KONSUM: Markt mit Kaffee-Drinks boomt

Er schmeckt nicht nur Erwachsenen, auch Jugendliche und Kinder lieben kalten Kaffee. Obwohl die Mix-Getränke viel Koffein und Kalorien enthalten, sind sie ein Renner in den Kühlregalen.

Bernard Marks
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Im Übermass sind sie ungesund. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

Im Übermass sind sie ungesund. (Bild: Corinne Ganzmann / Neue LZ)

«Meine Tochter kauft Caffè Latte gleich im 6er-Pack», erzählt Manuela aus Luzern. Nicht ohne Grund: Denn schliesslich schmeckt der kalte Kaffee schön süss, und so ein Becher ist sehr schnell leergetrunken. Tochter Sara ist zwar erst 16 Jahre alt, gehört aber zu der bevorzugten Zielgruppe für Lifestyle-Getränke wie Caffè Latte. Doch der kurze Genuss hat es in sich. Kaffee hat eigentlich so gut wie keine Kalorien. Aber mit Milch und Zucker wird er zum Dickmacher. Trotz hoher Werte an Kalorien und Koffein verkauft sich kalter Kaffee bei der Schweizer Kundschaft immer besser.

Lukratives Geschäft

Der Markt für kalten Kaffee hat sich in den letzten zehn Jahren rasant entwickelt. Das Marktforschungsinstitut Nielson prognostiziert dem neuen Lifestyle-Getränk jährlich wiederkehrend zweistellige Wachstumsraten. Ob Emmi, Starbucks, Migros, Chicco d’Oro oder Coop – immer mehr Firmen wollen beim lukrativen Geschäft mitmischen. Den aktuellen Wert des Marktes schätzt Nielson für die Schweiz auf rund 45 Millionen Franken (siehe Grafik). Darin nicht enthalten sind allerdings sämtliche Verkäufe an Tankstellen und Kiosken. Im Jahr 2004 erreichten die Verkäufe noch nicht einmal 10 Millionen Franken.

Emmi ist mit Caffè Latte mit Abstand Marktführer in der Schweiz. Die Verkaufszahlen des Luzerner Milchverarbeiters sind eindrucksvoll. Im Lancierungsjahr 2004 verkaufte Emmi weltweit 26 Millionen Becher Caffè Latte. Die jährlichen Verkaufszahlen haben sich seit der Einführung auf über 100 Millionen Becher vervierfacht. Seit Markteinführung wurden weltweit rund 600 Millionen Becher verkauft. Caffè Latte ist damit das erfolgreichste Produkt in der Emmi-Geschichte. Emmi-CEO Urs Riedener ist überzeugt, dass der Zenit in diesem Markt noch nicht überschritten ist.

Auch die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks verspricht sich viel vom Geschäft mit dem kalten Kaffee. Seit dem Jahr 2012 wird in den Kühlregalen von Migros und Coop der «Seattle Latte» von Starbucks angeboten. «Wir sind davon überzeugt, dass der Markt enorme Wachstumschancen bietet», sagt dazu Marietta Widmer von Starbucks Schweiz. Der Konzern gibt zwar keine spezifischen Verkaufszahlen bekannt. In Branchenkreisen heisst es aber, dass Starbucks bereits im Jahr 2012 ca. 3 Millionen Becher verkauft hat. Die Migros ist mit ihrem Grande Caffè schon seit einigen Jahren im Markt tätig, doch mit 4,5 Millionen verkauften Bechern pro Jahr noch weit davon entfernt, Marktführer Emmi das Wasser zu reichen.

Konkurrenz aus Meggen

«Der Markt für kalten Kaffee entsteht erst», ist Erich Kienle überzeugt. Er ist Präsident der Innoprax AG mit Sitz in Meggen, die seit einigen Jahren die Milchshakes der Marke Shakeria anbietet. Seit März 2013 ist die Firma mit einem kalten Kaffee der Marke Lattesso auf dem Markt. Erich Kienle ist kein Geringerer als der ehemalige Marketingchef von Emmi und seines Zeichens Entwickler des Kassenschlagers Caffè Latte. Anfang 2009, als Urs Riedener CEO wurde, kam es zum Bruch Kienles mit Emmi.

Mit Lattesso, der ohne künstliche Zusätze produziert wird und trotzdem über 30 Tage haltbar ist, will Kienle schon im nächsten Jahr auf Platz 2 der erfolgreichsten Hersteller von kaltem Kaffee in der Schweiz vorrücken. Kienle sieht sein Vorhaben für dieses Jahr kurz nach der Einführung auf gutem Kurs. «Rund 6 Millionen verkaufte Becher sind das erste Ziel», sagt er. An den Erfolg glauben auch namhafte Investoren. Der Unternehmer aus Udligenswil konnte für sein Start-up-Unternehmen renommierte Geldgeber ins Boot holen. Die «Denner-Erben» Sascha und Fabio Borzatta stiegen im Herbst 2012 mit 2 Millionen Franken in Kienles Projekt ein.

«Nicht nur in Supermärkten, vor allem in Tankstellenshops verkauft sich kalter Kaffee immer besser», schwärmt Kienle. Er rechnet damit, dass bereits heute rund 40 Prozent aller kalten Kaffees an Kiosken oder Tankstellenshops verkauft werden. «Zusammen mit dem Detailhandel entsteht in der Schweiz gerade ein 100-Millionen-Franken-Markt», sagt er. Das Wachstumspotenzial ist laut Kienle riesig. «Das hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten», sagt Kienle. Zum Vergleich: In Deutschland ist der Markt für kalten Kaffee derzeit 130 Millionen Euro gross.

Kinder bremsen

Laut Kienle wird kalter Kaffee vermehrt von Jugendlichen konsumiert. Emmi hat dies erkannt und bewirbt ihre Produkte heute mit gezielten Werbekampagnen auf sozialen Plattformen wie Youtube im Internet. Ein Beispiel dafür ist die Caramel New York Edition von Emmi, ein kalter Kaffee, der seit März 2013 in den Kühlregalen zu finden ist. Die Zielgruppe ist jung. «Kalter Kaffee lockt heute Jugendliche ab 14 Jahren», so Kienle. Ein weiteres Phänomen: Die Konsumenten von kaltem Kaffee werden tendenziell jünger. Sogar 12-jährige Kinder trinken heute gerne kalten Kaffee. «Kinder müssen oftmals gebremst werden», sagt Kienle.

«Für Kinder und Jugendliche taugen solche Getränke sicher nichts», erklärt Isabelle Aeberli, Dozentin am Institut für Lebensmittelwissenschaften an der ETH in Zürich. Der Koffeingehalt eines kalten Kaffees ist ihrer Meinung nach in vielen Fällen zu hoch. Mit Abstand am meisten Koffein hat der Caffè Latte Espresso mit 120 Milligramm pro Becher. Diese Menge entspricht etwa zwei starken Espressi, knapp zwei Dosen Red Bull oder einem Liter Coca-Cola. Fast alle anderen kalten Kaffees warten mit ca. 60 bis 90 Milligramm Koffeingehalt auf.

Nervosität und Schlafstörungen

Die tägliche Höchstdosis an Koffein beträgt für einen Erwachsenen unter 6 Milligramm pro Kilogramm Körper­gewicht. Für Frauen liegt diese Grenze bei 4,6 Milligramm Koffein. Das heisst: «Nach etwas mehr als zwei Caffè Latte Espresso sollte für eine 60 Kilogramm schwere Frau Schluss sein», sagt Aeberli. Kritisch wird es, wenn Kinder kalten Kaffee trinken. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2003 kommt zu dem Schluss, dass Kinder nicht mehr als 2,5 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen sollten. Bei Kindern wirkt Koffein aufgrund des kleinen Körpers schon in geringeren Mengen. Zu viel Koffein kann Nervosität, übersteigerte Aktivität oder Schlafstörungen verursachen.

Auch der hohe Kaloriengehalt der Mixgetränke ist laut Aeberli problematisch. Jeder sollte kalten Kaffee daher bewusst konsumieren. «Ein Lattesso entspricht einer Zwischenmahlzeit», sagt auch Kienle. Lattesso sei zwar weniger gesüsst, doch die Kalorien liessen sich nicht wegdiskutieren. Ein Becher Lattesso Macchiato mit 350 Millilitern hat zum Beispiel rund 270 Kalorien. Das entspricht dem Energiegehalt einer halben Tafel Schokolade.