«Warum syt dir so truurig?»: Stimmung der Konsumenten so schlecht wie seit der Finanzkrise nicht mehr

Die Konsumentenstimmung in der Schweiz hat sich im Herbst leicht eingetrübt – nun ist sie auf dem tiefsten Stand seit 10 Jahren angelangt. Die Konsumenten sind weniger zuversichtlich zur Wirtschaftslage und zum Arbeitsmarkt. Rezessionsängste gehen um. Und eine Umfrage der KOF-Konjunkturforschungsstelle zeigt heute: Die Unternehmen schätzen die Lage ebenfalls schlechter ein. 

Niklaus Vontobel
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Am Montagmorgen wurde der neueste Stand veröffentlicht zum Index zur Konsumentenstimmung. Er zeigt den schlechtesten Stand seit 10 Jahren. So wurden die Zahlen auf Twitter kommentiert von Ronald Indergand, Chef der Konjunkturanalyse beim Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). 

Schweizer Konsumenten erwarten zwar eine Abkühlung der Konjunktur, dennoch bleiben sie in Kauflaune. (Bild: KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA)

Schweizer Konsumenten erwarten zwar eine Abkühlung der Konjunktur, dennoch bleiben sie in Kauflaune. (Bild: KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA)

Der Indikator stand bereits zuvor tief, obschon die Schweizer Wirtschaft recht gut lief. Mit der erneuten Verschlechterung ist nun eben der tiefste Stand seit 10 Jahren erreicht. Der Index steht nun auf -10 Punkte laut der Umfrage vom Oktober, nach -8,0 Punkten im Juli. So tief stand der Index nicht mehr, seit dem Jahr 2009. Damals wurde die Schweizer Wirtschaft von der globalen Finanzkrise hinuntergezogen. 

Frei nach den Berner Mundart-Liedermacher könnte man darum fragen: «Warum syt dir so truurig?» Warum schätzen die Konsumenten die derzeitige Lage so schlecht ein? 

Rezessions-Ängste gehen um

Wichtigster Grund für die schlechte Stimmung: Die Konsumenten erwarten nichts Gutes für die Wirtschaft in den kommenden Monaten.  Die Erwartungen sind regelrecht eingebrochen. Im Vorquartal stand der Teilindex noch bei minus 1 Punkt; neu sind es minus 20 Punkte. Damit steht er auch erstmals seit über drei Jahren unter dem langjährigen Mittelwert (-9 Punkte). Offensichtlich hat die Angst vor einer Rezession die Konsumenten erreicht. 

Die Rezessions-Ängste könnten die Folge sein, der Medienberichterstattung über eine drohende Rezession. Das wäre eine Art vom selbstverstärkendem Effekt. Doch ebenso gut, könnten die Konsumenten bereits die ersten Vorläufer einer Wirtschaftsflaute zu spüren bekommen. 

Vor allem in der Industrie laufen die Geschäfte deutlich schlechter. Eine Umfrage der KOF-Konjunkturforschungsstelle zeigt gar: Die Industrie erlebt gerade ähnlich schlechte Zeiten wie beim Frankenschock im Jahre 2015.

Die Industrie hat der Abschwung bereits erfasst

Die Arbeitnehmer in der Industrie müssen sich auf schwierige Zeiten gefasst machen, schreiben die Arbeitsmarktexperten der KOF Konjunkturforschungsstelle.  Ihre Aussichten hätten sich in den letzten Monaten stark eingetrübt. Der Beschäftigungsindikator lag Anfang des Jahres noch bei nahe null. Die Aussichten waren also noch einigermassen anständig. Doch dann wurde die schweizerische Industrie erfasst von einem weltweiten Abschwung. 

Im Oktober zeigt sich dies in der Industrie deutlich am Jobmarkt. Der  Indikator fiel von 0 auf -10.5 Punkte. Damit liegt er zurzeit auf ähnlich tiefem Niveau wie im 1. Quartal 2015. Damals wurde die Industrie mit voller Wucht getroffen vom Frankenschock. Der Index stand bei minus 11.8 Punkten. Die Schweizerische Nationalbank hatte die Frankenuntergrenze aufgehofen. 

Erst erwischt es die Industrie, dann alle anderen

Der Abschwung in der Industrie ist auch für die Gesamtwirtschaft ein ungutes Signal. Denn typischerweise erwischt es die Industrie als Erstes, wenn sich global die Konjunktur abkühlt. Vor allem die Maschinenindustrie hängt stark ab von den Exporten und damit vom Lauf der Weltwirtschaft. Geht es erst den Unternehmen in der Industrie schlecht, spüren es bald die Arbeitnehmer.    

Es kommt zu Entlassungen. Die Löhne steigen weniger. Damit wird typischerweise auch der Arbeitsmarkt erfasst, der heute in der Schweiz noch recht gut läuft. Wenn dann die Konsumenten erst ihre Ausgaben einschränken müssen, also weniger Geld ausgeben, dann schwappt ein konjunktureller Abschwung über auf den Konsum. Das wiederum bekommen dann andere Branchen zu spüren: der Detailhandel oder die Gastronomie etwa. 

Entscheidende nächsten Monate

Noch sind die Aussichten für die Gesamtwirtschaft aber besser als für die Industrie. Die Ökonomen gehen nicht davon aus, dass die Gesamtwirtschaft in eine Rezession abrutscht. Und wenn, dann nur in eine milde Rezession, wie sie immer einmal vorkommen kann. Aber wie sich die Wirtschaft tatsächlich entwickeln wird, das ist offen. Die Ökonomen sagen: was in den nächsten Monate hereinkommt an neuen Daten, wird entscheidend sein.