KASSEN: Härtetest für die Solidarität

Die Groupe Mutuel will junge Versicherte finanziell entlasten. Über 35-Jährige sollen dafür mehr zahlen. Der Vorschlag kommt nicht nur bei den Älteren nicht gut an auch Experten sind skeptisch.

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Die Groupe Mutuel macht sich für einen neuen Generationenvertrag im Schweizer Krankenkassenwesen stark. (Bild: Getty)

Die Groupe Mutuel macht sich für einen neuen Generationenvertrag im Schweizer Krankenkassenwesen stark. (Bild: Getty)

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Bernard Marks

Der Vorschlag ist nicht neu. Doch trotzdem erhitzt er die Gemüter. Die Groupe Mutuel sieht die Solidarität bei der obligatorischen Krankenkasse in Gefahr. Deshalb schlägt die schweizweit zweitgrösste Krankenversicherung eine Entlastung junger Prämienzahler zwischen 19 und 25 Jahren vor. Die Kasse fordert zudem, eine neue Altersklasse für junge Erwachsene (26 bis 35 Jahre) einzuführen. Zudem sollen junge Versicherte einen Anspruch auf vergünstigte Prämien haben. Über 35-Jährige sollen dafür im Gegenzug mehr zahlen müssen. «Die Solidaritätsbeiträge der Jungen an die Älteren sind enorm», sagte Thomas Grichting, Generalsekretär und Mitglied der Generaldirektion der Groupe Mutuel, kürzlich in der «Schweiz am Sonntag». Er fordert, dass die Finanzierung des Krankenversicherungssystems erneuert werden müsse.

Auch zwei parlamentarische Initiativen widmen sich diesem Thema. In einer verlangt die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel eine Prämienbefreiung für Kinder sowie eine reduzierte Erwachsenenprämie für Jugendliche bis 25 Jahre. Der Walliser SP-Nationalratspräsident Stéphane Rossini fordert zudem, die Prämienkategorien für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu ändern und diese damit zu entlasten. Rossini war mit einer ähnlichen Forderung 2012 beim Bundesrat abgeblitzt.

Je älter, desto mehr Leistungen

Die Kostenexplosion im Schweizer Gesundheitswesen ist enorm. Die Kosten belaufen sich laut Schätzungen für das gesamte Jahr 2015 auf 74,9 Milliarden Franken ein neuer Höchststand. Und ein Ende der Steigerung ist nicht abzusehen. Kostentreiber sind vor allem die Spitäler. Doch auch die Ausgaben für Pflegeheime werden gemäss Prognose im Jahr 2015 erstmals die 10-Milliarden-Franken-Marke durchbrechen. Der Anteil der Gesundheitsausgaben gemessen am Bruttoinlandprodukt soll bis 2016 auf 12,0 Prozent ansteigen. Das hat einen Einfluss auf die Prämien in der Grundversicherung. Diese könnten im kommenden Jahr um durchschnittlich 3 bis 4 Prozent höher ausfallen als 2015.

Der demografische Wandel in der Schweizer Bevölkerung führt dazu, dass sich das Ungleichgewicht der ausgezahlten Kassenleistungen zu Gunsten der älteren Versicherten immer weiter verschiebt. Je mehr ältere Versicherte es gibt, desto höher fallen die Leistungen der Kassen aus. So zahlten im Jahr 2014 nach Angaben von Santésuisse 21- bis 25-Jährige in der Schweiz im Durchschnitt 3234.56 Franken Prämie pro Person im Jahr für ihre obligatorische Krankenversicherung. Sie bezogen aber mit 1564.63 Franken wesentlich weniger Leistungen. Das Bild wandelt sich mit zunehmendem Alter. 66- bis 70-Jährige zahlten zwar 4197.36 Franken Prämie, die Kassen mussten jedoch im Schnitt 6213.50 Franken pro Versicherten auszahlen. Noch deutlicher wird das Missverhältnis in der Altersklasse von 106 bis 110 Jahren: Hier zahlten Kassen jährlich einen Betrag von 28 419.61 Franken an Versicherte aus (siehe Grafik).

Errungenschaft der Gesellschaft

Dem Verband der Schweizer Krankenversicherer Santésuisse ist das Problem bereits lange bekannt. Auf Anfrage wollte man den Vorschlag der Groupe Mutuel allerdings nicht kommentieren. Auch bei Krankenkassen wie der Luzerner CSS hält man sich bedeckt.

Denn das Prinzip der Solidarität ist im Bereich der Sozialversicherung eine «Heilige Kuh». Es gilt als eine Errungenschaft, dass Bürger einer Gesellschaft nicht allein für sich verantwortlich sind, sondern sich Mitglieder einer Solidargemeinschaft gegenseitig Hilfe und Unterstützung gewähren. Doch steht mit dem Vorschlag der Groupe Mutuel die Solidarität gänzlich auf dem Spiel?

Fakt ist, dass Menschen aus diversen Gründen immer älter werden und mit zunehmendem Alter immer mehr Kosten verursachen. Sollte man nicht aber generell im Gesundheitswesen auf die Kostenbremse treten, statt die Jungen gegen die Alten auszuspielen? «Das KVG verlangt mit der Einheitsprämie Solidarität zwischen Gesunden und Kranken und zwischen Armen und Reichen», sagt dazu Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte bei Comparis.ch.

Altersabgestufte Prämien haben seiner Ansicht nach nichts mit Solidarität zu tun, denn junge Versicherte werden schliesslich auch einmal alt. Der Vorschlag der Groupe Mutuel sei gewiss eine mögliche Variante für risikogerechte Prämien. Doch: «Entweder haben wir eine Einheitsprämie mit einem Risikoausgleich und Prämienverbilligungen, oder wir erlauben den Kassen risikogerechte Prämien», so Schneuwly. Risikogerechte Prämien, nach Alter, Geschlecht, Wohnort, Bildung etc. seien allerdings schlecht mit dem Geist einer Sozialversicherung vereinbar und sollten schon gar nicht mit dem Risikoausgleich und Prämienverbilligungen kombiniert werden. «Aus demselben Grund wäre auch die Prämienbefreiung für Kinder falsch», so Schneuwly. Weil die Kassen keine risikogerechten Prämien verlangen dürfen, braucht es also einen wirksamen Risikoausgleich, bei dem Versicherte mit einer guten Risikostruktur Ausgleichszahlungen an Versicherer mit einer schlechten Risikostruktur leisten.

Mindestfranchise von 3000 Franken

Der Bundesrat teilt in einer Stellungnahme im Jahr 2012 die Ansicht, dass die Solidarität eines der wesentlichsten Prinzipien des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (SR 832.10) ist. Er stellte allerdings auch fest, dass es im Interesse des Systems wichtig sei, überprüfen zu können, ob sie funktioniert oder nicht. Gleichzeitig stelle der Bundesrat fest, dass das System des Risikoausgleichs die Kostenunterschiede zwischen Männern und Frauen und zwischen den Generationen zwar zu dämpfen vermag, das System jedoch noch nicht perfekt sei.

Schneuwly plädiert deshalb für eine Verbesserung des Risikoausgleichs. «Wir müssen den Risikoausgleich verbessern, so wie es das Parlament beschlossen hat.» Dabei seien Indikatoren wie Alter und Geschlecht abzuschaffen. Und der Medikamentenkonsum sollte als Übergangsindikator rasch durch Diagnosen und Behandlungsindikationen ersetzt werden. «Zweitens muss die Mindestfranchise von 300 auf 3000 Franken erhöht werden», rät Schneuwly. Denn mit einer höheren Franchise würden die Prämien in der obligatorischen Krankenversicherung sinken. Drittens sollten Prämienverbilligungen gezielter ausgeschüttet werden gewissermassen als Anreiz für Versicherte, Kosten zu senken.

Bild: Grafik: lsi

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