Interview
Klaus Schwab möchte Joe Biden ans WEF einladen – doch er sagt: «Die Corona-Lage in der Schweiz ist schwierig»

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums kennt den neuen US-Präsidenten seit 20 Jahren. Die Chancen stehen eigentlich gut, dass Joe Biden der Einladung folgt, nur: Findet das WEF auch wirklich wie geplant in der Zentralschweiz statt? Klaus Schwab sagt im Interview, der definitive Entscheid werde demnächst fallen.

Interview: Patrik Müller und Jérôme Martinu
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Kennen sich seit 20 Jahren: WEF-Gründer Klaus Schwab und Joe Biden, der als US-Vizepräsident 2016 nach Davos kam.

Kennen sich seit 20 Jahren: WEF-Gründer Klaus Schwab und Joe Biden, der als US-Vizepräsident 2016 nach Davos kam.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

In normalen Zeiten besucht Klaus Schwab Regierungschefs und Unternehmer rund um den Globus. Seit Corona-Ausbruch ist er aber nicht mehr geflogen. Die fehlenden menschlichen Kontakte machten ihm zu schaffen, räumt Schwab in unserem Gespräch ein, das telefonisch geführt wird.

Wie kam es zum doch überraschenden Entscheid, das Jahrestreffen 2021 statt in Davos auf dem Bürgenstock und in der Stadt Luzern stattfinden zu lassen?

Klaus Schwab: Es besteht ein Bedürfnis, sich endlich wieder einmal begegnen zu können. Videokonferenzen sind in der Pandemie sicher eine Alternative, aber eines kann die virtuelle Kommunikation nicht: Vertrauen schaffen. Dazu braucht es persönliche Kontakte. Allerdings hängt es vom Verlauf der Pandemie ab, ob wir diesem Bedürfnis entsprechen können.

Die Durchführung ist also noch nicht gesichert?

Wir beobachten die Lage laufend und werden zeitnah definitiv entscheiden. Wenn wir den Anlass durchführen, dann an einem Ort, der eine Atmosphäre der Begegnung bietet.

Der Bürgenstock begeistert Klaus Schwab, doch die Coronasituation könnte seine Pläne durchkreuzen.

Der Bürgenstock begeistert Klaus Schwab, doch die Coronasituation könnte seine Pläne durchkreuzen.

Pius Amrein (lz) / Luzerner Zeitung

Eine solche Atmosphäre böte auch Davos. Was spricht für die Zentralschweiz?

Der Ort sollte nicht zu weit weg von einem Flughafen entfernt liegen und für die Durchführung in einem kleineren Rahmen geeignet sein. Auch in Sachen Plenarsäle und Seminarräume bieten Luzern und der Bürgenstock optimale Voraussetzungen.

Das Jahrestreffen ist für Mai 2021 geplant statt wie üblich für Januar. Warum?

Der Mai ist wegen des Verlaufs von Corona wahrscheinlich der frühestmögliche Zeitpunkt. Wir hoffen sehr, dass der Termin möglich ist.

Üblicherweise sind in Davos rund 3000 Gäste anwesend. Und jetzt, wenn der Anlass kleiner wird?

Das ist noch nicht klar, wir wollen in der Planung elastisch bleiben. Stand heute würde ich von 500 bis 1200 Gästen ausgehen. Jedenfalls sicher nicht von 3000.

Klaus Schwab am Haupftsitz des World Economic Forum in Cologny, direkt am Genfersee.

Klaus Schwab am Haupftsitz des World Economic Forum in Cologny, direkt am Genfersee.

Mathias Marx/CH Media

Viele internationale Städte würden das Weltwirtschaftsforum gern beherbergen. Warum gehen Sie nicht ins Ausland?

Wir führen unser Jahrestreffen seit 50 Jahren in der Schweiz durch, mit einer Ausnahme: Nach 9/11 gingen wir 2002 nach New York. Die Zusammenarbeit mit den Behörden ist sehr gut, und unser Land ist auch anerkannt als neutraler Begegnungsort. Die Schweiz ist grundsätzlich gesetzt – solange die Coronalage dies zulässt. Leider ist die Situation aktuell in der Schweiz diesbezüglich schwierig.

Ist die Durchführung davon abhängig, ob bis Mai 2021 ein Impfstoff auf dem Markt ist?

Das positive Szenario lautet: Ein Impfstoff wird noch im Verlauf von 2020 zugelassen – und die Produktion sehr schnell hochgefahren. Das hiesse, dass im ersten Vierteljahr 2021 Teile der Bevölkerung geimpft werden können. In Kombination mit konsequentem Testen könnten wir dann im Mai einen sicheren Kongress durchführen.

Und das negative Szenario?

Das besteht darin, dass es Anfang 2021 eine heftige dritte Welle gibt und sich der Impfstoff verzögert – oder dass dieser nicht so effizient ist wie erwartet. Ein solcher Rückschlag würde bedeuten, dass wir alle noch ein weiteres Jahr mit dem Virus leben müssen. Zwischen dem positiven und dem negativen Szenario gibt es noch ein drittes, mittleres Szenario.

Welche Risiken nehmen Sie für den Kongress in Kauf?

Wir werden den Anlass nur dann durchführen, wenn die Sicherheit und Gesundheit für die Teilnehmer ebenso wie für die Bevölkerung garantiert sind. Das World Economic Forum als Superspreader-Event – das muss ausgeschlossen sein – wegen der Gesundheit der Menschen und auch darum, weil ein solcher Vorfall Folgen für uns als Organisation haben könnte, von denen wir uns nicht mehr erholen würden.

Kommen trotz Corona-Verbreitungsrisiko wirklich die Topleute ans Forum, oder eher die zweite Garde?

2021 wird ein Jahr der Weichenstellung. Erstens geht es um die Bewältigung der Coronapandemie. Zweitens beginnt in den USA eine neue Präsidentschaft. Drittens harren bestehende Probleme und Herausforderungen einer Lösung: die Klimaerwärmung und die vierte industrielle Revolution. Etwa die Hälfte aller Arbeitskräfte muss in den nächsten zehn Jahren neu ausgebildet oder umgeschult werden. Wir müssen diese Themen dringend angehen, und da stehen die obersten Verantwortungsträger in Staaten und Unternehmen in der Pflicht. Mit ihnen wollen wir darüber in Arbeitskonferenzen reden.

Die Coronakrise scheint die Digitalisierung noch zu beschleunigen.

Ja, auf verschiedenen Ebenen. So wird es weniger Geschäftsreisen geben, das ist ein Effizienzgewinn. Und bei der Herstellung von Geräten, etwa Smartphones, wird es eine Verbreiterung geben. Roboter-Fabriken können auch in Europa oder in den USA stehen, es muss nicht nur in China produziert werden. Auch westliche Regierungen werden ihre Widerstandsfähigkeit für derartige Krisen erhöhen wollen.

Haben Sie dem neuen US-Präsidenten Joe Biden schon eine Einladung geschickt?

Er hat als langjähriger Freund einen Gratulationsbrief erhalten. Joe Biden ist mit dem Forum seit über 20 Jahren verbunden. Zweimal trat er als Vizepräsident in Davos auf. Doch schon vorher kam er als Senator regelmässig hierher. Daraus ergab sich eine persönliche Beziehung. Wir müssen ihm nun Zeit lassen, sich auf die Regierungsbildung zu konzentrieren. Wir werden ihn sicher einladen.

Wie haben Sie Biden persönlich erlebt?

Er ist stets hervorragend informiert und tut alles, was er macht, mit Leidenschaft. Die Schicksalsschläge in seiner Familie haben ihn geprägt. Er engagiert sich nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen. 2017 sagte ich bei seiner Einführung in Davos, dass ich fast niemanden kenne, der mit solch grossem Engagement an Sitzungen teilnimmt. Von morgens 7 Uhr bis Mitternacht ist er voll bei der Sache. Das hat mir sehr imponiert. Insofern ist Biden ein Vorbild für andere Politiker, die bloss Reden halten.

Zweimal war Donald Trump am Treffen. Hatten seine Auftritte einen Effekt für den Geist von Davos?

Den gewählten Präsidenten von Amerika am Jahrestreffen zu begrüssen, ist eine Ehre, wie immer man politisch zu ihm steht. Es ergab sich durchaus Positives. Ein Beispiel: Das Forum hat letztes Jahr eine Koalition von Staaten und Unternehmen gebildet, die sich verpflichteten, 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen in den nächsten zehn Jahren. Donald Trump unterstützte das sehr, er rief ein Gremium ins Leben, das die USA mit eigenen Zielsetzungen in dieses Projekt einbindet. Ein Beitrag gegen die Klimaerwärmung.

US-Präsident Donald Trump war zweimal in Davos, zuletzt im Januar 2020.

US-Präsident Donald Trump war zweimal in Davos, zuletzt im Januar 2020.

Gian Ehrenzeller / EPA

Gerade die Klimafrage führt zu verschärfter Kritik am WEF: In diesen Zeiten die Leute einzufliegen, wo man auch virtuell kommunizieren könnte, mache keinen Sinn.

Wir nehmen diese Kritik ernst. Seit Jahren kompensieren wir die CO2-Emissionen unserer Teilnehmer, wir sind also CO2-neutral.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Sicherheitskosten, die der Steuerzahler für den Grossanlass berappen muss.

Die Sicherheit ist der einzige Bereich, dessen Kosten unsere Organisation nicht allein decken kann. Über die Wiener Verträge besteht eine staatspolitische Verpflichtung dafür, wenn ausländische Regierungsvertreter in die Schweiz kommen.

Müssten Sie, um der Kritik aus der institutionellen Politik gerecht zu werden, mehr alternative Meinungsträger einladen?

Das tun wir seit langem. Wir waren die erste Organisation, die Greta Thunberg schon 2019 eine globale Plattform gab. Unsere Kritiker und die Medien konzentrieren sich jeweils auf die Prominenten. Leider werden die vielen alternativen Stimmen, die in Davos zu hören sind – aus Nichtregierungsorganisationen und von ökologischen, sozialen und religiösen Institutionen – von aussen zu wenig wahrgenommen. Schauen Sie sich unser Programm aus den 1970er-Jahren an: Schon damals haben wir uns ernsthaft mit Umweltfragen befasst. Petra Kelly, die Gründungsfigur der deutschen Grünen, hatte damals einen Auftritt bei uns. Nicht unbedingt zur Freude der Teilnehmer.

Greta Thunberg wurde im Januar 2019 von Klaus Schwab ans WEF eingeladen. Schon in den 1970er-Jahren holte er Öko-Vertreter an seine Veranstaltung.

Greta Thunberg wurde im Januar 2019 von Klaus Schwab ans WEF eingeladen. Schon in den 1970er-Jahren holte er Öko-Vertreter an seine Veranstaltung.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die Schweizer Coronapolitik ist relativ liberal, umliegende Länder haben striktere Massnahmen eingeführt. Ihre Meinung dazu?

Mich hat in meinem Studium an der ETH das Phänomen des exponentiellen Wachstums fasziniert. Leider sehen wir es nun am Beispiel der Ausbreitung dieses Virus. Immer wenn es eine exponentielle Entwicklung mit einem R-Faktor von 1,6 oder mehr gibt, ist schnelles Handeln absolut entscheidend. Dann braucht es keinen Lockdown, sondern ein Knock-out. Sonst gerät die Lage ausser Kontrolle.

War der Bundesrat zu zögerlich?

Die Schweiz hat eine sehr anspruchsvolle Ausgangslage, weil sie mit den Nachbarländern eng verflochten ist. In Genf und im Tessin gibt es viele Grenzgänger. Unsere Wirtschaft ist auf sie angewiesen. Zugleich liegt es auch im Interesse der Wirtschaft, die Infektionskurve zu brechen. Ich beneide die Politiker nicht, die jetzt schwerwiegende Entscheide treffen müssen. Es braucht eine Kombination aus harten staatlichen Massnahmen und aus Eigenverantwortung.

Wie gehen Sie persönlich mit der Pandemie um, als einer, für den menschliche Kontakte und Reisen zum Beruf gehören?

Wir hatten in den letzten Monaten mehr als 200 Videotreffen, dieser Tage etwa eine Konferenz zum Thema Cybersicherheit. Ich verbringe täglich etwa sechs bis acht Stunden in Videokonferenzen, seit Ausbruch der Pandemie bin ich nicht mehr gereist. Das geht alles, zugleich macht es sich aber psychisch bemerkbar.

Die Situation schlägt Ihnen aufs Gemüt?

Es entsteht das Gefühl einer Art Aushöhlung. Ich bin ja noch privilegiert, kann teilweise ins Büro und hab eine gute Umgebung zu Hause. Trotzdem fehlt etwas ganz Wichtiges. Ich mache mir Sorgen darüber, wie sich diese Krise auf die mentale Gesundheit der Menschen auswirkt. Ich fürchte, dass die Burn-outs zunehmen.

Was tun Sie, um mental gesund zu bleiben?

Indem ich mich bewusst um meine Widerstandsfähigkeit kümmere. Ich versuche, mich nicht nur von der jetzigen Situation beeinträchtigen zu lassen, sondern mir langfristige Ziele vorzunehmen. Ich habe mich gefreut, nächstes Jahr wieder am Engadiner Skimarathon teilzunehmen, den ich einige Jahre ausgelassen habe. Entsprechend habe ich an meiner Fitness gearbeitet. Nun ist leider die Durchführung des Marathons fraglich. Trotzdem jogge und schwimme ich weiter. Sollte der Engadiner im März stattfinden, wäre ich bereit (lacht).

Klaus Schwab Seit 50 Jahren Gastgeber des wichtigsten Wirtschaftstreffens der Welt

Klaus Schwab Seit 50 Jahren Gastgeber des wichtigsten Wirtschaftstreffens der Welt

Markus Schreiber / AP

Klaus Schwab wurde am 30. März 1938 in Ravensburg (D) als Sohn eines Fabrikdirektors geboren. Er studierte u.a. Maschinenbau an der ETH Zürich und erwarb insgesamt fünf akademische Titel. 1971 führte er mit seiner Gattin Hilde das erste Wirtschaftsforum durch, das sich zum Ziel setzte, «den Zustand der Welt zu verbessern». Die Schwabs haben zwei erwachsene Kinder, die sich beide beim Weltwirtschaftsforum engagieren. Die Organisation mit Sitz in Cologny GE beschäftigt 800 Mitarbeitende.