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Kritik an der Rolle der US-Notenbank

Nach dem Zusammenbruch des Finanzhauses Lehman Brothers vor zehn Jahren schlitterten die Finanzmärkte in den Abgrund. Nun behauptet ein renommierter Wirtschaftsprofessor, der Kollaps hätte verhindert werden können.
Renzo Ruf, Washington
Nach 158 Jahren war Lehman Brothers vor zehn Jahren am Ende. (Bild: Louis Lanzano/Keystone (New York, 15. September 2008)

Nach 158 Jahren war Lehman Brothers vor zehn Jahren am Ende. (Bild: Louis Lanzano/Keystone (New York, 15. September 2008)

Auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch seiner Bank ist Richard «Dick» Fuld fest davon überzeugt: Der Kollaps der Lehman Brothers Holding Inc., wie die Dachgesellschaft des 1850 gegründeten Vermögensverwalters mit vollem Namen hiess, wäre nicht nötig gewesen – und ohne diesen Zusammenbruch hätte die Finanzkrise, die nach der Bankrotterklärung von Lehman am 15. September 2008 fast die ganze Welt aus den Angeln hob, so nicht stattgefunden. Nun ist Fuld (72) in dieser Angelegenheit natürlich kein neutraler Beobachter.

Nach der Bankrotterklärung seiner Firma wurde er zum Aushängeschild der Krise und rund um den Globus für Konjunkturdellen und Massenentlassungen verantwortlich gemacht; in der Folge tat sich der ehrgeizige, häufig konfrontativ auftretende Banker schwer damit, an der Wall Street wieder Arbeit zu finden. (2009 gründete Fuld in New York ein kleines Finanzberatungsunternehmen, das nun Vermögen in der Höhe von 200 Millionen Dollar verwaltet, wie das «Wall Street Journal» berichtete.) Versuche einer revisionistischen Geschichtsschreibung werden in seinem Umfeld deshalb stets mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen.

Fed-Chef Ben Bernanke habe sich beeinflussen lassen

Ein neues Buch des Wirtschaftsprofessors Laurence Ball, der an der Johns Hopkins University in Baltimore (Maryland) forscht, gibt Fuld nun neue Hoffnung. Das Buch trägt den Titel «The Fed and Lehman Brothers» und geht der Frage nach, ob der amerikanischen Notenbank Federal Reserve im September 2008 in der Tat die Hände gebunden waren, als sich Fed-Chef Ben Bernanke weigerte, der Lehman-Holding mit einem Überbrückungskredit unter die Arme zu greifen. Diese Weigerung der Notenbank führte dazu, dass Finanzminister Henry «Hank» Paulson die Lehman-Verantwortlichen von der Notwendigkeit einer mehr oder weniger geregelten Abwicklung der Firma überzeugte – damit am Montagmorgen an der Wall Street keine Panik ausbrechen würde.

Laurence Ball behauptet nun, dass Bernanke sich von Paulson habe unter Druck setzen lassen, obwohl die Federal Reserve doch politisch unabhängig agieren sollte. Auch habe sich der Finanzminister bei seinen Pressionsversuchen primär von parteipolitischen Beweggründen leiten lassen. Paulson diente dem Republikaner Präsident George W. Bush, und hatte kein Interesse daran, nach der Rettung von Bear Sterns und den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac als «Mr. Bailout» in die Geschichtsbücher einzugehen. Um diese These zu beweisen, lässt der Wirtschaftsprofessor die wichtigsten Figuren des Krisenherbstes 2008 zu Wort kommen. Er zitiert aus E-Mail, öffentlichen Stellungnahmen und Telefongesprächen und kommt dabei zum Schluss, dass das Hauptargument von Fed-Chef Bernanke, mit dem er den Lehman-Zusammenbruch rechtfertigte, einer genauen Prüfung nicht standhalte. Es stimme nicht, schreibt Ball, dass Vertreter der Notenbank nach einer Prüfung der (schludrig geführten) Lehman-Bücher zum Schluss gekommen seien, dem Finanzinstitut fehlten die notwendigen Mittel zur Absicherung eines Überbrückungskredites. Genau dies behauptet Bernanke aber nach wie vor. Er sagt, ihm seien die Hände gebunden gewesen, weil Lehman stark überschuldet gewesen sei. Und der Federal Reserve sei es 2008 von Gesetzes wegen verboten gewesen, in solchen Fällen Geld auszuleihen. Auch sagt Bernanke, dass Vergleiche zum taumelnden Versicherungsunternehmen AIG, das letztlich mit staatlichen Krediten in der Höhe von 182 Milliarden Dollar vor dem Zusammenbruch gerettet werden musste, seien unzulässig – weil AIG stets genügend Wertposten in der Bilanz gehabt hätte.

Laurence Ball lässt dieses Argument nicht gelten. Seiner Meinung nach sei die Lehman-Holding am Stichtag 15. September 2008 nicht überschuldet gewesen. Dieselbe Schlussfolgerung hätten Angestellte der Fed-Zweigstelle in New York bereits im Krisenherbst 2008 gezogen, berichtete die «New York Times» vor vier Jahren. Sie informierten ihre Vorgesetzten aber angeblich nie über das Ergebnis ihrer Revision. Ball sagt, dass die Federal Reserve deshalb das Institut ganz legal hätte retten oder abwickeln können. Schliesslich habe die Fed keine Schwierigkeiten damit gehabt, eine Lehman-Tochter – das Brokerhaus Lehman Brothers, das für das amerikanische Kundengeschäft verantwortlich war – am Leben zu erhalten, damit dieses am Ende einer turbulenten Woche durch die britische Grossbank Barclays übernommen werden konnte. Aus dem persönlichen Umfeld von Dick Fuld heisst es: Er sei «höchst erfreut» über das Buch des Wirtschaftsprofessors gewesen. Früher oder später werde die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommen, sagte der ehemalige Lehman-Rechtsberater Tom Russo dem «Wall Street Journal».

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