KONJUNKTUR: Konsumenten bremsen Wachstum

Die Schweizer Wirtschaft liegt in puncto Wachstum auf dem vorletzten Platz in Europa. Die Negativzinsen der Nationalbank dürften daran ihren Anteil haben.

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Die Schweizer Wirtschaft scheint auch im dritten Jahr seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses nicht in Schwung zu kommen. In den ersten drei Monaten 2017 hat die in Franken gemessene, preisbereinigte Wirtschaftsleistung im Vergleich zum vierten Quartal 2016 um 0,3 Prozent zugenommen. Die Ökonomen hatten im Mittel mit einem Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich expandierte die Wirtschaft im Berichtsquartal um 1,1 Prozent, was eine Abflachung der ohnehin bescheidenen Dynamik bedeutet. Im Vergleich mit den EU-Ländern belegt die Schweiz in puncto Wachstum den zweitletzten Rang vor Italien.

Die meisten Konjunkturauguren haben für das laufende Jahr noch eine deutliche Belebung der Schweizer Wirtschaft in der Agenda. Der Konsens liegt bei 1,5 Prozent. Swiss-Life-Ökonom Marc Brütsch fällt nicht zum ersten Mal aus dem Rahmen. Er ging mit einer konservativen Schätzung von 1,2 Prozent ins neue Jahr. Jetzt will er die Jahresprognose auf 1,1 Prozent zurückstufen.

Das niedrige Wachstum ist für die Schweiz eine besonders schlechte Nachricht, denn die Zuwanderung bewegt sich mit etwa 1,1 Prozent immer noch auf einem hohen Niveau. Pro Kopf fällt im Durchschnitt kein Wohlstandsgewinn an.

Es fehlt an Anreizen für die Konsumenten

Während sich die Exporte wieder zu erholen scheinen und der Konjunktur positive Impulse verleihen, mutiert der private Konsum von seiner früheren Rolle als Zugpferd zunehmend zum Bremsklotz der Wirtschaft. So haben sich die Konsumausgaben im Berichtsquartal nur noch um 0,1 Prozent zum Vorquartal erhöht. Das Konsumwachstum ist umso bescheidener, wenn man bedenkt, dass es durch die steigenden Krankenkassenprämien und andere administrierte Preise einen zuverlässigen Treiber hat. Zudem haben die Arbeitnehmer in der Schweiz im vergangenen Jahr real durchschnittlich 2 Prozent mehr Lohn erhalten. Doch offensichtlich fehlt es an Impulsen für eine weitere Ausgabensteigerung.

Marc Brütsch verweist auf die abnehmenden Zuwanderungsraten und erwähnt die Importpreise, die nach dem Frankenschock vom 15. Januar 2015 kurzfristig stark gesunken waren und einen temporären Boom, etwa im Automobilhandel, auslösten. Doch dieser Effekt ist längst verpufft – die Autokäufe sind rückläufig.

Für wenig Zuversicht sorgt auch der Arbeitsmarkt. Während die Arbeitslosenraten überall in Europa rückläufig sind, verharrt die Quote in der Schweiz hartnäckig auf dem Niveau von 3,3 Prozent. Nicht auszuschliessen ist zudem, dass die extreme Negativzinspolitik der Nationalbank den Konsum bremst. Zwar müssten tiefe Zinsen nach Theorie eine Belebung des Konsums bewirken, doch die Negativzinsen belasten das Schweizer Vorsorgesystem inzwischen in einem Mass, dass manch einer auf die Idee kommen könnte, auch privat etwas mehr Geld zur Seite zu legen.

Für den St. Galler Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi ist der Zusammenhang zwar plausibel, aber wissenschaftlich nicht einfach belegbar. «Wir beobachten weltweit, dass bei sinkenden beziehungsweise tiefen Zinsen mehr gespart wird, aber weil sich Sparen und das Zinsniveau gegenseitig beeinflussen, ergibt sich analytisch das Problem vom Huhn und vom Ei.» Doch unabhängig davon glaubt auch Föllmi, dass das staatliche Zwangssparen den Konsum bremst. «Die laufende und zunehmende Umverteilung im Schweizer Vorsorgesystem von der berufstätigen Bevölkerung auf die Rentner ist dem Konsum sicher nicht förderlich.»

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch