«Keine Zeit, ans Aufhören zu denken»

Hans Vontobel ist seit 1943 im Geschäft. Heute ist er der älteste Bankier der Schweiz. Er hat acht schwere Wirtschaftskrisen erlebt – und hat dabei eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Der 92-jährige Bankier über seine Lebensweisheiten, gierige Manager und die heutige Jugend.

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Vontobel

Vontobel

Aargauer Zeitung

Christian Dorer, Daniel Imwinkelried

Jeden Morgen fährt Hans Vontobel mit dem Tram ins Büro. Sein Eckbüro bei der Bank Vontobel ist ganz in edlem Grün gehalten. Der Patron hat seine Gewohnheiten: Er sitzt immer am Fenster - und lässt sich auch für das Foto nicht umstimmen

Herr Vontobel, Bankiers werden mit Kritik eingedeckt, da sie an der Finanzkrise Schuld seien. Warum soll ein junger Mensch noch Bankier werden?
Hans Vontobel: Weil es ein faszinierender Beruf ist. Das Schönste im Leben eines Bankiers ist der Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen, darunter Kunden, Angestellte, Schweizer und Ausländer. Leider ist in den vergangenen Jahren einiges schiefgelaufen. Die Bankiers haben sich zu sehr an Zahlen ausgerichtet.

Wie konnte es so weit kommen?
Vontobel: Ich will nicht Richter spielen. Nur so viel: Ich mache den Universitäten den Vorwurf, dass sie diesen Trend zur Zahlengläubigkeit verstärkt haben. Zum Glück gibt es in den USA jetzt eine Gegenbewegung. Ökonomen schreiben nun wieder Bücher darüber, dass nur diejenigen die Wirtschaft verstehen, die auch die Menschen beurteilen können.

Was machen die Hochschulen falsch?
Vontobel: Universitäten fördern den Aberglauben an die Allmacht der Zahlen. Wir können die komplexe Welt der Wirtschaft nicht mit Zahlen erfassen. Denn der grosse Unsicherheitsfaktor ist und bleibt der Mensch. Vor kurzem führte ich in Litauen eine Diskussion mit Studenten. Sie wollten wissen, welcher Weg zum Erfolg führt. Ich antwortete: Erfolg lässt sich nicht nur in Geld messen. Zweitens: Ein junger Mensch, und besonders ein Bankier, sollte sich für möglichst viele Themen interessieren.

Das ist für junge Leute schwierig: Sie stehen im Büro unter Druck und müssen Leistung erbringen.
Vontobel: Glauben Sie denn, dass es für junge Leute aus meiner Generation einfacher war? Während meines Studiums war ich im Aktivdienst. Ich erhielt insgesamt wenige Wochen Urlaub, um die Uni-Prüfungen abzulegen. Es stimmt durchaus, dass junge Menschen unter einem riesigen Erfolgsdruck stehen. Das Argument der fehlenden Zeit ist aber eine Ausrede.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit?
Vontobel: Ich lebe allein. Oft bin ich am Abend nicht zu Hause, weil ich zu Veranstaltungen eingeladen werde. Falls ich aber zu Hause bin, lese ich.

Was?
Vontobel: Bücher über alle möglichen Themen. Geschichte interessiert mich aber ganz besonders.

Leiden Sie nie unter Langeweile wie viele ältere Menschen?
Vontobel: Nein. Die Leute werden heute im Schnitt immer älter, und so dauert auch der Ruhestand immer länger. Viele Menschen wissen nach ihrer Pensionierung aber nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Deshalb sollten sich alle bereits während des Berufslebens für viele Dinge interessieren, damit sie nach der Pensionierung nicht in ein Loch fallen.

Was haben Sie vorgekehrt, damit Ihnen das nicht geschieht?
Vontobel: Ich habe beispielsweise die Stiftung «Kreatives Alter» gegründet. Sie schreibt alle zwei Jahre einen Wettbewerb aus. Jedes Mal melden sich rund 500 Menschen, die forschen, komponieren, musizieren oder schreiben. Ich staune immer, wozu alte Menschen noch fähig sind. Der älteste Teilnehmer am letzten Wettbewerb war übrigens 100 Jahre alt.

Sollen die Menschen auch über das Alter von 65 Jahren hinaus arbeiten können, wenn sie wollen?
Vontobel: Das ist problematisch, denn die Welt wandelt sich rasch. Auch Vontobel ist nicht mehr dieselbe Bank wie vor fünf Jahren. Es gibt neue Produkte und Dienstleistungen, die Arbeitsprozesse verändern sich. Älteren Menschen fällt es oft sehr schwer, Schritt zu halten. Neugierde hilft, um mit der Entwicklung mitzukommen. Leider sind nicht alle Menschen neugierig. Viele sind müde oder sogar erschöpft, wenn es auf die Pensionierung zugeht. Für Unternehmen ist es schwierig, solche Leute weiterzubeschäftigen.

Sie selbst sind Ehrenpräsident der Vontobel-Gruppe und gehen noch jeden Tag ins Büro. Haben Sie nie ans Aufhören gedacht?
Vontobel: Dafür hatte ich gar keine Zeit! Früher habe ich wie die heutigen Manager von morgens bis abends gearbeitet. Am Wochenende nahm ich jeweils eine Mappe mit Akten nach Hause - bis meine Frau sagte, ich solle mir darauf nichts einbilden: Am Wochenende arbeiten sei eine schlechte Gewohnheit.

Was machen Sie heute bei Vontobel?
Vontobel: Ich habe mir meinen Arbeitsbereich geschaffen. So gibt es viele ältere Kunden der Bank, die mich sehen wollen. Ferner suche ich das Gespräch mit jüngeren Mitarbeitern. Sie sind ein Schatz des Unternehmens, der nicht verkümmern darf. Ins Tagesgeschäft mische ich mich nicht ein.

Wie ist Ihre Beziehung als Doyen zu den Bankenchefs?
Vontobel: Manager denken heutzutage oft nur an den Jahresabschluss - auch bei Vontobel. Deshalb versuche ich in Gesprächen mit den leitenden Managern, die langfristige Sichtweise zu fördern.

Wie kommt das an?
Vontobel: Nicht immer gut, aber ich erteile keine Befehle, sondern versuche nur, Anregungen zu geben. So schlage ich langfristige Projekte vor, bekomme dann aber oft die Antwort, dass diese in den ersten drei Jahren keinen Profit einbringen würden.

Was denken Sie über die jungen Leute?
Vontobel: Sie sind ungeduldiger, als wir es waren. Die Erwachsenen sollten jungen Menschen immer wieder Ansporn geben. Ich mache das so. Von der Familie Vontobel arbeiten fünf Mitglieder in der Bank. Auch mit ihnen führe ich regelmässig Gespräche. Sie werden in der Bank nie Karriere machen, nur weil sie aus der Familie stammen. Zudem mache ich ihnen klar, dass sie nur weiterkommen, wenn sie sich auch im Ausland bewähren.

Die Bankbranche ist in eine schwere Krise geraten . . .
Vontobel: . . . das ist schon die achte Finanzkrise, die ich erlebe. Sie verläuft aber anders als frühere.

Warum?
Vontobel: Viele Trends sind in die falsche Richtung gelaufen. So glaubten die Manager, dass sie eine Dienstleistungsfirma dank der Telekommunikation weltweit ausbauen und kontrollieren könnten. Sie huldigten der absoluten Grösse. Das nenne ich den Aberglauben der Rangliste, der aber nie funktionieren wird! Vor kurzem hielt ich vor russischen Studenten in Zürich eine Rede. Ich kam dabei auch auf unsere Bank zu sprechen. Ich sagte, dass wir nicht die Grössten, sondern die Besten sein wollen.

Viele Manager liessen sich eben von der Gier nach viel Geld leiten.
Vontobel: Es scheint so. Das hängt aber auch mit der Ausbildung zusammen. Wir sollten uns hier wieder mehr an einem humanistischen Ideal orientieren.

Ist es nicht menschlich, möglichst viel Geld anhäufen zu wollen?
Vontobel: Es ist eine Frage des Masses. Viele Manager haben das Mass verloren und dann gemerkt, dass Geld nicht immer glücklich macht.

Was macht Sie glücklich?
Vontobel: Eins vorweg: Ich spiele nicht Golf, aus einem einfachen Grund: Mein Vater war ein begeisterter Golf-Spieler. Er wollte, dass ich ebenfalls zu spielen beginne. Ich aber war ein typischer Sohn - und weigerte mich. Stattdessen wandere ich. Am Sonntag mache ich lange Spaziergänge - immer allein. Was heisst für mich Glück? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich marschiere zum Beispiel sehr gern um den Greifensee. Es regnet, und ich setze mich in Niederuster auf eine Bank. Dort gibt es einen Kiosk, wo man Wienerli kaufen kann. Ich esse sie im Regen - und bin glücklich.

Was geht dabei in Ihnen vor, wenn Sie an die wirtschaftliche Lage denken?
Vontobel: Viele Angestellte sind entlassen worden. Gleichzeitig zahlen die Banken hohe Boni. Das passt auf die Dauer nicht zusammen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Bürger das akzeptieren werden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die bürgerlichen Parteien um solche Fragen drücken.

Muss die Politik den Firmen die Boni-Höhe vorschreiben?
Vontobel: Wenn wir aus der Krise nicht die Konsequenzen ziehen und weitermachen wie zuvor, wird dies die freie Marktwirtschaft im höchsten Mass gefährden.

Was wäre die Alternative zur Marktwirtschaft?
Vontobel: Als im Jahr 1789 die Französische Revolution ausbrach, wussten die Revolutionäre auch nicht, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln würde.