KLEIDUNG: So kaufen Sie bewusster ein

Wer beim Kleiderkauf auf faire Produktionsbedingungen achten will, hat es schwer. Viele Zertifikate verwirren. Aber der Kunde kann herausfinden, wie die Ware hergestellt wurde.

Nelly Keune
Drucken
Teilen
Kunden wünschen beim Kleiderkauf mehr denn je klare Informationen über die Produktionsmethoden. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Kunden wünschen beim Kleiderkauf mehr denn je klare Informationen über die Produktionsmethoden. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Mehr als 1100 Tote forderte der Zusammenbruch einer Kleiderfabrik in Bangladesch vor wenigen Wochen. Nur kurz zuvor waren mehr als 100 Arbeiterinnen in einer anderen Fabrik verbrannt. Die Menschen in Billigstländern wie Bangladesch oder Pakistan arbeiten für einen Hungerlohn unter verheerenden Arbeitsbedingungen.

Nun fragen sich viele Konsumenten, was sie tun können, um die grossen Modeketten nicht bei der Ausbeutung von Menschen zu unterstützen. Aber wie soll der Konsument herausfinden, welche Kleider fair produziert wurden, wenn Hersteller oft selbst nicht genau wissen, wo die Rohstoffe für ihre Kollektionen herkommen oder wer genau an der Produktion beteiligt war? Denn Modeunternehmen bauen nicht selbst Fabriken auf, sondern lassen in dem jeweils günstigsten Land nähen. Steigen dort die Preise, zieht die Branche einfach weiter. Genäht wird von Subunternehmen, die den Zuschlag der Modehäuser bekommen.

«Grün» heisst nicht fair

Obwohl sich immer mehr Modefirmen mit einer «grünen» Linie schmücken, sorgen die wenigsten für Umweltstandards und faire Arbeitsbedingungen. So hat der schwedische Moderiese H & M in diesem Frühjahr eine Kollektion nachhaltiger Abendkleider und Anzüge aus alten Fischernetzen und Teppichen lanciert. Doch Öko heisst hier nicht fair. «Wie bewusst kann eine neue Modelinie sein, deren Herstellerfirma sich nach wie vor weigert, ihren Arbeiterinnen existenzsichernde Löhne zu bezahlen?», fragt sich Christa Luginbühl von der Clean Clothes Campaign Schweiz, die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Textilbranche einsetzt.

Besonders Öko-Labels können die Konsumenten in die Irre führen. «Das Label Öko-Tex 100 ist ein Schadstofflabel – dabei wird garantiert, dass im Endprodukt gewisse Schadstoffe nicht vorhanden sind. Das Label sagt allerdings nichts über die Arbeitsbedingungen aus», erklärt Luginbühl. Zwar gebe es Biobaumwoll-Labels, die deutlich weiter gehen und auch für faire Löhne und Grundstandards bei der Herstellung stehen, generell könne man aber sagen, dass es heute im Kleidermarkt kein Produktelabel gebe, das gute Arbeitsbedingungen und faire Entlohnung garantieren könne, erklärt die Expertin. Die Fairtrade-Organisation überprüft mit ihrem Certified-Cotton-Siegel zwar die Arbeitsbedingungen in der Baumwollindustrie. Alle weiteren Produktionsschritte bleiben auch hier im Dunkeln.

Orientierung für die Käufer

Deutlich mehr Aussagekraft hat eine Mitgliedschaft bei der Fair Wear Foundation (siehe Grafik), der weltweit 80 Modeunternehmen angehören. «Die Fair Wear Foundation ist heute diejenige Organisation, die im Textilbereich am umfassendsten und transparentesten arbeitet. Die Mitgliedschaft in dieser Initiative kann daher eine Orientierung für die Konsumenten sein», sagt Luginbühl.

Weniger Orientierung biete hingegen der Preis. «Der Preis gibt keine Auskunft darüber, unter welchen Bedingungen ein Kleidungsstück hergestellt wurde», sagt Luginbühl. Denn in den Preisen für Markenprodukte stecken viele Kosten für Werbung, Marketing oder die Ladenmieten in bester Lage. Die Herstellungskosten spielen da kaum eine Rolle. Als Konsument sollte man daher, so Luginbühl, direkt im Laden nach den Produktionsbedingungen fragen und sich darüber hinaus über das Engagement der Firma informieren (siehe Box).

Nachhaltigkeit zahlt sich aus

Dass ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit nicht nur kostet, sondern auch die Kunden lockt, zeigt die Schweizer Firma Switcher. Sie ist der Vorreiter in Sachen nachhaltige und faire Kleidung. Die 1981 gegründete Marke hat schon 1998 einen Verhaltenscode für Lieferanten erarbeitet. 70 Mitarbeiter hat Switcher in der Schweiz, 20 000 Menschen sind in die Herstellung der Kleider involviert. Switcher ist auch das erste Schweizer Vollmitglied der Fair Wear Foundation. Heute werden etwa 90 Prozent ihrer Kleiderproduktion durch die Organisation überprüft. Laut Marc Joss, Direktor Verkauf und Marketing bei Switcher, sei es schwierig einzuschätzen, ob das Interesse der Kunden an fairer Kleidung in den letzten Monaten gestie-gen sei, das schlechte Wetter drücke zurzeit den Verkauf. Switcher stellt aber auch viele Werbegeschenke – meist bedruckte T-Shirts – für Unternehmen und Institutionen her. «Hier stellen wir ganz klar eine grössere Nachfrage fest», sagt Joss.

Die Institutionen und Firmen würden immer strengeren Richtlinien beim Einkauf von Promotionstextilien folgen. «Wir haben die Zertifikate und Prüfberichte für unsere Kleider. Die Einkäufer wollen über jeden Produktionsschritt Bescheid wissen, auch weil sie sich keinen Skandal leisten können.» Problematisch sieht Joss die wachsende Vermarktung von Öko- und Nachhaltigkeitslabels zum Marketingzweck. «Die steigende Zahl an Labels verunsichert die Kunden», kritisiert er.

In jedem Land gebe es andere Labels, und zahlreiche Unternehmen würden einfach ihre eigene Ökolabels erfinden. Für den Kunden sei es sehr schwer nachzuverfolgen, welche Aussagekraft solche Labels wirklich haben. «Wichtig bei einem Label ist ein unabhängiges Audit, und das ist bei vielen Labels nicht gegeben», sagt Joss. Für ihn gibt es nur einen Weg, um die Situation zu verbessern: Die Kunden sollten selbst aktiv werden, nachfragen, bei den Firmen anrufen und vor dem Kauf genau hinschauen.

Nachhaltigkeits-Labels

Fair Wear Foundation

Die Fair Wear Foundation (FWF) ist eine Organisation, die Unternehmen hilft, soziale Standards zu überprüfen. Die FWF gilt in der Branche als höchster Standard, da sie sowohl aus Unternehmen als auch aus Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen besteht. Über 80 Unternehmen bekennen sich zu den Standards. Mitglieder sind zum Beispiel Odlo, Switcher, Transa oder Mammut.

Respect-code.org

Bei der Schweizer Kleidermarke Switcher ist jedes Produkt mit einem Code versehen. Gibt man ihn auf der Website ein, erfährt man so gut wie alles über die Herstellung und den Transport. Es gibt genaue Angaben, wo und von wem die Rohstoffe stammen und wo der Stoff gewebt wurde.

Business Social Compliance Initiative

Die BSCI ist eine Initiative, die von Unternehmen selbst geführt wird. Die Standards werden aber von der Clean Clothes Campaign als zu niedrig erachtet. Es gehe den Unternehmen primär darum, die Geschäftsrisiken für die BSCI-Mitglieder zu reduzieren, anstatt die Probleme anzugehen, so die Kritik.

Global Organic Textile Standard

wird für Kleidung vergeben, die 70 bis 90 Prozent Biofasern enthält. Stellt Anforderungen bei der Herstellung und bei den sozialen Standards.

Max Havelaar

Fairtrade Cotton steht für partnerschaftliche Beziehungen zu Kleinbauern, faire Preise für Baumwolle und sozial verträgliche Produktionsbedingungen.