Rezession
Knurrende Mägen statt Kaviar

Bis zu 40 Prozent Einbussen verzeichnen die Betreiber von Partyschiffen seit diesem Monat auf dem Zürichsee. Grund dafür sind markante Einbrüche bei den früher gut florierenden Geschäftsausflügen.

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Schiff

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Limmattaler Zeitung

Hans-Heiri Stapfer

Seit diesem Monat herrscht bei den privaten Fahrgastschiffen Ebbe: «Bis Ende Mai hat unsere Branche den wirtschaftlichen Einbruch wenig gespürt», sagt Kurt Bertschinger, Obmann der vor drei Jahren ins Leben gerufenen Vereinigung private Fahrgastschifffahrt Zürichsee.

Zwischen Schmerikon und Zürich sind die insgesamt zwölf Schiffe privater Schifffahrtsunternehmer passagiermässig hinter der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) und der Autofähre Horgen-Meilen AG so etwas wie die dritte Kraft. Sie führen jährlich über 1000 Fahrten aus. In dieser Sparte überflügeln sie die ZSG massiv, welche jährlich lediglich zu rund 400 Extrafahrten ausläuft.

Scharfer Biswind

Nun bekommen die insgesamt neun Betreiber dieser Fahrgastschiffe auf dem Zürichsee den scharfen Biswind der Rezession zu spüren. «Markant eingebrochen sind die Geschäftsanlässe», sagt Kurt Bertschinger, «in diesem Segment stellen wir eine Reduktion um die Hälfte fest.» Praktisch auf null zurückgegangen sind die Buchungen von Beraterfirmen sowie Anlässe zur Team- oder Weiterbildung von im Finanzsektor tätigen Firmen.

Event-Agenturen, die früher gute Kunden der Partyschiffbetreiber waren, lassen kaum mehr von sich hören. Doch nicht überall haben die Banken den Rotstift angesetzt: Gut gebucht werden nach wie vor Rundfahrten für die Beziehungspflege mit wichtigen Kunden.

Unternehmungen, die sich nach wie vor eine Fahrt auf dem Zürichsee gönnen, treten bei der Spesenrechnung auf die Bremse. «Statt teurer Champagner wird nur noch Prosecco eingeschenkt», weiss Kurt Bertschinger als Betreiber des Fahrgastschiffes «Sentosa» aus eigener Erfahrung. Vielfach fällt bei Geschäftsausflügen auch der Lunch an Bord weg. Lachs mutiert zur Rarität, Kaviar sowieso. Diese Entwicklung trifft empfindlich das zweite Standbein der Partyschiffbetreiber, das Catering an Bord.

Betriebsleiter als Kellner

Die Betreiber des Oldtimer-Partyschiffes «Etzel» haben bereits reagiert: «Wir bieten vermehrt einfache Gerichte an und kochen selbst, statt den Auftrag einem Catering-Unternehmen zu vergeben», sagt Betriebsleiter Stefan Hellstern, der vermehrt als Kellner auf der «Etzel» mithilft, um so Kosten zu sparen.

Um die mehrheitlich aus dem Finanzsektor herrührenden Ausfälle zu kompensieren, läuft die «Etzel» häufiger zu öffentlichen Sonderfahrten aus, so etwa zu einem Bingo-Plausch oder einem ungarischen Abend. Dabei sind die Betreiber des ältesten Motorschiffes auf dem Zürichsee noch mit einem blauen Auge davongekommen: Zehn Prozent weniger Fahrten verbuchte die «Etzel»-Crew gegenüber dem Vorjahr.

Auch die ausserhalb des Dunstkreises des Finanzplatzes Zürich operierenden Betreiber von privaten Fahrgastschiffen spüren die Rezession. «Gegenüber dem Vorjahr registrieren wir einen Rückgang der Fahrten um rund 30 Prozent», sagt Karl Rickli, Eigentümer des grösstenteils auf dem Obersee operierenden MS «Seestern». Er glaubt, dass sich die Situation noch weiter verschärfen könnte, wenn in der Region die Sorge um den Arbeitsplatz zunimmt.

Vermehrt stellt er fest, dass nicht nur die Unternehmungen den Rappen zweimal umdrehen, sondern auch die Privatpersonen. «Die Kunden sind kostenbewusster geworden», sagt Rickli, «wählen vielfach günstigere Weine oder Menüs.» Immerhin, viele lassen sich ihre Geburtstagsfeier oder die Hochzeit auf dem Wasser nicht von den düsteren Konjunkturaussichten nehmen.