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«20 Minuten» als einflussreichster Titel: Experten kritisieren Medienstudie

In einer neuen Studie lässt die Gratiszeitung «20 Minuten» sogar die SRG hinter sich, was den Einfluss angeht. Experten relativieren die Erkenntnisse. Denn Reichweite bedeute nicht Einfluss.
Rebekka Balzarini
Blick in die Redaktionsräume von «20 Minuten» im Tamedia-Gebäude. (Bild: Christian Beutler/Keystone (Zürich))

Blick in die Redaktionsräume von «20 Minuten» im Tamedia-Gebäude. (Bild: Christian Beutler/Keystone (Zürich))

Die Zeitung «20 Minuten» hat am meisten Einfluss auf die Meinungsbildung der Schweizerinnen und Schweizer. Die Gratiszeitung hat sogar mehr Einfluss als einzelne SRG-Sendungen. Jedenfalls lautet so das Resultat einer Studie, die das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) am Dienstag präsentiert hat. Das Forschungsbüro Publicom hat die Forschung durchgeführt. Der «Medienmonitor», der daraus entstanden ist, gibt Auskunft über den Einfluss verschiedener Mediengattungen und Medienmarken auf die Meinungsbildung in der Schweiz und in den Sprachregionen.

Vor allem bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 ist «20 Minuten» beliebt. Der Grund dafür liege auf der Hand, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Corinne Schweizer, die als Oberassistentin an der Universität Zürich arbeitet. «Die Zeitung hat sich gut auf die Bedürfnisse der vielen Pendlerinnen und Pendler eingestellt: Sie ist morgens griffbereit an den Bahnhöfen, bietet News und Unterhaltung auf dem Arbeitsweg und vermeidet eine Überanstrengung mit zu detaillierten Informationen», fasst sie zusammen.

Junge orientieren sich an Headlines

Dass Kurznachrichten immer beliebter werden, ist laut Schweizer kein neuer Trend. Zum Beispiel würden Politiker im Fernsehen heute viel weniger Redezeit erhalten als früher. Gerade junge Leute seien heute eher «Info-Scanner», die sich vor allem an Headlines orientieren und gerne kurze Videos schauen, sagt Schweizer. Ein Grund zu Sorge sei dies vor allem deswegen, weil bei Kurznachrichten viel Substanz verloren gehe. «Statt abzuwägen und Hintergründe zu erklären, wird die Botschaft auf eingängige Schlagworte verkürzt.»

Aber der «Medienmonitor Schweiz» muss mit Vorbehalt betrachtet werden. Das rät jedenfalls Heinz Bonfadelli, emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Die Resultate der Studie setzten sich aus der Reichweite des Titels und der Bewertung durch die Nutzer zusammen, erklärt Bonfa­delli. «Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Leser eines Titels den Titel bewerten, den sie auch lesen. Entsprechend wird der Titel meist gut bewertet, sonst würden sie ihn ja nicht lesen», so Bonfadelli. Bei der Studie sei also nicht der reale Einfluss auf die Meinungen der Bevölkerung gemessen worden.

Entscheidend ist, wer die Politiker beeinflusst

Für den Spitzenplatz von «20 Minuten» sei eher die Reichweite verantwortlich, nicht die tatsächliche Relevanz. «Über den Einfluss eines Mediums entscheidet vielmehr, wie ein Medium mit seinen Meinungsartikeln die meinungsführenden Personen, sprich die Politiker, beeinflusst», bemängelt Bonfadelli. Dies sei vom «Medienmonitor» aber nicht gemessen worden.

Wegen der grossen Reichweite habe «20 Minuten» aber eine grosse Verantwortung. Die Gratiszeitung nehme diese Verantwortung meistens gut wahr. In vielen Artikeln kämen Leserinnen und Leser zu Wort, und explizite Meinungsäusserungen seien selten, so der Experte.

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