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KONJUNKTUR: Die Schweiz verliert an Schwung

Die heimische Wirtschaft schrumpft im ersten Quartal 2015 leicht. Dies könnte der Anfang einer längeren Durststrecke sein, sagen Experten.
Das Ende des Euro-Mindestkurses bremst die Schweizer Wirtschaft in den ersten vier Monaten des Jahres. (Bild: Getty)

Das Ende des Euro-Mindestkurses bremst die Schweizer Wirtschaft in den ersten vier Monaten des Jahres. (Bild: Getty)

Bernard Marks

Die schwachen Export- und Importzahlen, welche die Eidgenössische Zollverwaltung vorgestern veröffentlicht hatte, liessen es bereits erahnen. Jetzt ist es Gewissheit. Gestern bestätigte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine schwächere Wirtschaftsleistung der Schweiz. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sank im ersten Quartal 2015 um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das ist der erste Rückgang seit vier Jahren (siehe Grafik). Negative Impulse kamen wie erwartet von der Handelsbilanz mit Waren und Dienstleistungen sowie aus dem Handel und dem Gastgewerbe. Die um 0,5 Prozent anziehenden Konsumausgaben der privaten Haushalte und privaten Organisationen konnten einen stärkeren Rücksetzer verhindern.

Die Konjunkturforscher von BAK Basel waren bereits davon ausgegangen, dass die massive Frankenaufwertung zu Beginn des Jahres bereits im ersten Quartal den Güteraussenhandel kräftig ausbremsen würde. Ökonomen hatten für die ersten drei Monate eine Stagnation oder einen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal prognostiziert. Die Schweizer Wirtschaft steht somit laut BAK Basel vor grossen Herausforderungen.

Parallelen zum Jahr 2011

«Die Entwicklung im ersten Quartal ist im Rahmen dessen ausgefallen, was wir erwartet haben», sagt Eric Scheidegger, Leiter Direktion für Wirtschaftspolitik beim Seco. Doch der zuvor beobachtete Aufschwung sei mit der ­starken Frankenaufwertung nun ausgebremst, erklärt der Ökonom weiter. Interessant zu beobachten sei es, dass bereits im Jahr 2011 Ähnliches passiert sei. Im 3. Quartal 2011 gab der Euro zum Franken stark nach. In der Folge setzte die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 6. September 2011 die Untergrenze zum Eurokurs auf 1.20 Franken fest. «Das wirtschaftliche Umfeld war anschliessend in der Schweiz stark belastet», sagt Scheidegger. Dieses Bild zeige sich aktuell auch. «Doch 2011 hatten wir anschliessend 13 Quartale positives Wachstum», erläutert er. Ob es diesmal ähnlich kommen wird? Eric Scheidegger ist skeptisch. «Damit es besser wird, muss es zu einer deutlichen Korrektur im Wechselkurs zwischen dem Euro und dem Franken kommen», sagt er. Doch wann dies zu erwarten sei, ist auch für Experten wie ihn ungewiss.

«Währungsdrama» nicht beendet

Immerhin: «Im Vergleich zu 2011 ist das internationale Umfeld heute deutlich günstiger», erläutert Scheidegger. Die Weltwirtschaft war damals in einer schlechten Verfassung. Heute ist die Eurozone aus der Rezession heraus. Die Prognosen für die Konjunktur sind leicht positiver für die EU, vor allem in den USA bestätigt sich der gute Konjunkturverlauf. «Das wirkt zumindest teilweise kompensierend auf die Frankenstärke.»

Zwischenzeitlich haben sich die Wechselkursunterschiede zu anderen Währungen wie zum Beispiel zum Dollar oder zum Pfund wieder deutlich entspannt. Was bleibt, ist die Euro­schwäche. Angesichts der Problematik, dass für viele internationale Anleger der Franken als Sicherheitswährung dient, sieht Scheidegger für einen baldigen Wandel der Situation aber wenig Chancen. Die EZB-Geldpolitik und damit das gesamte Zinsumfeld in Europa bleiben langfristig belastend für den Euro.

«Das schweizerische Währungsdrama ist noch längst nicht zu Ende», ist auch Tobias Straumann überzeugt. Er ist Wirtschaftshistoriker mit Spezialgebiet Finanz- und Währungsgeschichte und lehrt an den Universitäten Basel und Zürich. «Die Eurokrise ist nicht überwunden», sagt Straumann. Das sei zwar keine neue Einsicht, aber «man muss es immer wieder deutlich sagen», ergänzt er. Die ganze Situation erinnere ihn an die 1970er-Jahre, als der Dollar und das britische Pfund sehr schwach gegenüber dem Franken notierten. «Die Jahre zwischen 1969 und 1979 waren für die Schweiz deshalb sehr schwierig», sagt Straumann. «Die Industrie verlor Zehntausende von Arbeitsplätzen.» 1978 wurde vorübergehend auch die Deutsche Mark schwach. «Die Nationalbank musste damals temporär eine Untergrenze zum Franken einführen, was gut funktioniert hat», erinnert Straumann. Erst als die Inflation in den USA gesenkt wurde, sprich die Zinsen stiegen, wurde die Währungssituation insgesamt besser. Der Experte warnt daher davor, die Auswirkungen der Eurokrise zu unterschätzen. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Länder wie Schweden oder Norwegen.

Situation bleibt schwierig

«Es kann noch lange dauern, vielleicht bis zu fünf Jahre, bis sich die Währungssituation zwischen Franken und Euro wieder entspannt hat», sagt Straumann. Die SNB bleibe daher in einer schwierigen Situation. «Der momentane Wechselkurs von 1.03 Franken zum Euro wird das Wachstum stark bremsen. In diesem Zusammenhang müsste sich die SNB überlegen, wieder vermehrt am Devisenmarkt aktiv zu werden, um den Franken abzuschwächen», empfiehlt Straumann. Allerdings dürfe man sich keine Illusionen machen. «Mit Deviseninterventionen allein lässt sich ein Niveau von 1.10 Franken zum Euro nicht erreichen.» Entwarnung geben auch neueste Konjunkturdaten nicht. Für den Monat Mai deutet sich zwar eine leichte Entspannung an. Das Konjunkturbarometer der Forschungsstelle KOF der ETH Zürich stieg im Mai um 3,3 auf 93,1 Punkte. Trotz dieser Verbesserung dürfte die hiesige Wirtschaft aber unterdurchschnittlich wachsen, schreibt die KOF. Zwar hätten sich die Perspektiven der Industrie verbessert. Weniger optimistisch schätzen die Forscher die Lage im Baugewerbe und beim inländischen Konsum ein.

Bild: Quelle: Seco / Grafik: Oliver Marks

Bild: Quelle: Seco / Grafik: Oliver Marks

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