Kolumne

Die gute Vorhersage basiert auf Demut und Disziplin

Prognosefähigkeiten sind mit jahrelanger Disziplin erlernbar. Das heisst nicht, dass man immer richtig liegen wird. Aber es macht den Unterschied zum Mittelmass aus.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

Prognosen für das Jahr 2021 abzuliefern, ist schwierig. Aber es ist nicht unmöglich, denn das Entscheidende ist die Vorgehens- und Denkweise. Eine gute Vorhersage ist in Demut begründet, das heisst in der grundlegenden Erkenntnis, was man nicht weiss. Das ist ziemlich viel. Eine gute Vorhersage erfordert ein selbstkritisches, offenes, neugieriges und sorgfältig strukturiertes Denken. Der Wille, sich konstant verbessern zu wollen, und die Bereitschaft und Hingabe, mit allen technologisch verfügbaren Mitteln zu arbeiten, sind die wichtigsten Voraussetzungen, die Vorhersagen stetig zu verbessern.

Verlässlich sind nicht zwingend jene, die in Medien porträtiert werden. Manchmal dient eine Talkshow unter Experten eher der Unterhaltung und Platz darin finden nicht selten jene, welche die schwärzesten Vorhersagen machen. Umgekehrt glauben manche, man könne nichts prognostizieren. Dieselben versuchen gleichzeitig, den Stau am Morgen auf dem Weg ins Büro zu vermeiden. Weil sie sich aus ihrem Erfahrungsschatz längst strukturelles Wissen über das Verhaltensmuster im lokalen Strassenverkehr angeeignet haben, wissen sie, wann mit grosser Wahrscheinlichkeit die ideale Zeit ist, um am schnellsten an den Arbeitsplatz zu gelangen. Unser Alltag ist unentwegt von einer Reihe von Vorhersagen geprägt.

Prognosefähigkeiten sind mit jahrelanger Disziplin erlernbar. Das heisst nicht, dass man immer richtig liegen wird. Aber es macht den Unterschied zum Mittelmass aus. Talent allein reicht nirgendwo hin. Das weiss auch jeder Skirennfahrer. Jahrelanges Training in unterschiedlichsten Schnee- und Witterungsverhältnissen mit immer ausgefeilteren Analysen und sorgsam präparierten Materialien sind notwendig, um überhaupt Siegfahrer-­Potenzial zu erlangen. Und wenn man mal in einem Rennen einfädelt, heisst das noch lange nicht, dass an den grundlegenden Fähigkeiten zu zweifeln ist.

Genauso verhält es sich mit Wirtschaftsprognosen. Als wie ein «Schwarzer Schwan» das Coronavirus auftauchte, verliess ich mich auf Epidemie­Experten. Noch Ende Januar hiess es, dass das wohl mit Sars zu vergleichen sei und kaum auf Europa übertragen würde. Norditalien sei durch die 500'000 chinesischen Fremdarbeiter speziell exponiert, aber ansonsten habe man alles im Griff. Auch der US-Präsident, von teuren Experten umgeben, liess verkünden, dass das «chinesische» Virus keine Bedrohung darstelle. Die Kapitalmärkte feierten diese Einschätzungen und sorgten für Höchstkurse im Februar. Doch alsbald stellte sich heraus, dass sich das Virus viel schneller verbreitet, als die Fachkräfte sich es je vorgestellt hatten.

Prognosefähigkeiten zu verbessern, bedeutet auch, auf Dogmen zu verzichten – oder diese zumindest zu hinterfragen. Die meisten meiner Kollegen verabscheuten schon zu Studienzeiten die keynesianische Wirtschaftspolitik. Doch genau diese führt gegenwärtig die Volkswirtschaften am effektivsten zurück zu ihrem langfristigen Pfad. Nicht felsenfeste Überzeugungen, sondern Zweifel gehören zum Handwerk der richtigen Prognose.

Das Raffinierte von Google, Facebook und Amazon besteht darin, dass sie unser Verhalten mit einer guten Wahrscheinlichkeit vorhersagen können. Zugrundeliegende Algorithmen und Big-Data-Analysen ermöglichen, gewisse Muster zu erkennen – genauso, wie wir es im Berufsverkehr tun. Entsprechend attraktiv sind deren evidenzbasierten Plattformen für die Werbewirtschaft.

Um Mustererkennung geht es auch in makroökonomischen Feldern. Expertenwissen ist zentral, schliesslich soll es nicht zu einer Debatte unter Blinden kommen, die sich über die Farben des Regenbogens streiten. Wenn viele Einkaufsmanager mit ihrem jeweiligen unternehmensspezifischen Hintergrund ein Frageset zu den kommenden Quartalen beantworten, führt das zu einer kollektiven Informationsmenge, zu einer Art Schwarmintelligenz. Diese Vielfalt von Perspektiven aus unterschiedlichen Branchen, Regionen und Ländern gilt es, möglichst zeitnah und richtig zu nutzen. Wenn eine Vielzahl sagt, sie würden in den nächsten sechs Monaten höhere Umsätze erwarten, deshalb mehr Personal einstellen und mehr Vorräte einkaufen, ist das ein wichtiger Indikator für die Wirtschaftsentwicklung. Das Momentum ist stets erfreulich, wenn die Werte über 50 liegen. Das entspricht dann einer Beschleunigung des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Ach ja, und wie wird das Jahr 2021 verlaufen? Das würde hier den Rahmen sprengen. Nur eins aus dem jüngsten Indikatorenset: Derzeit liegen die Einkaufsmanager-Indexwerte aus der Industrie und dem verarbeitenden Gewerbe bei hohen 56 (USA) und 57 (Eurozone, Britannien).

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).