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KONJUNKTUR: «Die Wachstumsbremsen lösen sich»

Die Weltwirtschaft erholt sich langsam. Von den Wachstumsniveaus von vor der Krise ist sie aber noch weit entfernt. Der renommierte Ökonom Thomas Helbling erklärt, warum.
Interview Hans-Peter Hoeren
Thomas Helbling, Ökonom beim internationalen Währungsfonds. (Bild: Keystone)

Thomas Helbling, Ökonom beim internationalen Währungsfonds. (Bild: Keystone)

Thomas Helbling, wo steht die Weltwirtschaft sechs Jahre nach dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise?

Thomas Helbling: Nach einer erneuten Wachstumsabkühlung im Gefolge der Krise in der Eurozone ist die Weltwirtschaft dabei, sich zu erholen. Aber die Erholung ist ungleichmässig. In einigen Industrieländern wird die Rückkehr zu höherem Wachstum erst später erfolgen. Die USA entwickeln sich klar zu einem Zugpferd, in der Eurozone wächst vor allem Deutschland stark. Die Erholung in den südeuropäischen Ländern hingegen ist noch sehr schwach. Auch die Wachstumsdynamik in den Schwellenländern ist im Wandel.

Wie meinen Sie das?

Helbling: Nach einer phänomenalen Erholung der Schwellenländer unmittelbar nach der Krise ist jetzt klar, dass diese hohen Wachstumsraten nicht nachhaltig waren. Sie tragen immer noch viel mehr zum globalen Wachstum bei als die Industrieländer. Der Anstieg des Weltwirtschaftswachstums, das wir für dieses und das nächste Jahr prognostizieren, stammt hingegen von den Industrieländern.

Wie fallen denn unterm Strich die Aussichten für die globale Weltwirtschaft aus, tendenziell optimistisch oder eher verhalten?

Helbling: Vorsichtig optimistisch, würde ich sagen. Die von der Krise ausgelösten Wachstumsbremsen lösen sich langsam. Die Banken vergeben zum Beispiel wieder mehr Kredite. Aber einigen Banken fehlt immer noch das Kapital, um das Kreditvolumen noch stärker ansteigen zu lassen. Ein anderer Grund zur Vorsicht: Paradoxerweise führen die verbesserten Wachstumsaussichten in den Schwellenländern zu erhöhten Risiken. Der Hauptgrund sind die Aussichten für eine geldpolitische Normalisierung in den USA und die Auswirkungen auf die Kapitalströme in die Schwellenländer. Da aber die Normalisierung sehr langsam sein sollte, darf man diese Risiken auch nicht überschätzen.

Wie weit ist die Weltwirtschaft von den Wachstumsniveaus von vor der Krise entfernt?

Helbling: Vor der Krise ist die Wirtschaft weltweit stark gewachsen, ganz klar über dem Trend. In den vier Jahren von 2004 bis 2007 war das Weltwirtschaftswachstum über 5 Prozent. Der Boom war fast universell; die meisten Länder sind schnell gewachsen. Das hat dazu beigetragen, dass sich das Wachstum in den verschiedenen Regionen gegenseitig verstärkt hat. Wir gehen nicht davon aus, dass das Wachstum der Weltwirtschaft in absehbarer Zeit auf das Niveau von vor der Krise zurückkommt. Für 2014 prognostizieren wir ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,6 Prozent, für 2015 3,9 Prozent. Wir merken aber, dass die Schatten der Krise immer noch auf der Weltwirtschaft lasten.

Welche Schatten meinen Sie genau?

Helbling: Es bleibt die grosse Sorge, dass das Finanzsystem in den westlichen Industrieländern, insbesondere in der Eurozone, noch immer nicht vollständig genesen ist. Es hat zwar eine Bereinigung stattgefunden, es gibt aber immer noch zu viele faule Kredite in den Bankbilanzen. Auch die Eigenkapitalausstattung einiger Banken in der Eurozone ist noch nicht auf einem ausreichenden Niveau. Hinzu kommt die nach wie vor sehr hohe Staatsverschuldung in der Eurozone, aber auch in den USA und Japan. Das Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Leistung und den Schulden ist in vielen Staaten immer noch zu hoch. Das schränkt den Investitionsspielraum vieler Länder ein.

Die Schatten sind quasi Altlasten der Krise, wo sehen Sie aktuell die grössten Risiken für einen neuerlichen Abschwung der Weltwirtschaft?

Helbling: Es gibt aktuell zwei zentrale Abwärtsrisiken. Zum einen das Risiko einer sehr niedrigen Inflation über einen längeren Zeitraum in den Industriestaaten. Das Problem ist nicht per se die niedrige Inflation. Es geht vielmehr darum, dass die Inflation wahrscheinlich länger unter den Zielsetzungen der Zentralbanken bleibt. Wenn das zu niedrigeren längerfristigen Inflationserwartungen führt, würde das bedeuten, dass die Realzinsen höher sind als gewollt. Das wiederum würde die Gesamtnachfrage dämpfen. Die höhere reale Schuldenbelastung wirkt in dieselbe Richtung. Unter normalen Umständen wäre das kein Problem. Die Notenbanken könnten einfach die Geldpolitik lockern und rasch Gegensteuer geben. Aber da die Leitzinsen schon bei null oder nahe bei null sind, ist die Möglichkeit zum Eingreifen beschränkt. Ungewollte Disinflation (Anmerkung der Redaktion: eine Verringerung des Preisniveauanstiegs) könnte sich dann in ein längerfristiges Problem entwickeln.

Und was ist das zweite Abwärtsrisiko?

Helbling: Hier geht es um die Schwellenländer. Es besteht die Gefahr, dass die Anpassung der Schwellenländer an höhere Zinsen länger dauert als erwartet. Die höheren Zinsen hängen vor allem mit der Drosselung der lockeren Geldpolitik in den USA zusammen.

Was passiert in den Schwellenländern, wenn die Anpassung an die höheren Zinsen länger dauert als erhofft?

Helbling: Mit den höheren Zinsen sind die Kapitalkosten in den Schwellenländern gestiegen. Dort sieht man die wirtschaftliche Zukunft etwas weniger optimistisch als vor einigen Jahren. Das hat schon dazu geführt, dass weniger investiert wird. Dies wiederum hat zur Wachstumsabkühlung beigetragen. Wir haben das in unseren Prognosen berücksichtigt. Es kann aber sein, dass Investitionen noch länger niedriger bleiben als erwartet. Dies würde den Aufschwung in den Schwellenländern hinauszögern.

Werden China und die Schwellenländer der Motor der Weltwirtschaft bleiben?

Helbling: China und die Schwellenländer werden auch künftig die Motoren der Weltwirtschaft sein und weiterhin stärker wachsen als die westlichen Industrieländer. Aber ihr Motor wird sich langsamer drehen. Im Vergleich mit den letzten Jahren wird sich die Wachstumsgeschwindigkeit von China wahrscheinlich etwas verlangsamen. In einigen anderen Schwellenländern scheint das ebenfalls realistisch. Wir rechnen für China mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums von 7,5 auf 6,5 Prozent über die nächsten fünf Jahre.

Das grosse Thema an den Finanzmärkten ist der Ausstieg der US-Notenbank aus der ultralockeren Geldpolitik, wo liegen hier die grössten Risiken?

Helbling: Im Mai vergangenen Jahres wurden die Märkte von der Ankündigung der US-Notenbank überrascht und reagierten kurzzeitig geschockt. Mittlerweile ist dieser Prozess des kontrollierten Zurückfahrens der zusätzlichen Anleihekäufe unter Kontrolle. Die Marktteilnehmer wissen, woran sie sind.

Dennoch ist dieser Ausstieg ein diffiziler Prozess, der grosse Ausschläge an den Finanzmärkten auslösen kann.

Helbling: Wir sehen die Schwierigkeiten eher im nächsten Jahr. Wir wissen, dass die Arbeitsmarktsituation einen grossen Einfluss auf die Entscheidungen der US-Notenbank hat. Aber die Einschätzung der Arbeitslosigkeit könnte schwierig werden. Es stellt sich die Frage, wie viele Leute, die gegenwärtig weder arbeiten noch nach Arbeit suchen, sich wieder um eine Anstellung bemühen, wenn die Wirtschaft anzieht. Wenn das viele sind, würde das bedeuten, dass die Beschäftigung anzieht, ohne dass die Arbeitslosigkeit stark fallen würde. Es würde auch bedeuten, dass der Lohndruck verhalten bleibt.

Und wie wahrscheinlich ist das?

Helbling: Das Fed und auch Analysten erwarten das. Wenn es aber weniger sein werden, die wieder einsteigen wollen, könnte die Arbeitslosigkeit schneller fallen und der Lohndruck würde stärker ansteigen. Für den Lohndruck wird auch wichtig sein, wie schnell die Langzeitarbeitslosen wieder Beschäftigung finden. Man kann sich also eine Situation vorstellen, in der die US-Notenbank den geldpolitischen Hebel schneller anziehen könnte als erwartet. Für die Einschätzung dieses Risikos ist aber die gegenwärtige Arbeitslosenrate nicht unbedingt wegweisend. Das führt zur Unsicherheit.

Wann erwarten Sie denn die Zinswende, die ja auch für die Hypothekenbesitzer in der Schweiz von grosser Bedeutung ist?

Helbling: Bei den langfristigen Zinssätzen hat die Zinswende ja bereits im vergangenen Jahr begonnen und ist aktuell stehen geblieben. Punkto Leitzinsen hingegen hat die US-Notenbank signalisiert, dass sie diese in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres langsam anheben will. Wir erwarten, dass die Zinssätze sehr langsam angehoben werden. Denn die Gefahr von Preisdruck und Inflation ist eher gering. Wenn aber eine Situation entsteht, in der die Inflation schneller ansteigt als gewollt und die US-Notenbank die Zinsen anhebt, dann verläuft dieser Prozess weniger kontrolliert. Das könnte zu Verunsicherung und Verwerfungen an den Finanzmärkten führen.

Von den USA zurück nach Europa, wie stabil ist die Eurozone?

Helbling: Die Eurozone ist sicher krisenfester, die Volkswirtschaften vieler Euroländer beginnen sich auf einem schwachen Niveau zu erholen. Die Eurozone ist ein exemplarischer Fall, dass die Erholung nach einer Finanzkrise sehr zögerlich und langsam verläuft. Es hat schon Reformfortschritte gegeben. Dennoch stehen in vielen Ländern immer noch Strukturreformen aus. Auch die Verschuldung vieler Euroländer ist nach wie vor zu hoch.

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