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Klimaschützer verhelfen der Kohle zum Comeback

Kohle ist plötzlich wieder gefragt. Davon profitieren zurzeit auch Rohstoffkonzerne wie der Zuger Multi Glencore. Einen Anteil am grossen Comeback der schlimmsten aller CO2-Schleudern haben dabei ironischerweise auch die Klimaschützer.
Daniel Zulauf
Der Abbau von Kohle rentiert wieder – zumindest vorläufig: Blick auf einen Braunkohle-Tagebau im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. (Getty)

Der Abbau von Kohle rentiert wieder – zumindest vorläufig: Blick auf einen Braunkohle-Tagebau im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. (Getty)

Spätestens seit dem Pariser Weltklimagipfel vor drei Jahren gehören Massnahmen zum Klimaschutz auch in der Versicherungswirtschaft zum guten Ton. Das Eigeninteresse der Assekuranz liegt auf der Hand: Eskaliert die Erderwärmung zur globalen Klimakatastrophe, sind viele Risiken gar nicht mehr ver­sicherbar. Der Assekuranz ginge so ein bedeutender Teil ihrer Geschäftsgrundlage verloren.

Besonders stark exponiert sind die Rückversicherer. Sie decken ihre Erstversicherungskunden typischerweise weltweit gegen die Gefahren von Naturkatastrophen und sind nur bedingt in der Lage, besonders exponierten Gefahrenzonen auszuweichen. Klimaschutz ist für diese Konzerne deshalb gleichbedeutend mit Selbstschutz. Dieser Logik folgend, hat sich die Münchner Rück, der weltgrösste Rückversicherer, diese ­Woche verschiedene Selbstbeschränkungen im Geschäft mit Kohlebergwerken und Kohlekraftwerken auferlegt. Investitionen in Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften, sind für die Münchner fortan tabu. Noch weiter geht die Swiss Re. Anfang Juli kündigte sie an, sie werde sich die 30-Prozent-Limite nicht nur für Investitionen, sondern auch für die Gewährung von Versicherungsdeckungen auferlegen.

Massnahmen kurbeln Geschäft von Kohleproduzenten an

Zur Umsetzung ähnlicher, teilweise auch weniger weit gehender Ausschlussmassnahmen haben sich in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche grosse europäische Versicherungskonzerne verpflichtet. Dass diese allesamt auf die Kohleindustrie abzielen, kommt nicht von ungefähr: Der Brennstoff ist für einen sehr bedeutenden Teil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Doch die Massnahmen zur Eindämmung der voranschreitenden Erderwärmung sind weitgehend wirkungslos. Bei den weltweit grössten Kohleproduzenten kurbeln sie das Geschäft sogar an.

«Um die Kohleproduktion wirksam einzuschränken, wären eigentlich absolute und keine relativen Höchstmarken nötig.»

Glencore, der weltweit grösste privatwirtschaftliche Kohleproduzent mit einem jährlichen Ausstoss von über 120 Millionen Tonnen, generiert gerade mal 13 Prozent des Konzernumsatzes mit Kohle, wie die aktuellen Zahlen zum ­Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr zeigen. Der Zuger Rohstoffmulti ist so breit aufgestellt, dass er locker durch die ­Maschen fällt. Dasselbe gilt auch für die wichtigsten Mitbewerber von Glencore. Die britische Anglo American produziert rund 50 Millionen Tonnen Kohle im Jahr, die australische BHP Billiton rund 70 Millionen Tonnen und die brasilianische Vale gut 10 Millionen Tonnen. Im Gegensatz zu diesen Mischkonzernern ist die amerikanische Arch Coal (etwa 100 Millionen Tonnen) zwar ein reiner Kohleproduzent, doch die US-Assekuranz kennt keine Ausschlussmassnahmen nach europäischem Muster.

Glencore legt kräftig zu

Der Bergbau- und Rohstoffkonzern Glencore hat im ersten Halbjahr 2018 sowohl mehr Umsatz als auch mehr Gewinn erzielt. Dank mehr Barmitteln konnte die Nettoverschuldung weiter reduziert werden. Für die nähere Zukunft zeigt sich das Unternehmen zuversichtlich und erhöht entsprechend die Prognose für den Betriebsgewinn im grösseren Marketinggeschäft.

Der Umsatz erhöhte sich um knapp 5 Prozent auf 108,6 Milliarden US-Dollar, wie Glencore gestern mitteilte. Das Marketinggeschäft, welches neben den Handelsaktivitäten auch das Dienstleistungsgeschäft umfasst, trug dazu rund 80 Prozent bei. Der Betriebsgewinn verbesserte sich um 23 Prozent auf 8,27 Milliarden und der den Aktionären zustehende Reingewinn um 13 Prozent auf 2,78 Milliarden Dollar.

Von den verschiedenen Geschäfts­bereichen haben sich laut Glencore insbesondere die Divisionen Metals and ­Minerals sowie Energy Products gut entwickelt. Dagegen sei die Division Agricultural Products von tieferen ­Getreideerträgen in verschiedenen Ländern belastet worden. Hier verspricht sich das Unternehmen aber eine verbesserte Entwicklung im zweiten Halbjahr.

CEO Ivan Glasenberg äusserte sich zufrieden mit dem ersten Semester: «Die Stärke unseres diversifizierten ­Geschäftsmodells und unseres Rohstoff-Mixes wurde erneut unter Beweis gestellt», sagte er. Er bezeichnete das Handels- und Rohstoffpreisumfeld im ersten Semester als «volatil, aber vorteilhaft». Er gehe auch nicht davon aus, dass die globalen Handelsstreitigkeiten die Nachfrage beeinträchtigen werden. (sda)

«Um die Kohleproduktion wirksam einzuschränken, wären eigentlich absolute und keine relativen Höchstmarken nötig», sagt Oliver Marchand, Gründer des Zürcher Beratungsunternehmens Carbon Delta, das die Versicherungswirtschaft mit Risikoanalysen versorgt. Eine solche Limite von 20 Millionen Tonnen pro Jahr und Unternehmen schlägt beispielsweise die Klimaschutzorganisation Unfriend Coal vor. Unter dieser Begrenzung wären Glencore, BHP oder Anglo American nicht mehr versicherbar.

Extrem starke Preisentwicklung für Kohle

Diversifikation ist offensichtlich ein ­geeignetes Mittel, um den Auflagen der Versicherer zu entkommen. Dass der deutsche Energiekonzern RWE im März nur zwei Jahre nach der Ausgliederung seiner Tochterfirma Innogy die Reintegration des Ökostromgeschäfts angekündigt hat, ist für Marchand kaum ­Zufall. RWE produziert im grossen Stil Strom aus Braun- und Steinkohle und hätte für die Assekuranz zu einem Problem werden können. Als diversifizierter Produzent mit einem grossen Anteil Ökostrom gilt auch RWE wieder als gut versicherbar.

Ironischerweise erweisen sich die von den Klimarisiken motivierten Versuche zur Eindämmung der weltweiten Kohleproduktion für die grössten Kohleproduzenten derzeit sogar als Vorteil. Glencore-Chef Ivan Glasenberg sprach gestern anlässlich der Präsentation der Halbjahreszahlen von einer «extrem starken» Preisentwicklung für Kohle. Das Angebot hält mit der starken Nachfrage vor allem aus China nicht mehr mit. Vom Betriebsgewinn des Konzerns in den ersten sechs Monaten stammt fast ein Viertel aus dem Kohlegeschäft.

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