktor des Earth Instituts der New Yorker Columbia University. Auf der anderen Seite der Debatte wird William Easterly angegriffen, Professor an der New York University. In «Poor Economics» werden Sachs und Easterly sehr klein.

Der grosse Streit um die grossen Fragen

Beide würden sich verbal prügeln um ein paar grosse Fragen – und damit um die falschen Fragen. Etwa: Was ist der ultimative Grund für Armut? Kann das freie Spiel der Marktkräfte helfen? Ist Demokratie gut für die Armen? Kann Entwicklungshilfe helfen? Und so weiter. Sachs und Easterly hätten beide je eine einzige Antwort auf all diese Fragen.

Sachs fordert einen grossen Push für alle arme Länder. Sie würden alle unter den gleichen Plagen leiden: Hitze, Malaria, wenig fruchtbaren Böden, das Fehlen eines Meeres-Zugangs. So könne die Wirtschaft nicht wachsen. Erst müssten die Plagen weg. Doch dafür fehle das das Geld. Also bleiben die Länder gefangen in der Armutsfalle. Dagegen komme Demokratie nicht an, auch freie Märkte nicht. Es brauche Hilfe, einen grossen Effort. Pro Jahr ungefähr 195 Milliarden Dollar müssten die reichen Staaten zahlen, 20 Jahre lang, und die Armut wäre ausgerottet.

Ziemlich genau das Gegenteil von Sachs behauptet Easterly: Entwicklungshilfe richte mehr Schaden als, als dass sie nutze. Sie hindere die Menschen, eigene Lösungen zu finden. Lokale Institutionen würden abhängig von den Hilfsorganisationen. Diese würden sich so quasi die Nachfrage für ihre eigenen Produkte schaffen. Arme Länder sollten daher besser auf eine einzige Idee setzen: Spielt der freie Markt richtig, können Menschen der Armut entkommen. Sie brauchen keine Spenden, nicht von der eigenen Regierung, auch nicht von Industriestaaten. So etwas wie eine Armutsfalle gibt es schlicht nicht.

Das sehen die Nobelpreisträger anders. Auf die grossen Fragen von Sachs und Easterly gebe es keine Antworten. Die Evidenz, die beiden herbeiziehen würden, überzeuge nicht. Anekdoten gebe es viele, es lasse sich immer etwas finden, um die eine oder die andere Position zu stützen. Ruanda etwa erhielt nach dem Genozid viel Geld. Die Wirtschaft kam in Gang, die Regierung nahm weniger Hilfe an – Sachs und die Easterly-Seite sahen beide ihre Thesen bestätigt.

Es fehlte nicht am Geld, der Unterricht war falsch

Solche Spiele wiederholen sich in grossen Vergleichen von Hunderten von Ländern. ES zeigte sich: Länder mit mehr Hilfe hatten nicht mehr Wirtschaftswachstum als die anderen Länder. Also hilft Entwicklungshilfe nicht, sagt die Easterly-Seite. Die Nobelpreisträger winken ab. Der Vergleich lasse auch die gegenteilige Deutung zu. Vielleicht hätten die Länder noch weniger Wirtschaftswachstum gehabt, wäre ihnen nicht geholfen worden. «Wir wissen es nicht, wir spekulieren bloss.» Sachs und Easterly werden abgefertigt.

Die Nobelpreisträger gehen anders vor. Armut wird zerlegt in viele kleine Probleme. Die werden in konkrete Fragen gefasst und beantwortet, eine nach der anderen. Zum Beispiel: Wie kann man die Ausbildung von Kindern kostengünstig verbessern? Vor ihrer Forschung dachte man: Arme Kinder haben zu wenig Bücher und haben Hunger in der Schule. Soll man also Bücher zahlen oder eine warme Mahlzeit?

Es hilft weder das eine noch das andere, ergaben sorgfältige Feldforschungen in Kenia. Später erkannte man: Nicht Geldmangel ist das Kernproblem. Sondern der Unterricht war nicht gut auf die Kinder abgestimmt, Lehrer erschienen gar nicht. Heute werden daher Nachhilfelehrer finanziert. In Indien kam das 5 Millionen Kindern zu Gute.

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