Kolumne

Über bewundernswürdige Vorbilder

Tragen wir mit unserer Bewunderung von Einzelpersonen zu deren Arroganz bei? Nein, die Bewunderung ist nicht das Problem; sie kann uns zu viel Gutem motivieren.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Vor wenigen Tagen führte ich eine interessante Diskussion über Arroganz in der Arbeitswelt. Dabei ging es auch um die Frage, inwiefern unser Hang zur Bewunderung von sehr erfolgreichen Personen zu deren Überheblichkeit beiträgt. Sollten wir nicht besser diesem ganzen Personenkult abschwören und unsere Bewunderung einstellen? «Nicht unbedingt», würde uns die amerikanische Philosophin Linda Zagzebski antworten. Sie traut der Emotion der Bewunderung eine Menge zu: So kann uns etwa die Bewunderung für eine Person dazu bewegen – im Wunsch, es ihr gleichzutun – über uns hinauszuwachsen. Bewundernswürdige Menschen zeigen uns auf, wie menschliche Exzellenz realisiert werden kann – sei es in der Kunst, in der Berufswelt, im Sport oder in der Moral. Interessant ist in diesem Kontext, dass Zagzebski zwischen zwei Formen von Bewunderung unterscheidet, nämlich der Bewunderung für angeborene Fähigkeiten wie ein grosses mathematisches Talent und der Bewunderung für erworbene Fähigkeiten und Haltungen wie Mut. Beides weckt in uns dieses eigentümliche Gefühl der Bewunderung, doch nur im letzteren Fall taugt es dazu, der bewunderten Person nacheifern zu wollen, sie quasi als Vorbild für sich zu sehen.

Das tönt nun allerdings sehr nach Psychologie, weniger nach Philosophie, denken Sie? Ja und nein. Ja, weil Linda Zagzebski eine bemerkenswerte akademische Offenheit beweist und psychologische (und neurowissenschaftliche) Forschung stark in ihre Arbeit integriert. Nein, weil sie als Philosophin darüber hinausgeht und aufbauend auf der Emotion der Bewunderung eine ganze Moraltheorie mit verschiedenen Typen moralischer Vorbilder entwirft, die sogenannte «exemplarische Moraltheorie» (engl.: exemplarist moral theory).

Ich bin erst vor kurzem auf diese im Jahr 2017 ausformulierte Moraltheorie gestossen und seitdem ganz fasziniert davon. Mir ist nämlich keine zeitgenössische Moraltheorie bekannt, die Vorbilder derart ins Zentrum rückt und damit auch Fragen der moralischen Motivation und des Lernens. Diese neuartige Moraltheorie erkennt an, dass wir Menschen sehr zur Unvollkommenheit neigende Wesen sind (um es freundlich auszudrücken), die vor allem vom Beispiel anderer Menschen lernen und sich von faszinierenden Narrativen und (Auto-)Biografien motivieren lassen. Entsprechend verknüpft Zagzebski ihre Typologie moralischer Vorbilder mit der Schilderung realer Personen, die als 1) Held, 2) Heiliger oder 3) Weiser bewundernswürdig sind.

Während der Held insbesondere Mut als dominante Tugend verkörpert, zeichnet sich der Heilige vor allem durch Barmherzigkeit und der Weise – nicht überraschend – durch Weisheit aus. Selbstverständlich wirft das Ganze auch viele, durchaus kritische Fragen auf, und doch: Die Einsicht, dass uns Vorbilder anhand ihres Beispiels durch das unwägbare Gelände der Moral lotsen, indem sie uns nicht nur zeigen, wie es aussieht, sondern auch wie es zu bewältigen ist und sie uns dabei zu dieser Anstrengung motivieren, kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Die Parallelen zum Konzept des sogenannten «ethical leadership» liegen auf der Hand; schliesslich zeichnen sich solche Führungskräfte u.a. dadurch aus, dass sie sich ihrer Vorbildfunktion – auch in ethischer Hinsicht – bewusst sind. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage vom Anfang («Tragen wir mit unserer Bewunderung von Einzelpersonen zu deren Arroganz bei?») nun präziser beantworten: Nicht die Bewunderung ist das Problem – sie kann uns zu viel Gutem motivieren. Stattdessen sollten wir besser hinschauen, wer eigentlich unsere Bewunderung verdient. Es ist zu vermuten, dass sich die wahren Vorbilder, die wahren Leader nicht zur Arroganz verleiten lassen – auch nicht durch unsere Bewunderung.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.