KMU-Serie
Krampfen, rechnen, strampeln: So meistern die KMU die Krise

In einer mehrteiligen Serie beleuchten wir die Sorgen und Nöte der Schweizer KMU. Den Start machen die «Sunstar Hotels» in den Bergen, die Beat Hess vom Flachland aus führt. Der Unternehmer über «grosse Klötze», die je nach Region glänzen oder serbeln.

Annika Bangerter
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Seit 16 Jahren führt Beat Hess die «Sunstar Hotels». Aktuell verdienen diese das Geld in Interlaken.

Seit 16 Jahren führt Beat Hess die «Sunstar Hotels». Aktuell verdienen diese das Geld in Interlaken.

Daniel Desborough

Der Bergsee glitzert, die Bergwiese blüht, die Sonne strahlt – vom Poster an der Wand. In Tat und Wahrheit nieselt es draussen. Der Himmel ist so grau wie das nahe liegende Schotter der Eisenbahngleise. «Mit diesem Wetter habe ich Mühe», sagt Beat Hess.

Schnell löst er seinen Blick wieder vom Fenster, greift zu einem Stapel Prospekte mit schneebedeckten Gipfeln oder grünen Matten: Es locken Winter- und Wanderferien im Bündnerland, Wallis, Berner Oberland, Tessin oder Piemont. Dort stehen die Hotels der Kette «Sunstar Hotels», die Beat Hess seit 16 Jahren leitet.

KMU-Serie

In einer mehrteiligen Serie beleuchtet die «Nordwestschweiz» in den nächsten Wochen die Sorgen und Nöte der Schweizer KMU. Die kleineren und mittleren Unternehmen beschäftigen rund zwei Drittel der Menschen in der Schweiz. Die grosse Frage ist, wie sie mit der Frankenstärke umgehen. Im ersten Teil der Serie geht es um die Firma Sunstar, die Hotels in der ganzen Schweiz betreibt. (ASC)

Die Fäden laufen im Baselbiet zusammen. In der Zentrale von «Sunstar Hotels» sind das Marketing, die Finanz- und IT-Abteilung sowie die Geschäftsleitung untergebracht. 25 Mitarbeiter arbeiten am Stadtrand von Liestal in einem Gebäude, das auch eine Verwaltung beherbergen könnte. Darin befindet sich das Büro von Beat Hess.

Er sitzt an einem antik anmutenden Holztisch. Ein Erinnerungsstück aus einem der Berghotels? Beat Hess winkt ab, der gehöre ihm privat. Hinter ihm an der Wand hängen Excel-Listen. Einen romantischen Alpenbezug zelebriert er in seinem Büro nicht. Beat Hess ist Chef von rund 400 Mitarbeitern in einer Firma mit einem Aktienkapital von 80 Millionen Franken. Die Aktienmehrheit ist im Besitz des Basler Pharmaunternehmers Peter Grogg.

Tourismusbranche als Wunsch

Gegründet hat «Sunstar Hotels» der heute 94-Jährige Fritz Buser. Vor 46 Jahren eröffnete er das erste Hotel in Davos.

Geschäftsleiter: Drei Fragen an Beat Hess

In der KMU-Serie stellen wir allen Portraitierten dieselben drei Fragen:

1. Wo waren Sie am 15. Januar um 10.30 Uhr?

Beat Hess: In meinem Büro am Arbeiten. Ich sah die Aktienkurse stürzen und wusste: Jetzt müssen wir mit dem Sparen und Optimieren wieder von vorne beginnen.

2. Welches ist Ihr liebstes Produkt?

Mir gefallen Events wie beispielsweise unsere Festwoche sehr gut. Der Austausch mit unseren Stammgästen bedeutet mir viel.

3. Gehen Sie privat ins Ausland einkaufen?

Nein, das ist eine Frage der Solidarität. Wir müssen unserem Umfeld Sorge tragen, damit uns der Wohlstand erhalten bleibt.

Es folgten Häuser in der Lenzerheide, in Davos, Flims oder Grindelwald. Heute gehören elf Hotels der «Sunstar»-Kette. «Wir haben kleinere Boutique-Hotels und manchmal grosse Klötze an Topdestinationen.» – Klötze? – «Ja, einige sind von aussen nicht wirklich schön. Die Innenausstattung ist aber bei allen sehr heimelig», sagt Beat Hess.

Belustigt schaut er über seine Lesebrille. Es wird nicht das letzte Mal im Gespräch sein, wo er seine Meinung ungeschminkt sagt. Der Ökonom wusste schon im Studium, dass er keine Karriere bei einer Bank oder Versicherung anstrebt. «Die Tourismusbranche gefällt mir viel besser. Reisen und Ferien sind emotionale Themen», so Hess.

Eine Hoch- und Talfahrt der Gefühle erlebt er zurzeit wöchentlich. Jeweils am Dienstag steuert er sein Auto in Richtung Berge, wo er ein bis zwei seiner Hoteliers besucht. Je nach Abzweigung, die er auf der Autobahn wählt, kurvt er sorgenvollen oder strahlenden Gesichtern entgegen. Der starke Franken trifft die Hotels regional unterschiedlich. Das Bündnerland und das Tessin leiden

seit der Frankenstärke sehr, sagt Hess, dafür boome das Berner Oberland. Der Grund: Touristen aus Europa bleiben aus, dafür nehmen jene aus dem Nahen und Fernen Osten stark zu.

Letztere interessieren sich aber nicht für Ski- und Wanderferien, sondern für das Jungfraujoch. Deshalb schrieben in der diesjährigen Sommersaison die beiden «Sunstar Hotels» in Wengen und Grindelwald Rekordzahlen. Die Bündner Hotels verzeichneten hingegen Rückgänge. In wenigen Monaten brachen die Buchungen aus den Euro-Ländern um mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein.

Harter Winter steht bevor

«Da wir eine Regionen übergreifende Kette sind, können wir solche Zahlen teilweise noch etwas kompensieren. Aber husten wir, haben andere schon längst die Grippe», sagt Beat Hess. Insbesondere die kommende Wintersaison werde hart, da werden die Touristen aus dem Fernen Osten fehlen. Hess rechnet damit, dass in den nächsten zwölf Monaten verschiedene Häuser schliessen müssen. Entscheidend seien nun die finanziellen Reserven: «Es gibt Betriebe, die bis zu 90 Prozent durch Banken finanziert sind», sagt er.

Obwohl die «Sunstar»-Kette mit ihrem Aktienkapital verhältnismässig privilegiert dasteht, konnte auch sie die letzte Saison nicht mit einem Gewinn abschliessen: Trotz eines Umsatzes von fast 50 Millionen blieben am Ende rund 450 000 Franken Verlust. Schuld daran ist der diesjährige Monat März mit schlechtem Wetter, fehlenden Ostertagen und einem aufgehobenen Mindestkurs. Das Resultat: Der März brachte den «Sunstar Hotels» eine Million Franken Verlust ein und katapultierte sie aus den schwarzen in die roten Zahlen.

«Als Hoteliers sind wir uns gewohnt, von externen Faktoren wie Wetter oder Währung abhängig zu sein. Seit Jahren optimieren und sparen wir, wo immer möglich. Ende des letzten Jahres waren wir fast am Ziel – aus den roten Zahlen. Als die Nationalbank den Mindestkurs aufhob, konnten wir wieder von vorne anfangen - unter nochmals erschwerten Bedingungen», sagt Beat Hess.

Ein Klagelied auf den starken Franken mag er dennoch nicht anstimmen. Zu sehr ist er ein Macher. Das zeigt auch ein Blick in die Firmengeschichte. Seit er 1999 das Ruder übernommen hat, gibt es eine «Wohlfühl-Strategie», eigene Hausweine, gepäckfreie Wandertouren oder Festwochen. «Beat Hess ist aktiv, bringt immer wieder neue Ideen.», sagt Fritz Buser. Der Gründer von «Sunstar Hotels» beschreibt den langjährigen Geschäftsführer als geborene Führungskraft: «Er weiss zu delegieren, kann gut zuhören und hat ein Gespür dafür, die richtigen Leuten auszuwählen.»

Doch mit was für Ideen will Beat Hess die grossen Herausforderungen in der nahen Zukunft managen? «Wir versuchen mit Sammeleinkäufen noch bessere Konditionen herauszuholen und Mitarbeiter je nach Bedarf und in verschiedenen Hotels einzusetzen. Es kann sein, dass eine Rezeptionistin auch mal hinter der Bar steht», sagt Hess. Auch stünden Überlegungen zum Portfolio zur Diskussion. Ein Abbau im Graubünden und ein Ausbau im Berner Oberland also? Beat Hess gibt sich bedeckt: «Die aktuelle Situation kann auch eine Chance sein. Fest steht, dass wir die Asiaten – mindestens nicht kurzfristig – nach Arosa locken können.»

Lesen Sie hier auch den Kommentar zu diesem Thema.