Frankenstärke
KMU-Experte über kleinen Firmen: «Man war sich vielleicht zu sicher»

Der KMU-Experte der Credit Suisse Andreas Gerber spricht im Interview über die Frage, wie die kleineren Firmen in der Schweiz auf den Frankenkurs reagieren.

Roman Seiler
Merken
Drucken
Teilen
KMU-Experte Andreas Gerber: «Innovation lässt sich nicht befehlen.»

KMU-Experte Andreas Gerber: «Innovation lässt sich nicht befehlen.»

Zur Verfügung gestellt

Herr Gerber, KMUs gelten als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Sind sie das noch?

Andreas Gerber: Zweifellos. Zwei Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz sind für KMUs tätig. Diese KMUs sind weiterhin sehr erfinderisch. Ihre Innovationskraft ist ungebrochen.

Unter den KMUs finden sich nach wie vor «Hidden Champions», Weltmarktführer, die kaum einer kennt?

KMU-Experte Andreas Gerber: «Innovation lässt sich nicht befehlen.»

KMU-Experte Andreas Gerber: «Innovation lässt sich nicht befehlen.»

Zur Verfügung gestellt

Wie viele solcher «Hidden Champions» gibt es?

Die KMU-Landschaft besteht aus rund 600 000 Firmen. Spitzenbetriebe, die in gewissen Bereichen Weltmarktleader sind, gibt es zwischen 500 und 600. Sie sind teilweise gar innovativer als Grosskonzerne. Diese kaufen Innovationen teilweise ein, bei kleinen, spezialisierten Firmen.

Wegen der Frankenstärke stagniert die Schweizer Wirtschaft. Was bedeutet das für KMUs?

Das Umfeld ist härter geworden. Man war sich vielleicht auch zu sicher, dass der Euro-Mindestkurs ewig Bestand haben wird. Jetzt sind wir wieder in
der Realität angekommen.

Wie wirkt sich das aus?

Für Firmen, die bereits vor dem Wegfall der Untergrenze Schwierigkeiten hatten, um wettbewerbsfähig zu bleiben, verschlechterte sich die Situation massiv. Zu spüren bekommen es aber auch Betriebe, die bereits sehr innovativ, fokussiert und international aufgestellt waren. Unternehmer, die sich bereits vor einigen Jahren entschieden haben, gewisse Arbeiten ins Ausland auszulagern, oder nicht mehr selber auszuführen, stehen besser da. Das gilt für Absatz, Produktion und Einkauf.

Unter der Frankenstärke leidet, wer alles aus der Schweiz heraus macht?

Wer die ganze Wertschöpfungskette aus der Schweiz heraus leistet, und nicht automatisiert hat, leidet am stärksten. Diese Firmen haben einen hohen Personalaufwand und damit hohe Kosten. Die können auch nicht schnell genug auf die Frankenstärke reagieren.

Und wie steht es mit KMUs, die in der Binnenwirtschaft tätig sind?

Die sind ebenfalls betroffen, vor allem als Zulieferer. Daneben leidet der Detailhandel stark unter dem Einkaufstourismus. In den Bergregionen ist es der Tourismus. Er ist viel stärker betroffen als derjenige in den Städten. Zum einen sind aktuell Städtereisen in Europa per se angesagt. Dazu kommt, dass beispielsweise Zürich oder Luzern von der Erschliessung neuer Auslandsmärkte wie Asien oder dem Mittleren Osten profitieren. Eine deutsche Familie hingegen überlegt sich angesichts des für sie teuren Frankens, ob sie nicht einfach nach Italien an den Strand fahren solle statt nach Graubünden, ins Tessin oder ins Wallis.

Investieren KMUs im Inland in die Automatisierung ihrer Betriebe oder verlagern sie ins Ausland?

Der Auslandsanteil der Investitionen von Betrieben belief sich 2014 auf rund 15 Prozent. Dieser Anteil wird zunehmen. Aber ich sehe auch viele Firmen, die in die Automatisierung am Standort Schweiz investieren. Das bedeutet, dass Arbeitsplätze abgebaut werden. Sie werden von Maschinen ersetzt.

Die Beschäftigung sinkt. Trifft dies weniger gut Qualifizierte?

Ich rechne nicht mit einer massiven Abnahme der Beschäftigung in der Schweiz. Aber die Betriebe benötigen andere Arbeitnehmer als heute. Es braucht insbesondere mehr Ingenieure und Spezialisten, die in der Forschung und Entwicklung eingesetzt werden können. Für weniger gut ausgebildete Arbeitnehmer wird es in der Industrie schwierig.

Ihre Studie besagt, dass KMUs weniger Regulierungen wollen. Wieso?

Bewilligungsverfahren, insbesondere für Bauvorhaben, dauern zu lang. Im Extremfall vergehen vom Entscheid, ein neues Gebäude bauen zu wollen, bis zum Vorliegen der Baubewilligung bis zu zwei Jahre. Im Ausland geht das viel schneller. Es stellt sich auch die Frage, ob das Arbeitsgesetz nicht noch stärker liberalisiert werden sollte. Wenn ich einen Mitarbeiter zehn statt wie in Deutschland oder Frankreich sieben Stunden arbeiten lassen kann, erziele ich einen Produktivitätsgewinn gegenüber ausländischen Mitbewerbern. Damit lässt sich der Preisnachteil reduzieren. Das muss aber mit den Sozialpartnern sauber ausgehandelt werden.

Lesen Sie hier auch den Kommentar zu diesem Thema.