KERZENHERSTELLER: Billigimporte trüben die Adventsfreude

Schweizer Kerzenhersteller setzen auf Nachhaltigkeit und nutzen bei der Produktion erneuerbare Energien. Sie haben jedoch mit dem Einkaufstourismus zu kämpfen. Und mit Billigimporten aus Asien und Osteuropa.

Andreas Lorenz-Meyer
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Eine Mitarbeiterin zieht und färbt Kerzen bei der Fischer Kerzen AG in Root. Bild: Philipp Schmidli (Root, 6. Dezember 2016)

Eine Mitarbeiterin zieht und färbt Kerzen bei der Fischer Kerzen AG in Root. Bild: Philipp Schmidli (Root, 6. Dezember 2016)

Im internationalen Vergleich ist die Schweiz eine Kerzen-Hochburg. Der Verbrauch liegt hierzulande pro Kopf bei etwa zweieinhalb Kilogramm jährlich. Weit über dem EU-Schnitt von 1,4 Kilogramm (siehe Grafik). Unverzichtbar im technischen Sinn ist die Kerze längst nicht mehr. Sie bedient eher ein Bedürfnis: Die Leute wollen es zu Hause behaglich haben. Gerade in der Adventszeit steht vielen der Sinn nach Kerzenschein. Entsprechend haben die Schweizer Hersteller momentan viel zu tun. Hanspeter Grosjean, Leiter Verkauf und Marketing der Firma Balthasar aus Hochdorf: «Die Festtage markieren das geschäftliche Highlight des Jahres. Dabei geht es nicht nur um Kerzen am Weihnachtsbaum. Die dunkle und kalte Jahreszeit nährt den Wunsch nach Wärme und Licht – da sind Kerzen allgemein sehr gefragt.»

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Balthasar verkauft rund zehn Millionen Einheiten jährlich. Wobei viele Kerzen in Mehrfachpackungen stecken, bis zu 100 Stück bei Teelichtern. Daher sind die Stückzahlen viel höher. In der Produktion verarbeitet man zu etwa 90 Prozent Paraffin. Dieser Rohstoff wird aus einem Nebenprodukt der Erdölraffination, dem Paraffingatsch, gewonnen. Balthasar verwendet nur Paraffine, die unter dem «RAL Gütezeichen Kerzen» verkauft werden dürfen. Die Anforderungen bei diesem Label: Leuchtende, ruhige Flamme, russarmes Brennen, kein Tropfen. Das Gütezeichen setzt sich bei den Konsumenten immer mehr durch, beobachtet Grosjean. Der Rest der Balthasar-Kerzen besteht aus Stearinen, die auch den RAL-Kriterien entsprechen. Ausgangsprodukte für die Herstellung von Stearinen sind im Allgemeinen pflanzliche Fette und Öle, vorrangig Palmöl, aber auch tierische Rohstoffe wie Rinder- oder Schweinetalg.

Alles biologisch abbaubar

Das Teelicht steht bei Balthasar mengenmässig klar vorne. Ursprünglich diente es im Stövchen der Warmhaltung von Speisen, heute erfüllt es meist dekorative Zwecke. Der Verbrauch in der Schweiz dürfte bei einigen hundert Millionen Stück jährlich liegen, schätzt Grosjean. Bei den traditionellen Kerzen verkaufen sich Rustic- und Raureifkerzen gut. Besonders nachhaltig ist die Balthasar-Green-Linie. Diese Stearin-Kerzen tragen das Nordic-Ecolabel, welches verlangt, dass die Kerze zu über 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Hinzu kommt die Zertifizierung mit dem Green Energy Label, weil man die Kerzen mit Wasser- und Windenergie herstellt. Grosjean: «Wir sehen Nachhaltigkeit nicht nur als Marketinginstrument und wollten mit der Green-Linie etwas anbieten, das so nachhaltig wie möglich produziert ist. Neben dem Rohstoff, dem Baumwolldocht und der Verarbeitung gilt das auch für die Verpackungen. Sie sind bis hin zur Folie biologisch abbaubar.»

Die Green-Linie ist etwas teurer als vergleichbare Kerzen, verkauft sich aber sehr gut. Der Zuwachs liegt seit dem Start 2014 jedes Jahr im zweistelligen Bereich. Die Kunden sind offensichtlich bereit, für Nachhaltigkeit mehr zu bezahlen. Grosjean: «Die Gesellschaft wird sich vermehrt mit der Nachhaltigkeit auseinandersetzen müssen. Bekannterweise verfügt unser Planet über beschränkte Rohstoffressourcen. Das gilt auch für die bei Kerzen verwendeten Grundstoffe. Nachhaltigkeit ist aber nicht gratis. Man muss den Kunden den grossen Mehrwert für die Umwelt klarmachen, bei vergleichsweise geringem Preisaufschlag auf das Produkt.»

Bei Fischer Kerzen aus Root macht das Weihnachtsgeschäft über 75 Prozent des Umsatzes aus. Die Firma verkauft im Jahr mehrere hundert Tonnen. Nach einem Zwischentief steigen die Absatzzahlen wieder. Unter anderem weil man einige Kunden aus der Gastronomie gewinnen konnte. Gastronomische Betriebe zählen zu den Grossverbrauchern in der Schweiz. Hauptverantwortlich für den Aufschwung ist aber der Vertrieb über den Webshop, wo sich die Verkaufszahlen jährlich verdoppeln. Geschäftsführer Daniel Kretz: «2016 machen wir wahrscheinlich bereits über 10 Prozent des Gesamtumsatzes online.»

Steigende Preise für Paraffin

Neben den klassischen Farben, Bordeaux und Weiss, verkaufen sich dieses Jahr Altrosa und Olive gut. Dreidochtkerzen sind auch im Trend. Genau wie durchgefärbte Kerzen, da sie beim Abbrennen schön leuchten und eine sehr lange Brenndauer haben. Sorgen machen Kretz aber der Einkaufstourismus und die Billigkonkurrenz aus Fernost und Osteuropa: «Der Druck durch die Importe ist enorm. In Rumänien oder Bulgarien muss man einem Mitarbeiter pro Stunde zwischen 1.50 und 2 Franken bezahlen, dann hat dieser für dortige Verhältnisse bereits einen sehr guten Lohn.» Man wolle aber weiter in der Schweiz produzieren und setze dabei auf Qualität. Die Firma verarbeitet zu über 90 Prozent Paraffin, sehr wenig Stearin, Palmwachs oder Soja. «Paraffin ist zwar ein Erdölprodukt, aber es steht sowieso zur Verfügung, da diverse Erdöl-Bestandteile für andere Anwendungen benötigt werden», sagt Kretz. Er hält es für «absoluten Blödsinn», Kerzen aus Palmwachs oder Soja als Öko-Kerzen zu bewerben. Denn Regenwälder würden abgeholzt, um Palmöl- oder Sojaplantagen zu pflanzen. In Indonesien hätten sich ganze Inseln in Wüsten verwandelt, weil die Böden nach fünf, sechs Jahren ausgelaugt sind und die Pflanzen absterben. Zudem handle es sich bei Palmöl und Soja im weitesten Sinne um Nahrungsmittel, die im Fall von Kerzen aber nicht gegessen, sondern abgebrannt werden. Es sei besser, so weit wie möglich auf diese Rohstoffe zu verzichten. Stattdessen sollte man den Betrieb ökologisch gestalten. Bei Fischer liefert die für die Produktion nötige Wärmeenergie eine eigene solarthermische Anlage.

Die Rooter Firma beliefert nur den Fachhandel. Man verwendet ausschliesslich reines Paraffin. «Durch den hochwertigen Rohstoff haben die Kerzen einen sehr schönen Abbrand ohne sichtbare Russentwicklung.» Weniger erfreulich: Die Paraffinpreise sind in den letzten fünf bis sieben Jahren um die Hälfte gestiegen. Das, weil der Rohstoffpreis nicht mehr vom Erdölpreis abhängig ist. Bienenwachs, das Stoffwechselprodukt der Biene, verarbeitet Fischer nur in sehr geringen Mengen. Der Rohstoff ist sechs Mal so teuer wie Par­affin und nur in geringen Mengen verfügbar. Zudem, so Kretz, brenne Bienenwachs am schlechtesten ab und russe am meisten.

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch