KONSUM: Erhöhte Risikostufe für den Handel

2014 soll für den Schweizer Detailhandel ein gutes Jahr werden. Doch Initiativen zur Begrenzung der Zuwanderung sind eine Gefahr, sagen Experten. Zudem fehlt der Nachwuchs.

Bernard Marks
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Eine Detailhandelsangestellte füllt in einer Migros-Filiale ein Verkaufsgestell mit Windeln auf. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Eine Detailhandelsangestellte füllt in einer Migros-Filiale ein Verkaufsgestell mit Windeln auf. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Angebot und Nachfrage, das sind die zwei Grundmechanismen des Handels. Damit die Preise für Produkte nicht zu schnell fallen oder steigen, ist es wichtig, dabei eine Balance zu finden. Doch insbesondere mit der Nachfrage ist es in der Schweiz nicht so einfach. Wären da nicht rund 80'000 Zuwanderer, die Jahr für Jahr in die Schweiz kommen. «Rund 50 Prozent des Wachstums im Detailhandel stützen sich auf die Zuwanderung», sagte gestern Oliver Adler, Chefökonom der Credit Suisse, anlässlich der Präsentation der neuen Studie «Retail Outlook 2014» in Zürich.

Weil die Zuwanderung wie in den Vorjahren auch im Jahr 2014 hoch bleiben wird, prognostiziert Adler dem Detailhandel ein Wachstum von 1,5 Prozent. Doch der Ökonom warnt davor, die Zuwanderung in Zukunft zu begrenzen. Denn allein die Zuwanderung beschert der Schweiz jährlich Zehntausende neuer Konsumenten. Bei einer Annahme der Masseneinwanderungsinitiative könne sich die Lage für den Schweizer Detailhandel bereits 2015/16 verschlechtern, weil dann eine Wende im Personenzustrom eintreten würde, denkt Adler.

«Ohne die Zuwanderung hingegen wäre die Nachfrage im Schweizer Detailhandel längst gesättigt. Denn die Ausgaben pro Kopf nehmen kaum noch zu», heisst es in der Studie, welche die Credit Suisse jährlich mit dem Beratungsunternehmen Fuhrer & Hotz aus Baar veröffentlicht.

Erfreuliches Bild für 2014

Der Schweizer Detailhandel ist ein gewichtiger Teil des privaten Konsums. Was neben Immobilien, Versicherungen oder für Gesundheit in den zahlreichen Geschäften der Schweiz eingekauft wird, macht mit rund 97 Milliarden Franken 28 Prozent aller Ausgaben der privaten Haushalte aus. Auch als Arbeitgeber von 320 000 Menschen und Ausbildner von Lehrlingen kommt dem Detailhandel eine wichtige Funktion in der Wirtschaft zu. Die Verfassung des Detailhandels ist daher nicht ohne Bedeutung für das Wohlbefinden der gesamten Schweiz.

Die neue CS-Studie ist daher viel beachtet. Sie zeigt für das neue Jahr ein erfreuliches Bild für den Schweizer Detailhandel auf. Die Schweiz habe 2013 im Detailhandel an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Nachbarländern gewonnen, so die Studie. Die Preise für Lebensmittel stiegen im Ausland im Gegensatz zur Schweiz deutlich an, und der Schweizer Franken wertete leicht ab. Die durchschnittliche Preisdifferenz bei Lebensmitteln ging seit 2011 um 9 Prozentpunkte zurück. Auch bei Bekleidung sind die Preisunterschiede zum europäischen Ausland deutlich zurückgekommen. 2014 dürften die Preise in vielen Bereichen aber nur noch wenig sinken, weil bereits – wie zum Beispiel bei Unterhaltungselektronik – keine Preisunterschiede mehr zum Ausland bestehen. Der Einkaufstourismus nahm nur marginal um 2 Prozent zu und «scheint sich auf hohem Niveau einzupendeln», sagt der Ökonom Damian Künzi von der Credit Suisse, Mitautor der Studie. «Wir werden im Lebensmittelbereich aber nie das gleiche Preisniveau erreichen – wegen der Handelsbarrieren. Zudem haben wir eine massive Abschottung im Agrarbereich», sagt Künzi. Herr und Frau Schweizer geben immer noch 4,5 Milliarden Franken im Ausland aus. Doch Künzi relativiert. «Immerhin geben Touristen in der Schweiz ihr Geld in nicht unbeträchtlichem Ausmass aus», sagt er. Ausländische Konsumenten kauften zum Beispiel 2013 nach Schätzung der Credit Suisse Uhren im Wert von rund 1 Milliarde Franken in Schweizer Boutiquen ein. Anders als in den Vorjahren macht der Detailhandelsexperte deshalb nicht allein den Einkaufstourismus als Belastung für den Detailhandel aus. Insbesondere der Fachkräftemangel macht dem Experten Sorge (siehe Box).

Mangel an Fachkräften

Gemäss der Umfrage bei 218 Branchenvertretern, Teil der neuen Studie, startet der Detailhandel mit Optimismus ins Geschäftsjahr 2014. Dies nach einem eher harzigen Geschäftsjahr 2013, in dem die Umsätze nominal nur um 0,5 Prozent zugelegt haben dürften. «Drei von vier Unternehmen budgetieren eine Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr», sagte dazu Martin Hotz vom Beratungsunternehmen Fuhrer & Hotz. Aufkeimende Zuversicht? Die im Rahmen der Studie befragten Entscheidungsträger übten sich auch in Selbstkritik.

«Die Qualifikationsanforderungen an die Mitarbeitenden im Detailhandel steigen laufend, nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Mündigkeit der Konsumenten», fasst Hotz zusammen. Bereits die Hälfte der Konsumenten informiere sich vor dem Besuch eines Ladens im Internet. Entsprechend fachliche Beratungskompetenz werde heute dementsprechend vom Verkaufspersonal gefordert. «Die Qualifikationen der Bewerber halten aber gemäss der Umfrage bei Branchenvertretern mit den Anforderungen nicht Schritt. Die Branche hat Mühe, ausreichend Fachkräfte mit einer Berufslehre zu finden», sagt Hotz. Die Förderung der innerbetrieblichen Weiterbildung sowie die Forcierung des dualen Bildungssystems seien nach Meinung der befragten Branchenvertreter wichtige Massnahmen, um den steigenden Qualifikationsanforderungen zu begegnen. «Als Jobmarkt ist der Detailhandel für viele Bewerber heute nur zweite Wahl», sagte Künzi. Als Ursachen wurden unattraktive Arbeitszeiten an Randstunden sowie ein unvorteilhaftes Image der Branche genannt. Ein wesentlicher Grund, warum Fachkräftemangel im Detailhandel herrscht, dürfte aber das tiefe Lohnniveau sein. Der Durchschnittslohn im Detailhandel beträgt monatlich lediglich 4605 Franken und liegt damit im Branchenvergleich abgeschlagen auf dem zweitletzten Platz vor dem Gastgewerbe (siehe Grafik).

Produktiv mit weniger Mitarbeitern

«Der Detailhandel kann jedoch aufgrund des Kostendrucks und der ausländischen Konkurrenz nicht beliebig die Löhne erhöhen», sagt Künzi. Langfristig sei die Erhöhung der Produktivität die einzige nachhaltige Option, um das Lohnniveau anzuheben. In der Vergangenheit gab der Schweizer Detailhandel die Produktivitätsfortschritte zum Teil in Form von Lohnerhöhungen an die Mitarbeitenden weiter. Heute sei dies kaum mehr machbar. Aufgrund des technologischen Fortschritts (z. B. Self-Scanning, RFID-Technologie, Online-Handel) sei zwar mit weiteren spürbaren Produktivitäts- und Lohnsteigerungen zu rechnen, «allerdings auf Kosten der Anzahl der Beschäftigten», sagte Künzi.

Im Detailhandel profitieren die Mitarbeiter nach Ansicht der Gewerkschaften zu gering vom guten Geschäft. Nach den Berechnungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ist die Produktivität im Detailhandel zwischen 1998 und 2010 um 22,9 Prozent gestiegen. Profitiert hätten die Kunden und vor allem die Detailhändler selbst, nicht aber die Angestellten, so die Kritik. Ihr Durchschnittslohn sei im selben Zeitraum um 16,9 Prozent gestiegen. So fiel auch der Lohnabschluss 2014 im Detailhandel nicht berauschend aus. Bei der Coop-Gruppe liegt dieser knapp unter 1,2 Prozent. Coop erhöhte die Löhne aber nur individuell, eine generelle Erhöhung gibt es nicht. Lediglich zwei Drittel der GAV-Angestellten kamen in den Genuss einer Lohnerhöhung. Ähnlich verfährt Lidl Schweiz und zahlte individuell 2,6 Prozent mehr. Die Migros Luzern erhöhte hingegen auf 2014 den Lohn aller ihrer rund 6000 Mitarbeitenden um 1,2 Prozent.