Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Krebstherapie aus Werthenstein

Peter Hofstetter leitete das Team des MSD-Pharmakonzerns, das die Krebstherapie revolutioniert. Ende Monat wird er pensioniert und verlässt den Betrieb in Werthenstein. Er plant eine zweite Berufskarriere.
Rainer Rickenbach
Peter Hofstetter in seinem Labor in Schachen. (Bild: Philipp Schmidli 1. März 2019)

Peter Hofstetter in seinem Labor in Schachen. (Bild: Philipp Schmidli 1. März 2019)

Auf «Keytruda» ruhen die Hoffnungen vieler Haut- und Lungenkrebskranker. Anders als die herkömmlichen Chemotherapien mit ihren schweren Nebenwirkungen setzt die neue Form der Therapie nicht auf chemische Elemente als Krebsbekämpfer, sondern auf die Stärkung des Immunsystems der Patienten. Dies soll den Körper in die Lage versetzen, die Krankheit selber zu bekämpfen. Auch wenn nicht alle Patienten auf die Methode ansprechen, sind die Erfahrungen grossmehrheitlich gut.

Für den US-Pharmakonzern Merck & Co. (ausserhalb von USA und Kanada: MSD) ist das Medikament auch geschäftlich ein riesiger Erfolg. Kein anderes Produkt des Konzerns verkauft sich zurzeit so gut. Seit es vor fünf Jahren von den US-Gesundheitsbehörden zugelassen wurde, wurde «Keytruda» weltweit in 87 Ländern registriert. Es brachte dem Konzern Einnahmen von 7 Milliarden US-Dollar (7,01 Milliarden Franken) und trug dazu bei, ihn zu einem Börsenstar an der Wall Street zu machen. Was indes kaum jemand weiss: Erforscht und entwickelt wurde die Krebstherapie im Gemeindeteil Schachen von Werthenstein.

Es fing mit einem Chemie-Spielzeugkasten an

Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Standortleiter Peter Hofstetter (65) aus Sursee. Aufgewachsen in Zug und Baar zeichnete sich sein Weg in die Chemiebranche schon früh ab. Da war der Chemie-Spielzeugkasten, den er als Bub von seinen Eltern als Geschenk bekam und mit dem er auf dem Esstisch einen veritablen Kollateralschaden hinterliess. «Richtig gepackt hat es mich, als mich unser damaliger Nachbar und Zuger Kantonschemiker Franz Zeder mitnahm, das Kantonslaboratorium zu besuchen. Was sich dort abspielte, faszinierte mich so sehr, dass ich nur noch einen Berufswunsch hatte: Chemiker zu werden», sagt Hofstetter. So studierte er an der ETH Zürich Chemie, und für die erste Arbeitsstelle verschlug es ihn danach zur ehemaligen Werthenstein Chemie AG. Hofstetter: «Ich dachte, für den Anfang ist Werthenstein gut. Doch meine Zukunft sah ich bei den grossen Pharmafirmen in Basel. Dort gingen auch die meisten meiner Mitstudenten hin.» Doch er blieb. Über 30 Jahre lang.

Er kommunizierte in seinen Anfangszeiten telegrafisch mit der Konzernzentrale, und Telefongespräche dorthin mussten möglichst kurz dauern, weil Überseegespräche damals satte 4 Franken pro Minute kosteten. Die Werthenstein Chemie AG landete nach mehreren Fusionen und Besitzerwechseln beim amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. und ist einer der vier Konzernstandorte im Kanton Luzern.

Tag und Nacht geforscht

Werthenstein kennt heute in der internationalen Konzernführung fast jeder. «Die Entwicklung von «Keytruda» hat uns viel Anerkennung eingebracht», so Hofstetter. Und Dankbarkeit vieler Menschen, die an Krebs erkrankt waren, von den Ärzten teilweise schon aufgegeben und dann doch wieder gesund wurden. Die Dankesbriefe der Genesenen seien berührend, sagt Hofstetter.

Es sind nun zehn Jahre her, seit die Entwickler in Werthenstein die Wirksubstanz zur Marktreife brachten. An der Konzernspitze in den USA stiess der damals neue Ansatz zur Krebstherapie zuerst auf Skepsis. Als sich jedoch herausstellte, dass die Konkurrenz in die gleiche Richtung forschte, wich die Zurückhaltung der Unterstützung. Nun ging es darum, die beste Therapieform zur Stärkung des Immunsystems als Erster zu entwickeln. Hofstetter: «Wir verglichen die Projektarbeit mit der Besteigung des Mount Everest. Es ging Etappe um Etappe vorwärts. 250 Spezialisten arbeiteten mit, einige von ihnen stiessen von andern MSD-Niederlassungen zu uns. Wir arbeiteten Tag und Nacht und selbst während des Essens drehten sich die Gespräche um die Arbeit.» Der positive Zulassungsentscheid der US-Gesundheitsbehörde im September 2014 musste für das Team wie Weihnachten und Ostern am gleichen Tag gewesen sein. Während dreier Jahre produzierte Werthenstein «Keytruda» für den amerikanischen Markt.

700 Angestellte im Kanton

Die US-amerikanische Merck & Co. ist einer der grössten Pharmakonzerne. Er hat seinen Sitz in Kenilworth (New Jersey). Aus namensrechtlichen Gründen nennt sich das Unternehmen ausserhalb der USA und von Kanada MSD. Der Konzern verkauft in über 140 Ländern rezeptpflichtige Medikamente, Impfstoffe, Biotherapeutika und Tiergesundheitsprodukte. Er ist zudem daran, Verfahren zur Vorbeugung und Behandlung von Alzheimer sowie Infektionskrankheiten wie HIV und Ebola zu entwickeln. Der Konzern beschäftigt weltweit 69000 Mitarbeitende und bringt es auf einen Konzernumsatz von 42,3 Milliarden Dollar. Merk investiert weltweit jährlich 7,9 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung. Das entspricht 18,7 Prozent des Konzernumsatzes. Auf dem Schweizer Markt ist MSD hinter Novartis und vor Roche die Nummer zwei. Die vier Niederlassungen befinden sich alle im Kanton Luzern: Stadt Luzern (2), Schachen-Werthenstein und Kriens. 700 Mitarbeitende haben ihren Arbeitsplatz in einem der vier Standorte.

Gleichzeitig wurde die kommerzielle Herstellung des Arzneimittels an anderen Standorten des Pharmakonzerns aufgebaut. In Werthenstein wird indes weiter geforscht und entwickelt. «Wir arbeiten an der nächsten Generation von «Keytruda». Ziel ist es, das Medikament und seine Wirkungskraft in Kombination mit anderen Produkten zu erhöhen und auch für andere Krebsarten weiterzuentwickeln.» 350 Mitarbeitende sind bei der MSD in Werthenstein beschäftigt, Tendenz steigend. Die Standortführung beschäftigt sich darum bereits mit weiteren Ausbauplänen. Nebst der Onkologie (Krebsbehandlung) arbeitet MSD in der Schweiz an Wirkstoffen für Diabetes, Herzkreislauf, Infektionserkrankungen, Immunologie sowie von Impfstoffen.

Hobbys müssen noch warten

Peter Hofstetter wird die neuen Vorhaben nicht mehr bis an deren Ende begleiten. Für ihn, der seit fünf Jahren die Niederlassung in Werthenstein leitet, ist Ende März aus Altersgründen der letzte Arbeitstag bei MSD. Sein Nachfolger Andreas Gerber arbeitet sich bereits ein. An Hobbys fehlt es dem leidenschaftlichen Inlineskater, Kitesurfer, Mountainbiker und Skifahrer nicht. Trotzdem werden die Sportausrüstungen und Reisepläne warten müssen. Denn Hofstetter hat nicht vor, den nächsten Lebensabschnitt ohne Arbeit zu gestalten. «Ich fühle mich nicht alt, gehe in der Arbeit auf und würde gerne noch fünf oder sechs Jahre anhängen.» Sei es als selbstständiger Berater oder in der Geschäftsführung eines Unternehmens. Zurzeit ist er am Sondieren. «Für meine Hobbys bleibt mir nach der Pensionierung bei MSD vermutlich eher weniger Zeit: Heute sind es sechs Wochen Ferien, danach vielleicht wieder nur noch vier», schmunzelt der geschiedene Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.