Konjunkturforscher der ETH erwartet mehr vom Bundesrat: «Finanzielle Soforthilfen reichen nicht aus»

Professor Jan-Egbert Sturm plädiert für grosszügiges Massnahmenpaket zur Prävention von Konkursen. Die Wahrscheinlichkeit einer schweren Rezession steigt schnell.

Daniel Zulauf
Drucken
Teilen
Jan-Egbert Sturm ist langjähriger Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Jan-Egbert Sturm ist langjähriger Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Walter Bieri / KEYSTONE

Das Corona-Virus legt die Schweizer Wirtschaft lahm. Und das geht offensichtlich schneller, als dass die Experten der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich ihre Prognosen erstellen können. Das an der heutigen Prognosetagung präsentierte «Basisszenario», das eine Rezession für das laufende und das kommende Quartal zum Inhalt hat, bezeichnete KOF-Chef Jan-Egbert Sturm in einer Videokonferenz mit Journalisten jedenfalls bereits als «sportlich». Das «milde Szenario» sei in den vergangenen Tagen «recht unwahrscheinlich» geworden. Dieses geht von einer Konjunkturdelle im zweiten Quartal aus, die im Jahresverlauf weitgehend aufgeholt werden kann.

Zunehmend wahrscheinlich wird dagegen das Negativ-Szenario, das von einer Rezession über vier Quartale hinweg ausgeht und eine nur langsame Erholung im kommenden Jahr unterstellt. In diesem Szenario schrumpft die Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr um 2,3 Prozent. Die Lieferschwierigkeiten halten an und eine wachsende Zahl von Unternehmen sieht sich mit Liquiditätsengpässen konfrontiert. Die Haushalte können und wollen nicht konsumieren und über 100'000 Menschen geraten neu in die Arbeitslosigkeit. Dank Kurzarbeitsentschädigungen erhalten viele immerhin noch einen Teil ihres Monatslohnes, aber die Beschäftigung nimmt im Zug des scharfen Rückgangs der wirtschaftlichen Aktivität deutlich ab.

Noch will sich Sturm in seinen Prognosen nicht ganz auf dieses düstere Negativ-Szenario festlegen. Aber seine derzeitige Prognose bewegt sich irgendwo zwischen schlecht und ganz schlecht. Jetzt seien klare und zielgerichtete Massnahmen nötig, um das Risiko von bleibenden Schäden im Wirtschaftssystem zu senken, schreibt das KOF in einer Medienmitteilung. Es dürfe nicht passieren, dass die Unternehmen ihre mittelfristigen Erwartungen sowie die Investitions- und Beschäftigungspläne jetzt stark nach unten anpassen.

Was ist mit den Selbstständigen und den Temporärarbeitenden?

Die vom Bundesrat getroffenen Massnahmen zur finanziellen Soforthilfe der betroffenen Firmen werde «mit aller Wahrscheinlichkeit nicht ausreichen», sagte Sturm diplomatisch. Er hätte es auch noch viel deutlicher formulieren können. Der Bundesrat hat in der vergangenen Woche zwar ein Hilfspaket von 10 Milliarden Franken gesprochen, doch davon sind vier Fünftel für Kurzarbeitsentschädigungen vorgesehen. Diese greifen aber kaum für Firmen, die viele teure Maschinen unterhalten und wenig Personal beschäftigen. Sie greifen auch nicht für Selbständigerwerbende und sie sind auch keine Hilfe für die weit über 100'000 Temporärarbeitenden im Land.

Zusätzlich benötigt würden deshalb unkomplizierte staatliche Garantien für Bankkredite, damit Unternehmen die trotz Produktionsausfall weiterlaufenden fixen Kosten wie Mieten, Zinsen, Vorsorgebeiträge, Steuern decken und einem Konkurs entgehen können. Sturm zeigte sich zuversichtlich, dass der Bundesrat auf dieses Problem reagieren werde. Morgen Mittwoch will er zusammen mit seinem Kollegen und ETH-Wirtschaftsprofessor Hans Gersbach eine konkrete Politikempfehlung veröffentlichen. Gersbach ist unter anderem beratend für das deutsche Wirtschaftsministerium tätig.

Deutschland hat «praktisch unbegrenzte» Mittel für Firmenkredite gesprochen und über die staatliche Förderbank KfW Kreditgarantien im Umfang von bis zu 550 Milliarden Euro angekündigt. Davon ist die Schweiz noch weit entfernt. Von der am Donnerstag fälligen geldpolitischen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank erhofft sich Sturm beherzte Massnahmen zur Sicherung der Liquidität im Bankensystem. Denn die Gefahr bestehe, dass die Wirtschaftskrise auch noch durch eine Bankenkrise verschärft werden könnte. Sturm und Gersbach wollen morgen Mittwoch ein Massnahmenpaket vorschlagen, das den Umfang der bisher getätigten Vorsorge in der Schweiz «um ein Vielfaches» übersteigt.

Mehr zum Thema