Werbekampagne
Keine Reklame für Erdogans Türkei: Novartis und Nestlé krebsen zurück

Sie machten Werbung für den Wirtschaftsstandort Türkei. Das sorgte für Kritik. Nun blasen die beiden Schweizer Konzerne Nestlé und Novartis zum Rückzug.

Peter Brühwiler
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Ein Bild aus der Türkei. Im Kanton lächelt nicht jeder Türke zur Abstimmung über die Verfassungsreform. Die Meinungenunter den Türken, die hier wohnen, sind geteilt. LEFTERIS PITARAKIs/key

Ein Bild aus der Türkei. Im Kanton lächelt nicht jeder Türke zur Abstimmung über die Verfassungsreform. Die Meinungenunter den Türken, die hier wohnen, sind geteilt. LEFTERIS PITARAKIs/key

KEYSTONE

Kurz vor dem Referendum über das neue Präsidialsystem in der Türkei lancierte die türkische Exportvereinigung TIM in Istanbul eine Werbekampagne für unter Druck geratenen Wirtschaftsstandort. Einspannen liessen sich für die Kampagne 17 internationale Unternehmen, darunter auch die Schweizer Konzerne Nestlé und Novartis, die in der Türkei 3800, respektive 2300 Mitarbeitende beschäftigen.

Nestlé lobte die Türkei in blumigen Worten: Man werde in Zukunft noch mehr in der Türkei investieren, sagte Landeschef Felix Allemann am Kick-off-Anlass nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. Wenn die Türkei ausländischen Investoren weiterhin Anreize gewähre, werde das Land eine noch rosigere Zukunft haben.

Nun kommt offenbar die Kehrtwende: Wie die Financial Times (FT) heute Donnerstag in ihrer Online-Ausgabe berichtet, hat Nestlé nun angedeutet, sich möglicherweise aus der internationalen Werbekampagne zurückzuziehen. Die nächsten Schritte sollen „in naher Zukunft" geprüft werden. Novartis will laut FT die Ereignisse "weiterhin genau beobachten". Das Timing der Kampagne sei "vielleicht unglücklich" gewesen, soll Novartis-CEO Joe Jimenez diese Woche gegenüber Journalisten gesagt haben.

"Opportunistisches und kurzfristiges Kalkül"

Nicht nur das Timing der Kampagne hat für kritische Stimmen gesorgt. Der Basler Korruptionsspezialist Mark Pieth etwa prophezeite vor Monatsfrist, "das opportunistische und kurzfristige Kalkül der Unternehmen, die an der Kampagne teilnehmen", werde nicht aufgehen. "Man ist sich bewusst, dass Erdogans autokratische Rezepte zum wirtschaftlichen Absturz des Landes führen", so Pieth in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit ihrem Einsatz für die Regierung versuchten die Wirtschaftskapitäne verzweifelt, Boden gutzumachen und ihre Investitionen zu retten.

Das von Präsident Recep Tayyip Erdogan angesetzte Referendum wurde von vielen Staaten kritisiert. Erdogan gewann bekanntlich und wird damit künftig noch autoritärer regieren können als bereits heute. Ob sich dies positiv auf die "noch rosigere Zukunft" des Landes auswirken wird, ist zumindest fraglich. Die Begeisterung von Nestlé und Novartis jedenfalls scheint etwas abgeflaut zu sein.