KONJUNKTUR: Gute Aussichten für die Wirtschaft 2015

Die Wirtschaft der Zentralschweiz wächst 2015 überdurchschnittlich stark. Konjunkturforscher Martin Eichler attestiert den Unternehmen der Region eine hohe Wettbewerbsfähigkeit.

Interview Rainer Rickenbach
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Der Detailhandel in der Zentralschweiz, wie hier in Luzern, profitiert zwar von einer wachsenden Bevölkerung, doch die Konkurrenzsituation bleibt anspruchsvoll. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Der Detailhandel in der Zentralschweiz, wie hier in Luzern, profitiert zwar von einer wachsenden Bevölkerung, doch die Konkurrenzsituation bleibt anspruchsvoll. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Martin Eichler, Sie sagen der Schweizer Wirtschaft für 2015 ein Wachstum von 1,9 Prozent voraus. Dieses Jahr wuchs das Bruttoinlandprodukt bislang um 1,4 Prozent. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Martin Eichler: Aus dem internationalen Umfeld: In den USA signalisieren die Zeichen wieder Wachstum. In China verlangsamt sich das Wachstum zwar, doch ist die Wirtschaft dort inzwischen auf einem bedeutend höheren Niveau angekommen. Wenn in der grössten asiatischen Volkswirtschaft die Wirtschaft um 7 Prozent wächst, ist das für die nach China exportierenden Schweizer Unternehmen eine sehr gute Nachricht.

Die wichtigsten Handelspartner der Schweizer Unternehmen sind aber die Europäer.

Eichler: Europa hat die Eurokrise noch lange nicht ausgestanden. Auch die deutsche Industrie offenbart nun Zeichen der Schwäche. Trotzdem sehe ich zumindest für Nordeuropa nicht schwarz, denn die Ukraine-Krise hat ihre Konjunktur gehemmt. Wir erwarten für das nächste Jahr von ihr keine gewichtigen negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum mehr.

Was bedeutet die internationale Entwicklung für die Zentralschweizer Unternehmen? Wird die Wirtschaft der Region weiterhin über dem schweizerischen Durchschnitt wachsen?

Eichler: Ja, die Region Zentralschweiz setzt mit einem Zuwachs von 2,4 Prozent im kommenden Jahr ihren überdurchschnittlichen Wachstumskurs fort.

Warum?

Eichler: Weil zahlreiche wettbewerbsfähige Unternehmen in dieser Region tätig sind. Zum Beispiel die Hightech-Betriebe Maxon Motor und Pilatus-Flugzeugwerke, um nur zwei prominente Vertreter zu nennen. Dazu gesellen sich viele kleine und mittelgrosse Unternehmen mit Spitzenprodukten, mit denen sie sich in ihren Nischen behaupten. Die gesamte Zentralschweizer Wirtschaft profitiert zudem von attraktiven Rahmenbedingungen: Die Unternehmenssteuern sind tief, die Infrastruktur ist gut, und die enge Verflechtung mit dem Standort Zürich ist hilfreich. Die starke Stellung im Binnenmarkt und die verfügbaren begehrten Wohnlagen sind weitere Pluspunkte.

Der Baumeisterverband erwartet eine Abflachung des starken Baubooms. Wie wirkt sie sich auf die in der Region überdurchschnittlich grosse Branche aus?

Eichler: Ausschlaggebend für die Abflachung sind eine gewisse Sättigung nach einer langen Phase mit einer starken Bautätigkeit und die Zweitwohnungsinitiative. Da die Zentralschweiz aber anders als Graubünden oder das Wallis keine Ferienwohnung-Hochburg ist und die Konjunktur sich stärker entwickelt als in den anderen Regionen, bleibt die Baubranche auf dem Wachstumspfad. Für die gesamte Schweiz erwarten wir beim Bau für das kommende Jahr einen Rückgang von 1,3 Prozent. In der Zentralschweiz hingegen legt die Branche um 0,9 Prozent zu.

Woher kommen die Aufträge für die Baufirmen?

Eichler: Sie kommen dank der guten Wirtschaftslage vermehrt aus dem industriell-gewerblichen Bereich sowie von Auftraggebern für Infrastrukturbauten. Beim Wohnungsbau deuten die Baugesuche auf eine Abschwächung auf hohem Niveau hin.

Weil die dämpfenden Eingriffe des Bundesrates bei der Finanzierung aus den Pensionskassen, der kürzeren Amortisationszeit und den Kapitalpuffern der Banken ihre Wirkung entfalten?

Eichler: Wie stark sich die Selbstregulierung im Hypothekargeschäft auswirkt, lässt sich nur schwer feststellen. Es dürfte aber eher die Sättigung im Wohnungsbau sein, die sanfte Bremsspuren hinterlässt.

Teile der Grossprojekte der Resorts in Andermatt und auf dem Bürgenstock sind teilweise bereits fertig erstellt. Wie entwickelt sich die Nachfrage im Luxussegment bei den Immobilien und im Tourismus?

Eichler: Die Schweiz ist im Luxusmarkt gut aufgestellt. Das gilt nicht nur für ihre Produkte, sondern auch als Wohnort. Das Land geniesst bei der Klientel für Luxusangebote einen guten Ruf, es hat sich zu einer Marke entwickelt. Preisdifferenzen und der starke Franken spielen in diesem Segment und für die vor allem in Asien stark wachsende Schicht der Reichen keine so grosse Rolle. Das stimmt mich zuversichtlich. Sowohl für die Hotels als auch für die Eigentumswohnungen.

Seit der Finanzkrise machen die Gäste aus Asien und den USA einen schönen Teil der Logiernächte wett, die bei den europäischen Gästen verloren gehen. Wird sich der Trend fortsetzen?

Eichler: Grundsätzlich ja. In den asiatischen Ländern gibt es nicht nur immer mehr Reiche, auch der reisefreudige Mittelstand wächst schnell. Aus den USA hingegen sind keine derart grossen Impulse mehr zu erwarten. Zwar bessert sich dort die wirtschaftliche Lage, und auch der Dollar-Wechselkurs entwickelt sich für den Schweizer Tourismus günstig. Doch der amerikanische Reisemarkt ist gesättigt.

Die Talsohle sei bei den europäischen Gästen erreicht, hiess es vor zwei Jahren. Doch diese Deutung der Logiernächte-Statistik stellte sich als Strohfeuer heraus. Wann kommen wieder mehr Gäste aus Deutschland und Grossbritannien?

Eichler: Auch diese Märkte sind grundsätzlich gesättigt. Es ist schwer zu sagen, wann wieder mehr europäische Gäste ihre Ferien in der Schweiz verbringen. Anders als erwartet konnte sich der Franken bisher nicht von der Kursgrenze zum Euro lösen. Es gelang bisher nicht, die Krise der Einheitswährung nachhaltig zu überwinden, die aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten deuten im Gegenteil eher wieder auf eine Verschärfung hin. Das dämpft die Wirtschaftsaussichten in den Euroländern und damit die touristische Nachfrage.

In Ebikon entsteht ein neues, riesiges Einkaufszentrum. Ist der Detailhandel in der Region nicht längst übersättigt?

Eichler: Die Bevölkerung wächst in der Zentralschweiz weiter. Mit ihr wächst auch das Potenzial für den Detailhandel. Dennoch ist die Konkurrenzsituation für die Detailhändler der Region anspruchsvoll: Sie sehen sich einerseits mit dem aufstrebenden Onlinehandel konfrontiert und andererseits auch mit dem Strukturwandel in der herkömmlichen Branche.

Die Mall of Switzerland droht aber auch die traditionellen Detaillisten zu verdrängen. Vor allem in der Stadt Luzern geht unter den Geschäftsinhabern diese Angst um.

Eichler: Der Strukturwandel kann die Form eines Verdrängungswettbewerbs annehmen. Es besteht offensichtlich eine Nachfrage nach Angeboten wie der Mall of Switzerland, wo sich das Einkaufen mit weiteren Aktivitäten verbinden lässt. Die Grösse des Projekts führt sicherlich zumindest kurzfristig zu einem höheren Anpassungsdruck. Immerhin steht der Zentralschweizer Detailhandel weniger stark unter dem Konkurrenzdruck, den das grenznahe Ausland auf andere Schweizer Regionen ausübt.

In der Zentralschweiz entdecken immer mehr Firmen Nischen für technologische Spitzenprodukte, in denen der starke Franken keine Rolle spielt. Hält der Trend an?

Eichler: Ja, es ist in der Tat so. Die Entwicklung ist in der Schweiz den vergleichsweise hohen Arbeitskosten geschuldet, die mit der Frankenstärke im internationalen Vergleich weiter gestiegen sind. Darum sind die Unternehmen gefordert,sich nicht über den Preis, sondern über Qualität und Innovation auf dem internationalen Markt zu behaupten. Die Schweizer sind dabei sehr erfolgreich. Auch darum, weil hier der Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Hochschulen gut funktioniert, eine vergleichsweise liberale Marktregulierung für ein wirtschaftsfreundliches und flexibles Umfeld sorgt und die Firmen viel Geld in Forschung und Entwicklung investieren. Das alles ist notwendig, um den Wohlstandsvorsprung halten zu können. Es lauern freilich Gefahren.

Welche?

Eichler: Diese Firmen sind international stark vernetzt – sowohl was ihre Absatzmärkte, Partnerfirmen, Innovationsnetzwerke als auch ihre Mitarbeiter angeht. Änderungen an den Rahmenbedingungen, wie etwa die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, können die Spitzenposition der Schweiz im Wettbewerb um international erfolgreiche Firmen gravierend schwächen.

Welche negativen Folgen befürchten Sie?

Eichler: Der neue Verfassungsartikel bringt die bilateralen Verträge mit der EU in Gefahr. Sollten die Verträge nicht neu verhandelbar sein, hat die Schweiz kaum noch Anteil an der europäischen Forschung, darf im Ausland nur noch beschränkt hoch qualifizierte Leute rekrutieren und muss um den Marktzugang zu den europäischen Ländern fürchten.

Die Kantonsregierungen befürchten, mit der Unternehmenssteuerreform III die Steuereinnahmen bei den Holdinggesellschaften zu verlieren. Kommen auf die öffentlichen Haushalte noch schwierigere Zeiten zu?

Eichler: Davon dürften Zug und Schwyz besonders betroffen sein. Es ist aber gut möglich, dass die Zentralschweizer Kantone dank ihren tiefen Unternehmenssteuern am Ende zu den Gewinnern zählen. Das ist der Fall, wenn die Holdinggesellschaften aus anderen Kantonen mit höheren Steuern ihren Sitz in die Region rund um den Vierwaldstättersee verlegen.

Trotzdem: Gerät der öffentliche Sektor noch stärker unter Spardruck?

Eichler: Unter Spardruck steht er ohnehin schon. Gleichzeitig steigen mit dem demografischen Wandel und den damit einhergehenden Bedürfnissen die Ansprüche an den Staat. Eine Verbesserung der Lage ist heute nicht absehbar.

Welche Branchen sorgen 2015 für positive Schlagzeilen?

Eichler: Der Grosshandel profitiert neben anderen Branchen von der zaghaften weltwirtschaftlichen Erholung. Das gilt besonders für den traditionellen Teil des Grosshandels. Auch der Rohstoffhandel dürfte trotz sinkender Rohstoffpreise weiter zulegen und die Dynamik besonders im Kanton Zug antreiben. Die Informatikbranche hat ebenfalls ein gutes Jahr vor sich. Die Zentralschweizer Wirtschaft ist insgesamt über ein breites Branchenfeld vergleichsweise gut aufgestellt.