Wirtschaftskriminalität
Kriminalitäts-Barometer zeigt: Die gefährlichsten Täter in Firmen sind Chefs

Im Vergleich zu ihren Mitarbeiter verursachen Chefs immens grossere Schäden. Das Beratungsunternehmen KPMG hat Wirtschaftsdelikte ab 50'000 Franken analysiert. Insgesamt beläuft sich das Delikt-Volumen in der Schweiz auf mehrere Milliarden Franken.

Roman Seiler
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DIe Gefährlichsten Täter sind Top-Manager

DIe Gefährlichsten Täter sind Top-Manager

Aargauer Zeitung

Die Deliktsumme von Wirtschaftskriminellen in lediglich 64 Fällen in der Schweiz läppert sich auf eine halbe Milliarde Franken. In mehr als einem Drittel der Fälle waren die Täter Manager, die ihre Firmen insgesamt um 273 Millionen schädigten. Das sind satte 11,4 Millionen Franken pro Straftat. 2008 verursachten Manager im Schnitt gar einen Schaden von 21,6 Millionen.

Zum Vergleich: Delinquierten einfache Mitarbeiter, ging es 2012 im Schnitt um 2,4 Millionen, 2008 um 1,1 Millionen Franken.

Diese brisanten Zahlen hält das auf Revision und Beratung spezialisierte Unternehmen KPMG in seinem «Forensic Fraud Barometer» für 2012 fest.

Ausgewertet wurden von Schweizer Strafgerichten abgeschlossene Fälle von Wirtschaftskriminalität mit einem Schaden von mehr als 50 000 Franken. Das Kriminalitäts-Barometer zeigt: Die gefährlichsten Täter in Firmen sind die Chefs.

Matthias Kiener, Director Forensic bei KPMG Schweiz, sagt: «Je höher ein Chef in der Hierarchie angesiedelt ist, desto höher fällt der Schaden aus.» Diebstahl, Unterschlagung, Betrug und Datendiebstahl sind die meist genannten Delikte.

Fast jede zweite Firma betroffen

Die im Barometer aufgelisteten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Die KPMG präsentierte gestern eine neue Studie über Wirtschaftskriminalität. Befragt wurden je 100 KMU's in der Schweiz und Österreich sowie 300 in Deutschland. Obendrein beteiligten sich je rund 30 Grossunternehmen in diesen drei Ländern an der Umfrage.

Das Fazit ist verstörend: «Je nach Grösse und Herkunft sind bis zu 50 Prozent der Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen.»

In der Schweiz waren 13 Prozent der befragten KMU in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminellen. Bei den 30 grössten Unternehmen waren es gar 47 Prozent. Das geht ins Geld. Im Schnitt kostet ein Fall die betroffene Firma in der Schweiz und Österreich rund 360 000 Franken. In Deutschland sind es nur 36 000 Franken.

Die Dunkelziffer ist hoch: US-Experten schätzen, dass Wirtschaftskriminelle einen Schaden in der Höhe von rund fünf Prozent aller Firmenumsätze verursachen. In der Schweiz beläuft sich das Volumen auf mehrere Milliarden, in Deutschland auf 24 Milliarden Franken.

In jedem Jahr werden dort 675 000 Wirtschaftskriminalitätsfälle in Unternehmen begangen, schreiben die Autoren: «Jede Minute wird mehr als ein Unternehmen in Deutschland Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen.» Tendenz: Steigend!

Mehr als 40 Prozent der Täter sind Angestellte der betroffenen Unternehmen. Dabei gab es in den zwei vergangenen Jahren grosse Unterschiede zwischen den befragten Firmengruppen:

• In Schweizer KMU sind 30 Prozent der internen Täter Mitarbeiter ohne Kaderfunktion. In Deutschland sind es 62, in Österreich 90 Prozent.
• In Schweizer Grossunternehmen sind 62 Prozent der internen Täter einfache Mitarbeiter, in deutschen 48 Prozent und in österreichischen 84 Prozent.
• In Schweizer KMU sind 70 Prozent der internen Delinquenten Manager. Davon zählen zehn Prozent zur Geschäftsspitze. In Deutschland sitzen 38, in Österreich zehn Prozent in der Chefetage.
• In mehr als jedem dritten Fall waren intern das Management bei Deutschen und Schweizer Grossunternehmen in die Taten involviert. Dabei zählten in Deutschland 16, in der Schweiz fünf Prozent zum Top-Management. In Österreich sind nur 16 Prozent der Kriminellen Manager. Das Top-Management war nicht betroffen.

Anzeigen sind hier selten

Die Täter stehen gemäss den befragten Schweizer Unternehmen in der überwiegenden Zahl der Fälle unter finanziellem Druck. Oft geht es aber auch darum, sich den Bonus abzusichern. Dabei riskieren die Täter hierzulande in den meisten Fällen deutlich seltener eine Anzeige als in Deutschland oder Österreich. Nur gut 40 Prozent der Delikte haben strafrechtliche Konsequenzen.