KORRUPTION: Die letzte Party des Bankers

Tim Leissner jonglierte für Goldman Sachs mit Milliarden und führte ein schillerndes Leben. Jetzt gerät er ins Zentrum eines internationalen Korruptionsskandals

Tina Kaiser, New York
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Er stand gerne im Rampenlicht, vielleicht zu gerne: der deutsche Banker Tim Leissner zusammen mit seiner Frau Kimora Lee. (Bild: Getty)

Er stand gerne im Rampenlicht, vielleicht zu gerne: der deutsche Banker Tim Leissner zusammen mit seiner Frau Kimora Lee. (Bild: Getty)

Tina Kaiser, New york

Seit der Finanzkrise halten sich Investmentbanker zurück, in der Öffentlichkeit die Sau rauszulassen. Champagner, Koks und Nutten gibt es vielleicht immer noch, ebenso Luxusautos, Privatjets, Penthouses und Picassos im Gästeklo – aber man verschleudert das Geld halt im Verborgenen. Die grosse Ausnahme von der Regel war in den vergangenen Jahren der deutsche Goldman-Sachs-Top-Banker Tim Leissner. Als Südostasien-Chef der Investmentbank war er in Singapur als unverwüstlicher Partydauergast bekannt, der trotz Nachtgelage strahlend frisch am nächsten Morgen in Meetings sass. Die Klatschpresse liebte Leissner dafür, dass er das Hollywood-Promiluder Kimora Lee heiratete: Seinen ersten Paparazzi-Auftritt zelebrierte das Paar so protzig, wie man es sich als Regenbogenpresse-Reporter nicht besser hätte wünschen können. Die beiden mieteten sich eine dekadente 60-Meter-Jacht für 325 000 Dollar, ankerten vor der Karibik-Insel St. Barth und tollten gemeinsam im Sand.

Spuren auch in die Schweiz

Das war für Goldman Sachs an sich schon peinlich genug. Doch jetzt steht ihr einst gefeierter Spitzenbanker im Mittelpunkt einer Betrugsaffäre, die rund um den Globus Finanzaufsichtsbehörden in den USA, Malaysia, der Schweiz, Hongkong und Abu Dhabi beschäftigt. Jüngster Höhepunkt: Das FBI schickte Leissner eine richterliche Auskunftsanordnung. Leissner soll erklären, was er über den ins Zwielicht geratenen malay­sischen Staatsfonds 1MDB weiss.

Der völlig überschuldete Staatsfonds 1MDB hat in Malaysia eine Regierungskrise ausgelöst. Ermittler werfen der Regierung von Premierminister Najib Razak vor, Gelder des Fonds auf private Konten umgeleitet und sich persönlich bereichert zu haben. Die Schweizer Staatsanwaltschaft will errechnet haben, dass mindestens 4 Milliarden Dollar von der Regierung veruntreut worden sind. Der Regierungschef dagegen bestreitet die Vorwürfe, bezeichnete sie öffentlich als «unnötige Störung» seiner Amtsgeschäfte und entfernte sämtliche Kritiker aus den eigenen Reihen, ebenso wie den Generalstaatsanwalt des Landes.

Zu lange zugeschaut?

Architekt des 2009 von Najib aufgesetzten Fonds war Tim Leissner. Offiziell wird gegen den 45-Jährigen zwar bislang nicht ermittelt, er soll zunächst nur als Zeuge aussagen. Einiges spricht aber dafür, dass es dabei nicht bleibt. Goldman Sachs jedenfalls hat sich auf relativ unelegante Weise im Januar von Leissner getrennt. Zunächst wurde bekannt, dass der Mitarbeiter auf unbestimmte Zeit beurlaubt sei. Nach vielen Nachfragen und Gerüchten gab die Investmentbank schliesslich im Februar bekannt, der einstige Starbanker habe das Unternehmen verlassen. Wenn ein so hochrangiger Partner wie Leissner die Bank verlässt, verschickt Goldman Sachs üblicherweise ein salbungsvolles Verabschiedungsschreiben. Leissner hingegen war den Chefs der Bank keine Zeile wert.

Kritiker werfen der Bank vor, dass sie die dubiosen Machenschaften ihres Südostasien-Managers viel zu lange toleriert habe. Sie vermuten, die Bank habe stillgehalten, weil er dem Finanzinstitut mit seinem halbseidenen Geschäftsgebaren so viel Geld in die Kasse gewirtschaftet hatte.

Spektakuläre Verfolgungsjagd

Leissner, der sein Studium wenig glamourös an der Universität Siegen absolviert hat, arbeitete seit 1998 bei Goldman. Seit 2002 leitete er die Investmentbankgeschäfte in Singapur, später stieg er zum Chef der gesamten Region Südostasien auf. 2006 ernannte ihn Goldman Sachs zum Partner. Weggefährten sagen über Leissner, dass er es wie kaum ein westlicher Banker geschafft habe, mit der richtigen Mischung aus Charme und Unverfrorenheit tief in die High Society von Singapur und Kuala Lumpur vorzudringen. Unter seiner Führung war Goldman Sachs in den Jahren 2008 bis 2013 die einzige westliche Institution unter den Top-10-Investmentbanken Malaysias. Einer seiner wichtigsten Kontakte war dabei offenbar der Premierminister Najib, der sich gern bei öffentlichen Auftritten mit Leissner und dessen schillernder Ehefrau Kimora Lee Leissner fotografieren liess. Dabei steht die 40-jährige Amerikanerin nicht gerade für Seriosität: Als Teenager lief Kimora Lee einst für Karl Lagerfeld über den Laufsteg und machte seitdem immer wieder Schlagzeilen; mit ihrer Ehe und ihrer Scheidung mit und von dem mehrere Millionen Dollar schweren Rap-Produzenten Russell Simmons, mit einer spektakulären Verfolgungsjagd, die sie sich mit der Polizei in New Jersey lieferte, die in ihrem Auto Marihuana fand, oder auch mit einer Reality-Show über ihr Leben und das ihrer Kinder. Der malaysische Premier und seine Ehefrau Rosmah fanden die Leissner offenbar höchst unterhaltsam. Wie eng die Beziehung war, zeigt ein Foto, das Kimora Lee Leissner 2013 von sich und der First Lady Malaysias bei Twitter veröffentlichte. Unterzeile: «Meine Freundin». So war es wohl auch sicher kein Zufall, dass Premierminister Najib im Jahr 2009 Leissner auswählte, den Staatsfonds 1MDB zu betreuen. Offiziell war der Fonds dazu gedacht, regionale Wirtschaftsprojekte zu fördern. Anders als sonst üblich wurde der Staatsfonds bei seiner Gründung jedoch nicht mit einer hohen Summe Eigenkapital vom Staat ausgestattet. Stattdessen startete er ohne nennenswerte öffentliche Gelder und investierte auf Pump. Das nötige Geld dafür besorgte Leissner: Unter seiner Leitung verkaufte Goldman Sachs für den Fonds rund 6,5 Milliarden Dollar Schuldanleihen. Die New Yorker Investmentbank verdiente knapp 600 Millionen Dollar durch den Fonds – viel mehr, als dies sonst üblich ist.

Mysteriöse Zahlungen

Einiges spricht dafür, dass der Staatsfonds in Wahrheit nicht dafür da war, der malaysischen Wirtschaft und damit den Bürgern zu helfen. Vielmehr wird vermutet, dass die Regierung den Fonds als Vehikel benutzte, sich selbst zu bereichern. Viele der dubiosen Gelder liefen über Konten im Ausland. So kommt es auch, dass ausländische Behörden – allen voran die der USA und der Schweiz – ermitteln. Ein Beispiel: 2012 überwies 1MDB mehr als 2,3 Milliarden Dollar an einen Fonds, der erst einen Monat zuvor auf den Cayman Islands eingerichtet worden war. KPMG, die für 1MDB als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingesetzt war, schlug wegen der Transkation Alarm. Daraufhin trennte sich der Staatsfonds von KPMG.

Grössere Wellen aber schlägt die Tatsache, dass, nachdem Goldman Sachs im Jahr 2013 Anleihen im Wert von 3 Milliarden Dollar für 1MDB verkauft hatte, insgesamt 681 Millionen Dollar auf dem Privatkonto des Premierministers Najib auftauchten. Nachdem die Überweisung 2015 bekannt geworden war, nahm der malaysische Generalstaatsanwalt die Ermittlungen auf – und wurde kurze Zeit später überraschend in Frührente geschickt. Sein Nachfolger dagegen erklärte öffentlich, bei der Transaktion habe es sich um eine Spende der saudischen Königsfamilie an den Premier gehandelt. Najib habe das Geld inzwischen zurückgezahlt, damit sei die Sache erledigt.

Erledigt ist freilich überhaupt nichts. Der Verdacht lastet schwer auf Goldman Sachs und dem Top-Banker Leissner, dass die Bank und ihr Manager von den unseriösen Transaktionen wussten oder zumindest ahnten, dass da etwas faul ist. Goldman Sachs hat zwischenzeitlich eine interne Ermittlung eingeleitet. Das Ergebnis: Leissner könne man keinerlei Vergehen in Bezug auf den malaysischen Staatsfonds nachweisen. Leissner habe Goldman dennoch verlassen müssen, weil er gegen die Corporate-Gover­nance-Richtlinien verstossen habe. Unter anderem soll er dem Kind eines Geschäftspartners ein Praktikum bei Goldman Sachs besorgt haben.

Leissner ist abgetaucht

Das klingt ein bisschen, als habe Goldman nach einem Grund gesucht, den Skandalmitarbeiter loszuwerden. Seit die Probleme des malaysischen Staatsfonds bekannt wurden, sind die Geschäfte der US-Investmentbank in Südostasien eingebrochen. Leissner selbst ist abgetaucht. Medienberichten zufolge soll er die Kontakte mit seinen asiatischen Geschäftsfreunden und Kollegen abgebrochen haben. Angeblich hält er sich in seinem Haus in Beverly Hills auf, gesehen wurde er dort jedoch schon länger nicht mehr. Anrufe auf seinem Mobiltelefon werden an die Mailbox weitergeleitet, auf schriftliche Anfragen reagiert er auch nicht. Umso gespannter warten Klatsch- und Finanzfachpresse auf seine Anhörung. Vermutlich wird sich Leissner inzwischen wünschen, er hätte sich die ausschweifenden Partys und die protzigen Fotos mit der 60-Meter-Jacht damals gespart. Die Chancen stünden nicht schlecht, dass sich dann auch heute kein Paparazzo für ihn interessieren würde.