Elektrizitätswerk Villigen
Keine Angst vor Liberalisierung

Verschiedene Gemeinden haben sich angesichts der Liberalisierung des Strommarkts von ihren Versorgungsbetrieben getrennt. In Villigen – wo das gemeindeeigene Elektrizitätswerk 100 Jahre alt wird – setzt man aber weiterhin auf eine eigenständige Elektrizitätsversorgung. Gemeinderat Olivier Moser gibt Auskunft.

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Aargauer Zeitung

Louis Probst

Weshalb die Form eines Eigenwirtschaftsbetriebes für die Elektrizitätsversorgung Villigen?

Olivier Moser: Wir hatten in Villigen die Situation, dass die technische Leitung der Elektrizitätsversorgung während Generationen bei der Familie Finsterwald lag. Nach dem altersbedingten Rücktritt von Urs Finsterwald Ende 2007 musste eine neue Lösung für die technische Leitung gesucht werden. Der Gemeinderat hat sich intensiv mit dem

Update

Die Elektrizitätsversorgung Villigen versorgt in den beiden Ortsteilen Villigen und Stilli 890 Haushaltungen und Gewerbetreibende mit jährlich rund 8,8 Millionen Kilowattstunden Energie. Gemäss Rechenschaftsbericht des Gemeinderates belief sich der Gesamtumsatz des Eigenwirtschaftsbetriebes im vergangenen Jahr auf gut 1,218 Millionen Franken. Der Abschluss ermöglichte eine Einlage von knapp 292 000 Franken in den Fonds für Spezialfinanzierungen. Das Netz der Elektrizitätsversorgung Villigen umfasst 11,14 Kilometer Niederspannungsleitungen, 5,28 Kilometer Mittelspannungsleitungen sowie 11 Trafostationen, 56 Verteilkabinen und eine Rundsteueranlage. (lp)

Wie sieht die Aufgabenteilung zwischen Gemeinde und IBB Strom AG aus?

Moser: Die IBB Strom AG macht alles von der Beratung, über die Zählerbewirtschaftung bis zum Unterhalt des Netzes und zum Pikettdienst. Für Arbeiten am Netz werden dabei auch lokale Unternehmungen berücksichtigt. In der Gemeinde besteht eine Kommission, die für die Elektrizitätsversorgung zuständig ist. Die Finanzen, alle Verrechnungen und das Inkasso laufen über die Gemeindeverwaltung, weil die Elektrizitätsversorgung ja als Eigenwirtschaftsbetrieb geführt wird. Der Stromeinkauf erfolgt, auf der Grundlage eines Vertrages, direkt über das AEW.

Ist es denn noch zeitgemäss, eine kommunale Elektrizitätsversorgung als Eigenwirtschaftsbetrieb zu führen?

Moser: Die Frage ist berechtigt. Die Meinungen gehen auseinander. Ein Stück weit ist das sicher eine Glaubensfrage. Im Verband Aargauischer Stromversorger (VAS) sind aber die Hälfte der Mitglieder Eigenwirtschaftsbetriebe von Gemeinden. In Villigen ist man zudem in der Situation, nicht verkaufen zu müssen. Die Option Verkauf ist zwar geprüft worden. Man hat dabei aber gesehen, dass ein Verkauf gewisse Nachteile mit sich bringen würde.

Anders herum gefragt: Welche Vorteile bringt das «eigene» Elektrizitätswerk?

Moser: Beim Vergleich mit andern Gemeinden sieht man, dass wir in Villigen sicher günstige Strompreise haben. Ziel muss es bei einem Eigenwirtschaftsbetrieb ja schon sein, mit einer schlanken Organisation günstigere Tarife anbieten zu können als die grossen Werke. Ein weiterer Vorteil eines Eigenwirtschaftsbetriebs besteht darin, dass der für die Werke zuständige Gemeinderat Synergien nutzen kann. Bei verschiedenen Hoheiten über die Werke wird alles aufwändiger.

Ist die Form des Eigenwirtschaftsbetriebes nicht schwerfällig, weil letztlich die Gemeindeversammlung das Sagen hat?

Moser: Ich glaube nicht. Eine Aktiengesellschaft wäre zwar zweifellos flexibler in ihren Entscheidungen. Bis jetzt sehe ich aber keine grossen Nachteile unserer Lösung. Sie setzt jedoch voraus, dass die Budgets entsprechend ausgelegt sind und die Projekte gut aufgegleist werden. Wenn das der Fall ist, werden sie von der Gemeindeversammlung auch akzeptiert, Aber das gilt nicht nur für die Elektrizitätsversorgung.

Und die Strommarktliberalisierung? Was wird sie für den Eigenwirtschaftsbetrieb bringen?

Moser: Wir haben uns im Gemeinderat auch Gedanken darüber gemacht, ob bei einer kompletten Öffnung des Strommarkts der Betrieb eines kleinen Gemeindewerks überhaupt noch sinnvoll ist. Weil bis zur vollständigen Öffnung jedoch mindestens noch fünf Jahre vergehen, brauchen wir nicht vorzupreschen. Zudem stehen viele andere Gemeinde-Elektrizitätswerke vor dem gleichen Problem.

Welche Probleme könnten aus einer kompletten Öffnung des Strommarkts für die Elektrizitätsversorgung Villigen denn entstehen?

Moser: Wenn bei einer vollständigen Öffnung des Strommarkts beispielsweise 20 Prozent der Kunden abspringen würden, weil siel ja den Stromlieferanten frei wählen können, müsste man sich sicher Gedanken machen, ob sich der dadurch wesentlich grössere administrative Aufwand für ein eigenes Werk noch lohnt. Grosskunden können bereits heute den Lieferanten wechseln. Weil es in Villigen jedoch nur zwei Grosskunden gibt, ist dieses Risiko nicht allzu hoch. Anderseits sind auch wir frei, den Stromlieferanten zu wählen. Die EnergieLieferverträge können jeweils auf Ende eines Jahres gekündigt werden. Wir sehen aber keinen Grund, unseren Lieferanten - das AEW - zu wechseln.

Wie sieht es denn bei den Finanzen des Eigenwirtschaftsbetriebs Elektrizitätsversorgung Villigen aus?

Moser: Eine Gemeinde sollte nicht Bank spielen. Trotzdem müssen ausreichende Mittel vorhanden sein. Die Elektrizitätsversorgung Villigen steht finanziell gut da. Aber es sind, insbesondere mit der geplanten High-Tech-Zone, auch grössere Investitionen zu erwarten.

Wie weit geht bei der Elektrizitätsversorgung Villigen die Eigenwirtschaftlichkeit? Gibt es irgendwelche Quersubventionierungen?

Moser: Nein. Die Elektrizitätsversorgung liefert auch keine so genannten Konzessionsgebühren in die allgemeine Gemeindekasse ab. Die Mittel, welche die Elektrizitätsversorgung erarbeitet, werden für die Erneuerung des Netzes verwendet. Ziel ist eine preisgünstige und möglichst hundertprozentig verfügbare Stromversorgung.

Neuerdings werden vielerorts Klagen über nichttransparente Stromrechnungen laut. Wie sieht das in Villigen aus?

Moser: Ich habe bis jetzt noch kein Feedback erhalten. Bei unseren Rechnungen und Tarifblättern sieht man aber auf den ersten Blick, was der Strom kostet. Das Gesetz gibt vor, dass die Aufschlüsselung des Preises klar ersichtlich sein muss.

Die Elektrizitätsversorgung Villigen feiert am 13. Juni ihr 100-jähriges Bestehen. Wird es auch eine 150-Jahr-Feier geben?

Moser: Strom werden wir sicher noch haben. Wir wissen aber noch nicht, wer ihn liefern wird.
(100 Jahre Elektrizitätsversorgung Villigen. Tag der offenen Tür im Vorhard. Samstag, 13. Juni, 10 bis 16 Uhr. Festakt um 11 Uhr.)