Kleine Kredite für grosse Pläne

Eine Fotografin möchte ihr Angebot auf Porträtbilder ausweiten, ein Coiffeur plant den eigenen Salon, ein Informatiker will Senioren betreuen: Der Verein GO! vergibt Mikrokredite, damit marktfähige Ideen umgesetzt werden können.

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Aargauer Zeitung

Andrea Trueb

«Kredite unter 50 000 Franken sind von Banken schwer bis gar nicht zu bekommen oder aber nur zu horrenden Zinsen», sagt Ruedi Winkler. Diese Lücke will der Verein GO! mit der Vergabe von Mikrokrediten schliessen. Wer Geld will, muss keinen fixfertigen Businessplan, aber einen Finanzplan vorlegen. Materielle Sicherheiten werden nicht verlangt, wichtig sind eine gute Idee und der dazu nötige Markt. «Nahe am Menschen», seien die meisten der bisher eingegangenen Vorschläge, erzählt Winkler. Ein Mikrokredit wurde bereits bewilligt, fünf stehen kurz davor. Unterstützt wird die Idee einer Fotografin, die über Kundschaft verfügt, ihr Angebot aber auf Porträtaufnahmen erweitern möchte und dafür Geld braucht. Die Rückzahlung muss in der Regel innert drei Jahren erfolgen.

Zur Person

Ruedi Winkler ist Präsident des Vereins GO! welcher Mikrokredite an angehende Selbstständigerwerbende abgibt. Hauptberuflich ist Winkler Inhaber eines Büros für Personal- und Organisationsentwicklung in Zürich. Der ehemalige Kantonsrat und Präsident der SP Kanton Zürich arbeitete während 17 Jahren im Arbeitsamt der Stadt Zürich, zuerst als Abteilungsleiter, dann acht Jahre als Direktor. (ant)

Bank trägt kein Risiko

250 000 Franken hat die Zürcher Kantonalbank für einen Fonds für die Vergabe erster Kredite gesponsert. Gleichzeitig besteht zwischen der ZKB und dem Verein GO! eine Zusammenarbeit. Konkret übernimmt die Bank das Kreditmanagement, zieht 6 Prozent Zinsen ein. Die Rückzahlungen gehen wieder in den betreffenden Fonds, allenfalls nicht zurückbezahlte Kredite hat auch der Fonds zu tragen, für dessen Wiederäufnung GO! verantwortlich ist.

In der Regel würden Mikrokredite zuverlässig, nämlich zu 90 Prozent zurückgezahlt, sagt Winkler. Dies hätten Erfahrungen aus Deutschland, Frankreich und Belgien gezeigt, die das System Mikrokredit sei Jahren kennen. Dennoch rechnet der GO!-Präsident nicht damit, dass der Betrieb eines Tages schwarze Zahlen schreibt. «Wenn man daran verdienen könnte, wären die Banken bei dem Geschäft ja dabei.» Insbesondere die intensive Begleitung der Kreditnehmer schlage zu Buche, so Winkler. Läuft die dreijährige Anschubfinanzierung durch die Stadt Zürich aus, muss der Verein Sponsoren suchen und rechnet weiter mit Unterstützung der öffentlichen Hand.

Kurzfristige Notlagen

Auch an langjährig Selbstständigerwerbende gewährt GO! Mikrokredite, wenn eine Firma trotz guter Auftragslage vorübergehend finanzielle Engpässe hat. Aufgrund der angespannten Wirtschaftslage kämen solche Notlagen häufiger vor. Z.B. muss das für einen Auftrag benötigte Material den Lieferanten im Voraus bezahlt werden - gleichzeitig zögert der Kunde die Bezahlung der Rechnungen hinaus.

Schon als Direktor des Stadtzürcher Arbeitsamts hat Ruedi Winkler eine Stelle aufgebaut, mit der Arbeitslose auf dem Weg in die Selbstständigkeit finanziell unterstützt werden konnten. Damals sei das Geld aber einfach abgegeben worden, da das Amt ja nicht als Bank funktionieren durfte. Trotzdem sei ihm der Gedanke an eben diese Mikrokredite seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Auch persönlich hat Winkler den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt: «Als das städtische Arbeitsamt vom Kanton übernommen wurde, dachte ich: Jetzt ist der Moment gekommen.» Dieser Moment dauert jetzt schon acht Jahre an. Seit 2001 betreibt der 68-Jährige in Zürich ein Büro für Personal- und Organisationsfragen. Dank seiner politischen Tätigkeit und den Jahren als Direktor des Arbeitsamts verfüge er über viele soziale Kontakte, die wiederum zu Aufträgen führten, erzählt Winkler: «Es läuft gut.» Nachdenklich stimmt den ehemaligen SP-Politiker hingegen, dass zurzeit durch die Arbeitslosigkeit «viel Potenzial und Fähigkeiten» brachliegen und auf der anderen Seite die Beschäftigten unter einer zunehmenden Arbeitslast leiden: «Das ist ein Knopf, den wir lösen müssen.» Auf der Suche nach einer Lösung denkt Winkler über die Idee eines gesicherten Grundeinkommens für alle nach.

Bis dahin kann er zumindest einen Teil der ungenutzten Fähigkeiten durch die Vergabe von Mikrokrediten aktivieren.