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Korruptionsverdacht: Die Migros und das grosse Schweigen

Die superprovisorische Verfügung ist zwar vom Tisch – doch die Migros schweigt beharrlich weiter zum Fall Damien Piller.
Beat Schmid
Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen schweigt zum Verfahren gegen seinen früheren Chef. (Bild: Ennio Leanza/Keystone, 27. Juni 2019, Zürich)

Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen schweigt zum Verfahren gegen seinen früheren Chef. (Bild: Ennio Leanza/Keystone, 27. Juni 2019, Zürich)

Während Monaten konnte sich die Migros-Zentrale nicht zum Fall äussern. Eine richterliche Verfügung hinderte den Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) daran, Auskunft zum Westschweizer Regionalfürsten Damien Piller zu geben, gegen den sie eine Strafanzeige eingereicht hatte. Der Zentrale wurde der Maulkorb diese Woche zwar abgenommen, wie ein Migros-Sprecher bestätigt. «Ja, wir wurden als betroffene Partei von der Aufhebung der superprovisorischen Verfügung informiert.» Trotzdem schweigt der Detailhandelsriese weiter: «Um die Unabhängigkeit des Verfahrens nicht zu beeinflussen und aus Rücksicht gegenüber der Unschuldsvermutung, äussern wir uns bis auf weiteres nicht zu Details.»

Der Hintergrund: Die Generaldirektion in Zürich reichte Anfang Juli eine Strafanzeige gegen Damien Piller wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung ein. Sie wirft dem Anwalt und Unternehmer vor, beim Bau von zwei Migros-Märkten total 1,7 Millionen Franken mutmasslich in die eigene Tasche abgezweigt zu haben. Mittel Juli reichte zudem die Geschäftsleitung der Migros-Genossenschaft Neuenburg-Fribourg eine Strafanzeige gegen ihren Präsidenten ein. Dieser bestreitet die Vorwürfe vehement. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Der Fall beschäftigt die Migros seit Jahren. Nachdem ein Mitarbeiter konkrete Hinweise der Zentrale gemeldet hatte, startete diese im Dezember 2017 eine interne Untersuchung. Im Februar 2019 legte Strafrechtler und Korruptionsexperte Mark Livschitz einen 50-seitigen Untersuchungsbericht vor. Darin ist nachzulesen, dass die Gelder an zwei von Piller kontrollierte Firmen geflossen sind. Diese Firmen sollen «keine erkennbare Leistung für die Genossenschaft» erbracht haben. Piller sei dabei «offensichtlich in einem eklatanten Interessenkonflikt» gestanden.

Ein millionenschwerer Umbau

Neben Piller könnten sich andere Kader der Genossenschaft illoyal verhalten haben. Im Bericht wird unter anderem Marcelle Junod erwähnt, die damalige Geschäftsführerin und heutige Verwaltungsrätin der Westschweizer Regionalgenossenschaft. Sie habe die «mutmasslichen inkriminierten Zahlungen» offensichtlich «hindernislos durchinstruieren» können, heisst es. Die Ursachen für die Vorgänge in Freiburg und Neuenburg ortet Korruptionsspezialist Livschitz unter anderem in Kultur-, Anreiz- und Kontrollschwächen. Als problematisch beurteilt er, dass Piller ein «Drehtürprinzip» angewandt habe. Der Finanzchef werde in der Regel Firmenchef und rücke danach in den Verwaltungsrat nach. Deshalb würden Entscheide von oben unkritisch beurteilt.

Pikant: Zu den zahlreichen Ziehsöhnen und -töchtern von Piller zählt auch Fabrice Zumbrunnen, der seit 2017 an der Spitze des MGB steht. Für ihn sind die Untersuchungen gegen seinen früheren Chef eine grosse Belastung. Laut einer Quelle könnten die Untersuchungen zu einem Problem für Zumbrunnen werden. «Der Fall Piller ist eine Gefahr für den MGB-Chef», sagt die Quelle. «Was ist, wenn heikle Dokumente auftauchen, die von Zumbrunnen unterschrieben wurden?»

In seine Amtszeit bei der Regionalgenossenschaft fällt unter anderem der millionenschwere Umbau eines grossen Einkaufszentrums, dem Marin Centre in Marin-Epagnier bei Neuenburg. Laut Handelsregister gründete die Migros-Zentrale in Zürich für den Umbau eigens eine Gesellschaft, bei der Zumbrunnen seit 2005 im Verwaltungsrat sass. 2007 wurde das Aktienkapital um 17 Millionen Franken erhöht. Mit der Kapitalerhöhung wurde zudem Damien Piller und Marcelle Junod in den Verwaltungsrat der Marin Centre SA gewählt. Der Sitz der Gesellschaft wurde von Zürich nach Marin-Epagnier verlegt. Das Einkaufszentrums wurde im Jahr 2011 eröffnet. Ein Jahr später wurde Zumbrunnen in die Generaldirektion nach Zürich berufen und schied aus dem Verwaltungsrat der Gesellschaft aus. Junod und Piller sitzen bis heute im Verwaltungsrat. Im Jahr 2016 wurde die interne Revisionsstelle der Migros, die Mitreva Treuhand und Revision AG, von ihrem Prüfungsmandat entbunden. Seither unterliegt die Gesellschaft einer eingeschränkten Revision. Ein Sprecher sagt, dass die Migros die Geschäfte von Zumbrunnen nicht durchleuchten liess. «Dazu gab es keinen Anlass», sagt er.

Ist der Fall eine Gefahr für Zumbrunnen?

Hat Zumbrunnen also nichts zu befürchten? Klar ist: Der Fall Piller stellt die Migros-Zentrale vor eine Zerreissprobe. Noch nie musste die Zentrale derart schweres Geschütz auffahren, um eine regionale Genossenschaft zur Raison zu bringen. Nicht wenige innerhalb des Migros-Universums würden sich wünschen, dass die Anzeige gar nie eingereicht worden wäre. «In der Migros herrscht keine Streitkultur. Missstände werden nicht thematisiert. Man geht Konflikten aus dem Weg und hofft, dass sie sich selbst lösen», sagt eine Quelle.

Dazu passt: Der frühere Migros-Präsident Andrea Broggini liess Monate verstreichen, bis er die Strafanzeige einreichte. Und seine Nachfolgerin Ursula Nold hat sich bisher noch nicht erkennbar um die Causa gekümmert. Intern wird befürchtet, dass Neuenburg-Freiburg nicht die einzige Genossenschaft ist, bei der es zu Unregelmässigkeiten gekommen ist. Hinweise dafür gibt es keine, doch allein der Umstand, dass die Migros keine Amtszeitbeschränkung für Regionalfürsten kennt, nährt den Verdacht. «Ewige» Regentschaften sind Gift für eine gute Unternehmensführung. Darin ist sich die Fachwelt einig.

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