KREUZFAHRT: Nun wird dem Kapitän der Prozess gemacht

Eineinhalb Jahre nach dem Untergang der «Costa Concordia» kommt es zum Prozess. Es dürfte nicht der einzige sein. Den Kreuzfahrten-Boom kann dies aber nicht bremsen.

Dominik Buholzer
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Das gekenterte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia liegt noch immer vor der Insel Giglio. (Bild: Keysstone)

Das gekenterte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia liegt noch immer vor der Insel Giglio. (Bild: Keysstone)

Er machte alles falsch, was man als Kapitän falsch machen kann. Als die «Costa Concordia» am 13. Januar 2012 vor dem italienischen Küstenstädtchen Giglio havarierte, liess Kapitän Francesco Schettino sämtliches Fachwissen vermissen. Statt die Bergung der über 4000 Personen an Bord des Kreuzfahrtschiffes zu leiten, war er in erster Linie um sein eigenes Wohl besorgt. «Hören Sie, Schettino, Sie haben vielleicht geschafft, sich aus dem Meer zu retten, aber das da, das wird wirklich schlecht ausgehen ... Ich werde Ihnen verdammt viele Scherereien machen. Gehen Sie an Bord, verflucht nochmal!», wurde der Unglückskapitän von Gregorio De Falco von der Hafenkommandantur in Livorno zurechtgewiesen. Es sei dunkel, man sehe nichts, erwiderte Schettino laut den aufgezeichneten Telefongesprächen. Dem Offizier der Hafenmeisterei verschlug es darob fast die Stimme. «Wollen Sie jetzt nach Hause gehen, weil es dunkel ist, Schettino?», fragte er ungläubig.

32 Menschen starben

Die Havarie der «Costa Concordia» geht als eines der schlimmsten Unglücke eines Passagierschiffes seit dem Untergang der «Titanic» im April 1912 in die Geschichte ein. Für 32 Menschen kam im Januar 2012 jede Hilfe zu spät. Das jüngste Opfer war gerade einmal fünf Jahre alt: ein Mädchen aus Rimini. Es fand keinen Platz im Rettungsboot. Die «Costa Concordia» war in jener Nacht auf einer Route, die viel zu nah an der Küste lag, über einen Felsen am Meeresboden geschrammt und wurde dabei auf einer Länge von 50 Metern aufgerissen. Das Schiff geriet in Schieflage und sank in der Folge.

Bei den Untersuchungen wurde schnell deutlich, dass es nach dem Unfall ein riesiges Durcheinander auf der Kommandobrücke des Kreuzfahrtschiffes gab, die Kommunikation nicht funktionierte und der Unglückskapitän die «Costa Concordia» vorzeitig verliess.

Schettino drohen 20 Jahre Haft

Nun muss sich Schettino ab 9. Juli vor dem Strafgericht in Grosseto unter anderem wegen Totschlags und vorzeitigen Verlassens des havarierten Schiffs verantworten. Ihm droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren. Wegen eines Richterstreiks verschiebt sich der Prozessauftakt möglicherweise. Doch spätestens am 17. Juli soll der Prozess starten.

Schettino wird wohl der einzige Verantwortliche sein, dem in Italien der Prozess gemacht wird. Fünf weitere Verantwortliche hatten sich Mitte Mai mit dem Gericht auf einen Deal geeinigt: Sie erklären sich in den Vorverhandlungen für schuldig und erhalten verkürzte Haftstrafen von bis zu 2 Jahren und 10 Monaten. Auch bei Francesco Schettino versuchten die Anwälte einen Deal zu erzielen. Doch das Gericht wies das Angebot von einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten als «lächerlich» zurück.

Rekordwerte für 2012

Schettinos Verurteilung gilt als sicher. Genauso sicher ist es, dass dies nicht der letzte Prozess in Sachen «Costa Concordia» gewesen sein dürfte. Zwar konnte die italienische Reederei Costa Crociere, die ein Tochterunternehmen von Marktführer Carnival aus den USA ist, dank der Zahlung von einer Busse von 1 Million Euro ein Strafverfahren in Italien abwenden. In den USA droht dem Unternehmen aber Ungemach. Im vergangenen Februar hat ein US-Gericht den Weg frei gemacht für ein Verfahren in Florida. Insgesamt 104 Passagiere des gesunkenen Schiffs und Angehörige von Opfern der Havarie streben in zwei Sammelklagen einen Prozess gegen Carnival Corporation an, die Muttergesellschaft der «Costa Concordia». Wie die Prozesse gegen Unglückskapitän Schettino und Carnival Corporation auch ausgehen mögen: Den Boom von Ferien auf hoher See werden sie laut Experten nicht stoppen können. «Die Konsequenzen aus der Katastrophe vor Giglio hat die Branche schon lange vorweggenommen, indem die Sicherheitsvorkehrungen an vielen Stellen verschärft wurden und mehr Wert auf die Aus- und Fortbildung von Schiffsoffizieren und der Crew gelegt wird», betont der deutsche Kreuzfahrtexperte Franz Neumeier.

Das bestätigt Jörg Keller von Cruisenet aus Altdorf, das auf Kreuzfahrtreisen spezialisiert ist: «Wir haben unmittelbar nach dem Unglück der ‹Costa Concordia› bei Kunden eine gewisse Zurückhaltung festgestellt. Es gab aber keine einzige Annullierung.» Von Katerstimmung kann also keine Spur sein. Kreuzfahrten sind in Europa so beliebt wie nie zuvor. Laut Cruise Lines International Association wurde im vergangenen Jahr mit 6,14 Passagieren eine neue Bestmarke erreicht. Damit hat sich der Kreuzfahrtmarkt in Europa in lediglich acht Jahren verdoppelt. In den vergangenen fünf Jahren gab es gar jährliche Wachstumsraten von 8 Prozent.

Noch viel Potenzial vorhanden

Lässt die Reisenden eine Katastrophe wie die Havarie der «Costa Concordia» kalt? So weit würde Jörg Keller von Cruisenet nicht gehen. Er sagt aber auch: «Solange die Schiffe fahren und der Preis stimmt, gehen die Kunden auf Reisen.» Und der Preis stimmt derzeit. Das Unglück der «Costa Concordia» führte zu einem wahren Preissturz bei Mittelmeerreisen; davon hat sich die Branche laut Franz Neumeier bis heute nicht erholt. «Tiefer geht es schon fast nicht mehr», bekräftigt Jörg Keller.

Das Wachstum dürfte also weitergehen. Luft dazu ist laut Franz Neumeier vorhanden: «Gemessen an der Popularität von Kreuzfahrten in den USA hat Europa noch viel Potenzial.»