KONSUM: Unternehmen buhlen um Senioren

Senioren sind für die Wirtschaft besonders attraktiv. Sie haben Zeit, Geld und bleiben länger gesund. Und keine Konsumentengruppe wächst so stark wie sie.

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Viel Zeit und zahlungskräftig: Senioren gewinnen als Zielgruppe zunehmend an Bedeutung. (Bild: Getty)

Viel Zeit und zahlungskräftig: Senioren gewinnen als Zielgruppe zunehmend an Bedeutung. (Bild: Getty)

Roman Schenkel

Wer bei der Swisscom anruft, wird automatisch nach seinem Alter triagiert: Junge werden von jungen Leuten beraten, ältere Personen von Beraterinnen oder Beratern derselben Generation. Wie die Swisscom das tut, verrät sie nicht, weshalb aber schon: Das Verständnis innerhalb der eigenen Generation sei viel höher. «Sie sprechen die gleiche Sprache und können sich Zeit für eine individuelle Beratung nehmen», so eine Swisscom-Sprecherin.

Auch die Basler Kantonalbank (BKB) setzt auf das bessere Verständnis von Gleichaltrigen. «Senioren beraten Senioren» heisst die Dienstleistung, mit der das Basler Finanzinstitut die Generation 60 plus im Visier hat. Rund ein Dutzend pensionierte Mitarbeitende der BKB beraten ältere Kundinnen und Kunden in Fragen Hypothek, Erbschaft oder Frühpensionierung. «Da Kunde und Berater in einem ähnlichen Alter sind, entsteht vielfach auch schneller eine gewisse Nähe und Vertrautheit in der Kundenbeziehung», so die BKB.

Die Seniorenberater, wie sie genannt werden, ersetzen die jüngeren Bankkollegen nicht, sie sind vorwiegend als Vermittler tätig, klären erste Fragen ab und geben Tipps. Im Unterschied zu einer üblichen Beratung ist der Erstkontakt kostenlos.

Babyboomer werden pensioniert

Die spezielle Behandlung der älteren Kundschaft ist in der Schweizer Wirtschaft keine Seltenheit mehr. Mit gutem Grund: Bereits heute leben 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz, die über 65 Jahre alt sind. Und ihre Zahl nimmt in den kommenden Jahrzehnten rasant zu. Bis ins Jahr 2030 werden 2,17 Millionen über 65 Jahre alt sein, 2045 sind es schon 2,7 Millionen. Besonders ausgeprägt ist die Bevölkerungsalterung zwischen 2020 und 2035, dann nämlich, wenn die Schweizer der geburtenstarken Babyboom-Jahrgänge (dazu gilt, wer zwischen 1950 und 1970 geboren ist) pensioniert werden. So werden dieses Jahr 36 100 Pensionierungen erwartet, 2029 werden es 58 300 sein. Danach flacht das Wachstum zwar etwas ab, der Anteil der der älteren Bevölkerung steigt aber weiterhin an. Berechnungen zeigen, dass der Anteil der älteren Bevölkerung erst ab 2050 schrumpfen wird.

Es ist aber nicht nur die Zahl, welche die ältere Generation für Unternehmen so interessant macht. Es ist auch ihr Vermögen. Die eidgenössische Steuerverwaltung veranschlagt das Reinvermögen der rund 5 Millionen Steuerhaushalte des Landes auf 1,4 Billionen Franken. Rund die Hälfte dieser Schwindel erregenden Summe entfällt auf die Altersrentner.

Sehr wohlhabende Generation

Laut einer Studie der Genfer Privatbank Lombard Odier hat im Schnitt jeder 65-Jährige rund 500 000 Franken auf die Seite gelegt. «Noch nie zuvor ging eine derart wohlhabende und gesunde Generation in die dritte Lebenshälfte wie in den nächsten rund 20 Jahren», sagt François Höpflinger, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Zürich. Noch heute forscht und berät Höpflinger zu Alters- und Generationenfragen.

Es liegt auf der Hand, dass Investoren verstärkt die Renditechancen, die mit der Kaufkraft der Babyboomer zusammenhängen, für sich nutzen wollen. Denn nicht nur in der Schweiz altert die Gesellschaft, demografischer Wandel ist ein globales Phänomen. Laut der UNO wird die Zahl der über 60-Jährigen zwischen 2013 und 2050 von 841 Millionen auf mehr als 2 Milliarden steigen.

Schweizer Wirtschaft gerüstet

Höpflinger sieht die Schweizer Wirtschaft gut gerüstet für diesen demografischen Wandel. Egal ob Nahrungsmittelindustrie, Finanzbranche oder Gartenbauunternehmen, sie alle haben sich auf die Generation 50 plus eingestellt. «Die Schweizer Wirtschaft dürfte zu den Gewinnerinnen des demografischen Wandels zählen», prognostiziert Höpflinger. Dabei zielt er insbesondere auf die Stärke der Schweiz in der Pharma- und der Gesundheitsbranche ab.

Alle Branchen betroffen

Das grosse Potenzial haben auch die Marketingexperten und Werber entdeckt. Allerdings ist die ältere Kundschaft erfahren und ist mit billigen Werbetricks nicht leicht zu beeinflussen: «Die Konsumenten im Alter sind kritischer und anspruchsvoller, das muss die Werbung beachten», sagt Michael Schönhaus. Mit seiner Agentur Studio 54 konzentriert er sich auf die Generation 50 plus, der er selber angehört. Zu seinen Kunden zählen Banken, Versicherungen, die Zeitschrift «Glückspost», eine Hörberatung, die Sterbehilfeorganisation Exit oder ein Seniorenhandyhersteller. Ein mehr oder weniger repräsentatives Abbild der Bedürfnisse von älteren Menschen. «Es gibt fast keine Wirtschaftsbranche, die nicht in irgendeiner Form von der Demografie betroffen ist», sagt Schönhaus.

Speziell an der älteren Konsumentengruppe sei, dass sie zu einem Grossteil immer noch eine Tageszeitung abonniert habe. «In Werbebotschaften, die auf ältere Kundschaft zugeschnitten sind, darf inhaltlich also durchaus etwas geboten werden», sagt Schönhaus. Ausdrücke wie «geil», «krass» oder «cool» sind zu banal. Ebenfalls auf dem Index als No-Goes stehen Begriffe wie «Golden Agers», «Silver Ager» oder «Generation Gold». «Darauf reagieren ältere Menschen ablehnend», so Schönhaus. Dies habe vor allem mit der Wahrnehmung zu tun: «Wir fühlen uns jünger, als wir tatsächlich sind.» Heute renne man ja mit 60 noch einen Marathon und arbeite bis 70 Jahre, sagt Schönhaus.

Seniorenmesse auf Luzerner Allmend

TIPP red. Vom Freitag, 23. bis 25. Oktober 2015, findet in der Messe Luzern die erste Altersmesse statt. Rund 90 Aussteller bieten an der Messe ihre Produkte und Dienstleistungen in folgenden Bereichen an:

  • Vorsorge, Finanzen
  • Bauen, Wohnen, Immobilien, Wohnen im Alter
  • Lifestyle, Kultur, Musik, Bildung,   Sport
  • Reisen, Tourismus, Ferien, Freizeit
  • Gesundheit
  • Engagement, Soziales

Hinzu kommen Sonderausstellungen und Podiumsdiskussionen; zum Beispiel zeigt das iHome Lab der Hochschule Luzern, wie ältere Menschen mit technischer Unterstützung und dank intelligenten Gebäuden länger in den eigenen vier Wänden wohnen können. Auch ein neuartiger Rollator wird präsentiert. Eine zweite Ausstellung widmet sich dem Thema Knochengesundheit.

Öffnungszeiten und weitere Informationen finden Sie unter:
www.altersmesse-luzern.ch