kOLUMNE
Der Pate Trump und die Doppelmoral

Man fragt sich fassungslos, warum viele Millionen von Amerikanern Trump wählten.

Monika Roth
Monika Roth
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Donald Trump

Donald Trump

Bild: Alex Brandon / AP

Es sind gute Zeiten für die Empörungskommunikanten aus der Ecke der Doppelmoralträger. Dazu zählen nicht nur Twitter und Facebook. Im Echo der Zeit (7. Januar 2021) hat ein Schweizer Parlamentarier nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington zur Person Trump gesagt, dass er seinen Narzissmus und seine Twitter-Sprüche und seine Lügen verurteile, aber Trump habe nicht allzu viel falsch gemacht.

Ich habe beim Schreiben der Kolumne plötzlich nicht mehr glauben können, dass das tatsächlich so formuliert wurde und habe es erneut verifiziert. Dass Trump sich ohne jedes Unrechtsbewusstsein wie ein Mafioso verhält, war schon vor seiner Wahl bekannt (und war gut recherchiert in Sachbüchern und Zeitungsartikeln nachlesbar) wie auch, bei wem er «in die Schule gegangen» ist (dem Rechtsanwalt Roy Cohn, von dem ein anderer Anwalt sagte, dass er «pure evil», das reine Böse, verkörpere).

Man fragt sich fassungslos, warum viele Millionen von Amerikanern ihn trotzdem wählten – jetzt und schon vor vier Jahren. Und man muss sich erneut fragen, was es heisst, wenn die Wirtschaft, wie die NZZ titelte, sich vom «Trumpismus» verabschiedet. Heisst das, dass man dem Rassisten, Frauenverächter, Demokratiefeind und Korruptionsprofiteur jahrelang den Hof gemacht hat– auch nachdem er sich als eiskalter Saboteur der Coronaprävention erwiesen hat? Was bedeutet dies hinsichtlich der Frage integren Wirtschaftens (diese Frage stelle ich nur rhetorisch). Trump der eitle Brandstifter hat einen Flächenbrand an Dreistigkeit, Dummheit und Ignoranz verbunden mit Gewalt angerichtet, dessen Flammen und Gestank sehr lange die Gesellschaft bedrohen und verpesten werden. Er hat eine Etappe der politischen und gesellschaftlichen Unkultur begonnen, die uns alle prägen wird.

Lukas Bärfuss hat 2016 in einem Gespräch in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung»das, was ich anspreche, wie folgt auf den Punkt gebracht (am Beispiel der Abgasbetrügereien bei VW und der daran beteiligten Manager): «Der Vater erklärt nach der Arbeit seinem Kind, weshalb man in der Schule nicht abschreiben soll, und überlegt sich dann, wie er am besten die Gesetze aushebeln kann.» Warum ist das essenziell? Bärfuss sagte zu Recht: «Wenn es innerhalb des moralischen Apparates eines Individuums keine Kohärenz gibt, wie soll es sie dann erst in der Gesellschaft geben?» Darum ist schlimm, wenn Äusserungen wie die vorgenannte fallen, die alles relativieren wollen.

Dass Trump sein ganzes Leben lang rücksichts- und skrupellos nur tat, was ihm nützt, ist seit vielen Jahren sattsam bekannt. Ich vergesse nie die kaum zu ertragenden Bilder der TV-Debatte gegen Hillary Clinton, wo er zum Gaudi von Primitivlingen Clinton von hinten wie ein Stück Vieh betrachtete. Das passte ins Muster seiner «Pussy-Stories», die an Peinlichkeit und Widerlichkeit kaum zu überbieten sind. Gaspard Gantzer, der Berater von François Hollande war, beschreibt in einem Buch den Besuch von Trump in Paris (11. November 2016), als dieser in einer Rede zu Hollande und den Gästen respekt- und stillos sagt: «I love your women, I love your wife, I love you.» Für die Anwesenden ist klar: «Donald Trump se fout de nous. Il nous prend pour des billes» (Deutsch: Er verarscht uns, er hält uns für Idioten).

Ich habe mich in den Trump-Jahren und besonders jetzt zurückversetzt gefühlt in meine Zeit am Gymnasium und den Geschichtsunterricht, wo der Zweite Weltkrieg kein Thema war (auch auf Nachfragen nicht) und wir da standen und uns fragten: Wie war das alles möglich? Wenn ich sehe, was Trump-Fanatiker zum Besten (beziehungsweise zum Schlimmsten) geben und tun,– ja dann weiss ich: Alles ist leider auch heute und weiterhin möglich. Allein schon die Sprachwahl von Trumps Umfeld (z.B. Steve Bannon aus seinem «war room») lehrt einen das Fürchten.

Monika Roth ist Professorin und selbstständige Rechtsanwältin.

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