KONSUM: Schokolade, aber bitte fair

Schoko­­lade mit fair gehandeltem Kakao verkauft sich gut. Doch Produzenten sind selbstbewusster geworden. Für viele lohnen sich Fairtrade-Labels nicht mehr.

Bernard Marks
Drucken
Teilen
In Schoggi von Felchlin steckt mehr Fairtrade, als auf den ersten Blick zu sehen ist. (Bild: PD)

In Schoggi von Felchlin steckt mehr Fairtrade, als auf den ersten Blick zu sehen ist. (Bild: PD)

Nicht nur die Kinder wird das freuen: Die Katholische Kirche der Stadt Luzern legt dem Pfarreiblatt, das am 4. April erscheint, ein Stück besondere Schoggi bei. «Fair schmeckt süss» heisst diese Aktion. «Das soll ein erstes Zeichen setzen», sagt dazu Florian Flohr. Denn Spenden gegen Armut ist eine Sache, «aber es nützt nichts, wenn wir mit unserem Konsumverhalten wiederum Armut produzieren», sagt Flohr. Deshalb wollen sich die Luzerner Kirchgemeinden und Pfarreien künftig für mehr fairen Handel vor allem bei Schokolade einsetzen.

Armut und Kinderarbeit

Schweizerinnen und Schweizer tun es am liebsten am Abend zwischen 21 und 22 Uhr. Dann packen Europas grösste Liebhaber von Schokolade die Süssigkeiten aus. Das fand die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in ihrer neuesten Studie heraus. Pro Jahr verspeist jeder Schweizer 11,9 Kilogramm Schoggi. Ein Rekordwert weltweit. Viele Produzenten des Rohstoffs für die Schweizer Schokolade leben aber immer noch in Armut. Kinder sind gezwungen, auf Kakaoplantagen zu arbeiten, statt in die Schule zu gehen.

Viele Schweizer Konsumenten sind sich dieser Problematik bewusst. Nicht zuletzt aus diesem Grund steckt in Schweizer Schokolade immer mehr fair gehandelter Kakao. Die Wachstumsraten von Nachhaltigkeitslabels wie Max Havelaar sind enorm. Waren es im Jahr 2010 noch 440 Tonnen Kakao, die mit dem Fairtrade-Max-Havelaar-Label in die Schweiz eingeführt wurden, stieg die Zahl allein bis ins Jahr 2011 um über 100 Prozent auf 995 Tonnen.

Trotzdem: Diese Menge ist im Vergleich zum Gesamtimport von Kakao von 42 000 Tonnen pro Jahr immer noch relativ klein. Der Anteil an fair gehandeltem Kakao liegt in der Schweiz jedoch weitaus höher. Er ist nur nicht sichtbar. Wie zum Beispiel der Schwyzer Chocolatier Felchlin. Dieser bezieht seit 13 Jahren seinen Kakao direkt von Bauern aus Lateinamerika und Afrika. Ein Label nutzen die Schwyzer Schoggihersteller allerdings nicht.

Fairtrade-Schoggi fürs Ausland

Faire Schokolade liegt zu Ostern im Trend. Die Schoggi, die die Pfarrei Luzern im Pfarreiblatt beilegt, stammt von der Luzerner Chocolat Schönenberger AG. Inhaber Hans Rudin (66): «Wir lassen die Schoggi mit Max-Havelaar-Label-­Kakao nach eigenen Rezepten herstellen.» Rund 100 Tonnen seiner Fairtrade-Schokolade gehen in den Schweizer Bio-Fachhandel sowie in Bio-Geschäfte nach Deutschland. 600 Tonnen normale Schokolade werden zusätzlich in der Luzerner Schoggifabrik von 65 Mitarbeitern verarbeitet.

Kurz vor Ostern herrscht auch beim Chocolatier Aeschbach in Root Hochbetrieb. Rund 30 000 Osterhasen in jeder Variation verlassen dieser Tage die Produktion. «Nachhaltigkeit sowie die bessere wirtschaftliche Zukunft von Kakaobauern und die Vermeidung von Kinderarbeit sind ein grosses Thema bei der Schokolade, aber die Verfügbarkeit muss gegeben sein», sagt Jürg Rogenmoser (49), Mitglied der Geschäftsleitung bei Aeschbach. «20 Tonnen fair gehandelte Schokolade von Max Havelaar verkauft Aeschbach», sagt Rogenmoser. Rund 600 Tonnen an Schokoladenprodukten stellt der Betrieb pro Jahr insgesamt her. Der Anteil an fair gehandelter Schokolade liegt bei Aeschbach aber höher. Sie trägt nur kein Label.

Denn der Rooter Betrieb lässt seine Schokoladen nach eigenen Rezepten von Schweizer Herstellern produzieren, die sich Nachhaltigkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. «Die Branche macht in diesem Punkt bereits mehr, als man vermutet. Von vielen Schokoladenherstellern wird Fairtrade aber nicht über ein Label ausgelobt», sagt Jürg Rogenmoser.

Kakaobauern sind selbstbewusster

Beim Schwyzer Schokoladenhersteller Felchlin werden rund 1800 Tonnen Kakaobohnen pro Jahr verarbeitet. Auf die Frage, was genau Fairtrade ist, muss Sepp Schönbächler schmunzeln. Der 51-Jährige ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Felchlin. Er kennt das Schokoladengeschäft wie seine Westentasche. Felchlin arbeitet nur wenig mit Labels wie Max Havelaar. Für den Schweizer Konsumenten sei es wichtig, dass er wisse, ob Kinder auf den Kakaoplantagen arbeiten oder nicht, sagt Schönbächler. «Wir beziehen unseren Kakao zu 90 Prozent direkt vom Bauern.» Ein Grund, warum Felchlin auf Zwischenhändler verzichtet. «Wir zahlen den Bauern einen fairen Preis, damit die Qualität stimmt und die Kinder zur Schule gehen können», sagt Schönbächler. Eine Tonne normaler Kakao koste an der Börse in New York oder London derzeit 2200 Dollar. «Wir zahlen im Schnitt 4850 Dollar», sagt Schönbächler. (siehe Grafik). Das liegt zudem weit über dem Fairtrade-Preis. Da lohnt sich das Fairtrade-Label für viele Bauern nicht mehr.

Die Dinge haben sich seit den Anfängen des Fairtrades gewandelt. «Heute gibt es gute Kooperativen, die kein Problem haben, qualitativ hochwertigen Kakao zu verkaufen und einen guten Preis dafür zu bekommen», sagt Schönbächler. «Die Kakaobauern sind heute selbstbewusster, die wollen Fairtrade-Label nicht mehr, weil es für sie zu viel Bürokratie beinhaltet», sagt Schönbächler. Das Fairtrade-Label sei heute vielfach mehr Marketing, als dass es Bauern wirklich etwas bringe.

3700 Tonnen Schokolade produziert die Firma Felchlin mit 135 Mitarbeitern pro Jahr. Dies mit höchsten Ansprüchen an die Nachhaltigkeit. 50 Prozent der Felchlin-Schoggi wird exportiert. 5-Sterne-Hotels, Confiseure in der ganzen Welt wissen dies zu schätzen. «Das ist mehr als ein Zertifikat», sagt Schönbächler.

Standards regeln Fairtrade-Label

bm. «Aus Sicht der Max-Havelaar-Stiftung gilt es zwischen den verschiedenen Initiativen, Labels und Programmen zu differenzieren», sagt Katrin Dorfschmid von Max Havelaar. Das Fairtrade-Label steht für Produkte, welche gemäss internationalen Standards in den drei Bereichen Soziales, Ökologie und Ökonomie produziert und gehandelt sind. Andere Labels regeln laut Dorfschmid lediglich die Produktion und stellen keine oder nur minimale Anforderung an den Handel. Hinzu komme, dass nur bei Fairtrade die Produzenten Miteigentümer des Systems sind. Lindt & Sprüngli sowie Halba-Schololade sind auf diese Weise aktiv. «Halba ist die erste Firma der Schweiz, die alle 3000 Tonnen Kakao direkt von Produzenten in Honduras einkauft», sagt Halba-Geschäftsleiter Anton von Weissenfluh im Gespräch. Lindt & Sprüngli bezieht seinen Kakao direkt von Bauern aus Ghana.