KONJUNKTUR: Chinas Wirtschaft ist verwundbar

Die chinesische Wirtschaft wächst so langsam wie seit langem nicht mehr. Sorge bereiten Ökonomen die immer weiter wachsenden Schulden, das extrem auseinanderklaffende Einkommensgefälle – und Trump.

Felix Lee/Peking
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Ein Arbeiter sitzt vor einem Plakat des Businessviertels in Peking. (Bild: Ng Han Guan/AP (16. Januar 2017))

Ein Arbeiter sitzt vor einem Plakat des Businessviertels in Peking. (Bild: Ng Han Guan/AP (16. Januar 2017))

Felix Lee/Peking

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Eigentlich müssten Börsianer platzen vor Spannung, wenn Chinas Statistikamt alljährlich im Januar das Wirtschaftswachstum des zurückliegenden Jahres bekannt gibt – immerhin handelt es sich um die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt, die mit so ziemlich allen Ecken dieser Erde intensiven Handel betreibt.

Doch dem ist in diesem Jahr nicht so. Um 6,8 Prozent ist Chinas Wirtschaft im zurückliegenden vierten Quartal gewachsen. Auf das Gesamtjahr 2016 berechnet, lag das Wachstum bei 6,7 Prozent. Das gaben die amtlichen Statistiker gestern in Peking bekannt. Weder gab es anschliessend bemerkenswerte Ausschläge auf den Aktienmärkten, noch zeigte sich sonst ein Ökonom sonderlich überrascht. Der Grund: Beide Werte entsprechen ziemlich genau dem, was die chinesische Führung vor einem Jahr vorgegeben hatte – trotz des niedrigsten Werts seit 26 Jahren.

Privatkonsum wird angekurbelt

Als «wenig überraschend» bewertet der Analyst Shuang Ding von Standard Chartered Chinas derzeitiges Wachstum. Er verweist darauf, dass nach einem jahrzehntelangen Boom mit teils zweistelligen Wachstumsraten die Führung in Peking das exportlastige Wirtschaftsmodell stärker auf die Binnenkonjunktur ausrichten und den privaten Konsum ankurbeln will. Dafür nehme sie ein schwächeres Wachstum bewusst in Kauf. «Die Wachstumsraten werden tendenziell zurückgehen», erwartet aus denselben Gründen auch der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Für 2017 geht die chinesische Führung nur noch von einem Wachstum von 6,5 Prozent aus.

Sehr viel mehr lohnt sich aus Sicht der Experten der Blick auf die Details. Vor allem der hohe Schuldenstand bereitet ihnen Sorge. Die Schulden machen inzwischen 277 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus und sind in einem Jahr um fast 20 Prozentpunkte gestiegen. Viele neue Kredite würden aufgenommen, um Zins und Tilgung für Altschulden stemmen zu können, schreibt die UBS in ihrer aktuellen Studie.

Hinzu kommt, dass die Regierung auch weiter massiv Kreditspritzen vergibt und die Staatsausgaben in die Höhe treibt, um eine zu starke Abschwächung der chinesischen Wirtschaft zu verhindern. Nur so kommt sie auf den exakt von ihr vorgegebenen Wachstumswert von 6,7 Prozent. Nachhaltig sei dieses Vorgehen nicht, kritisieren Ökonomen.

Auch der Konsum bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das hängt unmittelbar mit dem weiter kräftig auseinanderklaffenden Einkommensgefälle zusammen. Während die Reallöhne im vergangenen Jahr im Schnitt um 6,3 Prozent stiegen – und damit geringer als das Wirtschaftswachstum –, bleibt die Schere zwischen Arm und Reich in der offiziell kommunistischen Volksrepublik eine der grössten weltweit. Ein Prozent der reichsten Chinesen besitzen mehr als einen Drittel des Volksvermögens, während das ärmste Viertel der Bevölkerung nicht einmal auf ein Prozent kommt. Die Superreichen werden immer reicher, das Vermögen der Armen wächst sehr viel langsamer. Doch mehr Geld für Superreiche führt in der Regel nur geringfügig zu mehr Konsum. Sie besitzen in der Regel schon alles, was sie benötigen.

Unbelegte Vorwürfe von Trump

Mit Donald Trump als neuem US-Präsidenten droht Chinas Wirtschaft 2017 zudem eine ­Reihe weiterer Unsicherheiten. Trump hat zuletzt mehrfach gegen die Volksrepublik gewettert und Peking unfaire Handelspolitik und Währungsmanipulation vorgeworfen. China würde seine Währung bewusst niedrig halten, um mehr Waren zu exportieren. Diesen Vorwurf kann Trump zwar nicht belegen, er droht aber trotzdem mit Strafzöllen von 45 Prozent auf sämtliche chinesische Einfuhren. Ein Handels- und Währungskrieg würde China hart treffen, befürchtet Louis Kuijs von Oxford Economics in Hongkong.