KONSUM: Das Comeback der Postkarte

Trotz E-Mail, SMS und WhatsApp: Feriengrüsse mit der traditionellen Ansichtskarte sind wieder stark gefragt – vor allem bei Jungen.

Max Fischer
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Sujets aus der Zentralschweiz, wie im Bild die Kapellbrücke in Luzern, sind bei Postkartensammlern beliebt. Rund 20 Millionen Ansichtskarten werden in der Schweiz pro Jahr verkauft. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Sujets aus der Zentralschweiz, wie im Bild die Kapellbrücke in Luzern, sind bei Postkartensammlern beliebt. Rund 20 Millionen Ansichtskarten werden in der Schweiz pro Jahr verkauft. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Vom Knirps bis zum Golden Age ist heute fast jeder mit Smartphone und Tablet unterwegs. Und trotzdem ist das Schreiben von Ansichtskarten wieder in. Das bestätigt auch Gion Schneller von Photoglob, Marktführer bei den Kartenherstellern in der Schweiz. 20 000 Sujets produziert sein Verlag. «Pro Jahr drucken wir rund vier Millionen touristische Karten und drei Millionen Alltagskarten», sagt er. Den Gesamtumsatz in der Schweiz schätzt er auf etwa 20 Millionen Ansichtskarten jährlich, neben seinem Unternehmen gibt es noch unzählige lokale und regionale Verlage.

Die Blütezeit hatten die Hersteller bis 1990 mit einer Jahresproduktion von gut 40 Millionen. «Dann brach das Geschäft ein», weiss Schneller. Internet und Co. verbreiteten sich stark, und gleichzeitig ging die Zahl der schreibfreudigen Touristen aus Japan und den USA zurück. «Die Situation hat sich dann stabilisiert, und in jüngster Zeit stellen wir nun wieder einen Aufwärtstrend fest.» Ein Vergleich der Umsatzzahlen in der Zentralschweiz zeigt ein Plus von 3,2 Prozent von Januar bis Mai 2014 im Vergleich zu 2013. Und schon bald beginnen die Sommerferien.

Panoramaaufnahmen beliebt

Vor zwei Jahren wollte es Schneller genau wissen. Die ETH Juniors – die studentischen Berater der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich – machten zusammen mit Photoglob eine Marktananalyse. Sie befragten 344 Touristen aus 17 Ländern. Und erstaunlich: Fast die Hälfte schreibt der Familie und Freunden aus ihren Ferien immer eine Ansichtskarte. Äusserst beliebte Sujets in der Schweiz sind Panoramaaufnahmen und typische lokale Sehenswürdigkeiten. Was auffällt: Das Resultat ist besonders aussagekräftig, weil es sich bei der Mehrheit der befragten Touristen um internetaffine Reisende handelt: 61 Prozent buchten ihre Ferien übers Netz. Und noch etwas spricht für die gute alte Ansichtskarte: Die meisten Reisenden sind nur kurz an einem Ort, sie haben also nicht übermässig viel freie Zeit zur Verfügung – und nehmen sich doch die Mühe, eine oder mehrere Karten zu verschicken.

Der grosse Teil der Touristen wirft diese in einen Briefkasten, gibt sie in einer Postfiliale oder direkt im Hotel auf. «Auch das empfinden die klickverwöhnten Reisegäste, bei denen jeder Zweite mit einem Smartphone oder Tablet ausgerüstet ist, keineswegs als mühsam», hält Schneller fest. Nach ihrem Wunsch befragt, meinten viele: Toll wäre es, selber gemachte Fotos als Postkarten verschicken zu können.

Selbst entworfene Karten per App

Seit einigen Monaten bietet die Post diesen Service: Egal wann, egal wo: Mit der PostCard Creator-App* können Interessierte ein Foto aufnehmen oder auswählen, einen Text einfügen, den Empfänger bestimmen und den Auftrag abschicken. Die Post übernimmt Druck und Versand der Postkarte im A6-Format – und das erst noch gratis und franko per A-Post. «Rund 1000 solcher Kartengrüsse werden täglich verschickt», so Post-Sprecher Bernhard Bürki. Vorläufig brauchts dafür ein iPhone. «Unsere Techniker sind im Moment aber daran, auch eine Version für Android-Smartphones zu entwickeln. Diese sollte im Herbst bereit sein», verspricht er.

Motive aus der Welt sammeln

Für den Erfolg der Ansichtskarten gibt es gemäss dem Photoglob-Chef mehrere Gründe: «Sehr viele Menschen sammeln Karten mit Feriengrüssen aus der ganzen Welt und hängen sie an Wänden und Kühlschränken zur Erinnerung auf.» Ganz entscheidend ist für den Verleger aber: «Per SMS und E-Mails trennt, beschwert und kritisiert man sich – Ansichtskarten sind immer positiv.» Jeder weiss auch aus eigener Erfahrung: Eine Karte aus nah oder fern von einem Arbeitskollegen, Sportkameraden oder Verwandten sorgt immer für positive Gefühle. Diese Person hat an mich gedacht – also bin ich für sie wichtig. Und der tolle Sonnenuntergang am Meer oder die verschneite Berglandschaft lösen beim Betrachter augenblicklich Ferienstimmung, gute Laune und Glücksgefühle aus. Kommt hinzu: Kein Medium dokumentiert den Zeitgeist besser als eine Ansichtskarte.

Doch Schneller sagt auch: «Heute, wo jeder mit seinem Handy eine Top-Kamera hat, müssen wir bei den Sujets einen Zacken besser sein.» Seine Leute versuchen deshalb, Bilder zu machen, die ein Tourist mit einer 08/15-Ausrüstung nicht so einfach hinkriegt. Zudem drückt der Ansichtskarten-Profi kräftig aufs Tempo. Sobald es irgendwo eine neue Attraktion abzulichten gibt, ist er mit einem Fotografen vor Ort. «Den berühmten Hafenkran in Zürich mit den Grossmünster-Türmen hatten wir, kurz nachdem dieser aufgestellt worden war, im Angebot», freut er sich. Noch etwas: Früher bestand die Auswahl aus rein touristischen Sujets. Heute produziert Schneller auch so genannte Alltagskarten mit Sprüchen wie «I love you» oder «Du bist der Beste». Das sei logistisch sehr praktisch, weil Alltagskarten im Gegensatz zu Sujets mit lokalen Sehenswürdigkeiten grossflächiger verteilt werden könnten.

Neben der digitalen Konkurrenz und ausbleibenden Touristen kämpft Schneller mit anderen Widrigkeiten: «Wir leiden unter dem Verschwinden von Ständern», beklagt er sich. Gerade die SBB zeigten sich in den Bahnhöfen immer restriktiver, da die Ständer bei hohem Passagieraufkommen bei einer allfälligen Panik den Fluchtweg behinderten.

Ungemach droht auch in Luzern: «Gemäss Aussagen unserer Kunden verbietet die Stadt zunehmend das Aufstellen von Ständern vor den Geschäften», betont Schneller.

Historische Motive

Doch nicht nur die Sammler von Feriengrüssen, Tiersujets und Sonnenuntergängen kommen bei den Ansichtskarten auf ihre Kosten. Auch wer auf alte Sujets steht, findet eine Riesenauswahl. Kostet eine herkömmliche Ansichtskarte rund 1.20 Franken, so muss der Liebhaber für eine Karte mit dem Landessender Beromünster von 1935 beim Ansichtskarten-Antiquariat (www.ansichtskartenversand.com) aber ganze 15 Franken hinblättern. Allein im Kanton Luzern kann er zwischen 1297 historischen Aufnahmen auswählen – gesamtschweizerisch sind es fast 25 000. Und weil jeder, der sein Hobby intensiv und ernsthaft betreibt, gern auch mit Gleichgesinnten fachsimpelt und tauscht, gibt es in der Schweiz mit der Ansichtskartensammlervereinigung auch einen Verein für Kartophilisten oder Philokartisten.

Hinweis

* Anleitungen zur PostCard Creator-App finden Sie unter www.post.ch/post-startseite/post-mobile/post-mobile-postcard-creator-app-iphone.htm. Die App ist im App Store von Apple verfügbar.

Feriengrüsse per Postkarte

mf. Fast jeder zweite 18- bis 29-Jährige in der Schweiz schreibt aus den Ferien eine Ansichtskarte – bei den über 60-Jährigen ist es immerhin noch jeder vierte. Insgesamt 39 Prozent aller Reisenden wählen nach wie vor die klassische Ansichtskarte für Feriengrüsse an die Daheimgebliebenen. Das zeigt der Ferienreport 2014 des Reiseveranstalters Kuoni. 38 Prozent der 18- bis 29-Jährigen laden Ferienbilder auf Social-Media-Plattformen. Das zeigt eine Befragung des Marktforschungsunternehmens marketagent.com 2013 unter Schweizer Reisenden.