KRITIK: Daran krankt Economiesuisse

Mangelnde Führungsstärke, ungenügender Einbezug der Parteien und Eifersüchteleien zwischen den Verbänden: Das sind einige der Probleme des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.

Roger Braun
Drucken
Teilen
Zum Rücktritt aufgefordert: der Präsident und die Direktorin der Economiesuisse. (Bild: Lukas Lehmann/KEY, Bern, 2. Februar 2017)

Zum Rücktritt aufgefordert: der Präsident und die Direktorin der Economiesuisse. (Bild: Lukas Lehmann/KEY, Bern, 2. Februar 2017)

Roger Braun

Blamabel war die Niederlage der Wirtschaftsverbände bei der Unternehmenssteuerreform – und noch immer ebbt die Kritik nicht ab. Einzelne Parlamentarier fordern inzwischen die Spitze der Economiesuisse zum Rücktritt auf, und FDP-Präsidentin Petra Gössi beklagt die Geringschätzung der politischen Parteien. Was läuft schief beim Wirtschaftsdachverband? Diese Zeitung hat mit mehreren ehemaligen Spitzenfunktionären der Wirtschaft gesprochen. Mit Namen will niemand hinstehen, aber unter Zusicherung der Anonymität sprechen sie über die offenen Fragen zum finanzstärksten Verband der Schweiz.

Liegt es an den Köpfen?

Präsident Heinz Karrer und Direktorin Monika Rühl seien zu wenig präsent, sagen mehrere ehemalige Funktionäre. Medial spielten sie kaum eine Rolle, und da sie nie ein politisches Amt bekleidet haben, fehle die persönliche Nähe zu den Parlamentariern. Intern fehle es ihnen zudem an Durchschlagskraft, sagt eine Auskunftsperson. Vor allem Karrer agiere zu zögerlich und wolle es allen recht machen. «Er war nach der turbulenten Zeit nach dem Debakel bei der Ab­zockerinitiative der richtige Mann, um Ruhe in die Organisation zu bringen, nun fehlt es aber an ­Dynamik und Entschlossenheit.» Laut einer anderen Person ist es nicht überraschend, dass mit Rühl und Karrer eher zurück­haltende Charaktere in diese Ämter gehievt wurden. «Denn zahlreiche Branchenverbände haben gar kein Interesse an einem starken Dachverband, weil sie sonst an Einfluss verlieren würden.»

Inwiefern leidet die Wirtschaft generell unter einem Imageproblem?

Alle sind sich einig, dass die Wirtschaft enorm an Vertrauen eingebüsst hat. Dies habe mit Salär­exzessen und der globalisierten Wirtschaft zu tun, aber auch am mangelnden Engagement der hiesigen Wirtschaftsführer in der Gesellschaft. Eine Person trauert den alten Zeiten nach, als manche Wirtschaftsvertreter noch die po­litische Ochsentour in der Lokalpolitik auf sich nahmen und dementsprechend gut im Volk verankert waren. «Hätte die Wirtschaft solche Aushängeschilder, wäre die Abstimmung zur Unternehmenssteuer nicht gescheitert», sagt sie.

Sollen die Parteien bei ­Kampagnen wieder mehr ­Verantwortung erhalten?

Aufgrund des angeschlagenen Rufs hätten Verbandsfunktionäre in der öffentlichen Debatte einen schweren Stand, sagen mehrere ehemaligen Funktionäre. Par­teien und Politiker hingegen seien näher beim Volk und besässen damit eine höhere Glaubwürdigkeit. Gössi habe deshalb recht, wenn sie fordere, die Parteien in der Erarbeitung der Kampagne stärker einzubinden. Eine Auskunftsperson sagt, die Wirtschaft solle den Parteien wieder mehr Geld für die Kampagnen zu­kommen lassen, über das sie frei verfügen könnten, wie dies früher der Fall gewesen sei. Gebe man den Parteien mehr Freiheit, liesse sich auch der Eindruck korrigieren, dass die Parteien und Politiker als Absender der Wirtschaft instrumentalisiert würden.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen den Wirtschafts­verbänden?

Nicht besonders gut. Viele Vertreter der Economiesuisse stören sich am aggressiven Stil des Gewerbeverbands unter Direktor Hans-Ulrich Bigler. Der Gewerbe­verband wiederum sieht die Economiesuisse als abgehobenen Club, der gegenüber Forderungen von links zu weich sei. Auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeberverband und Economiesuisse ist nicht unbelastet. Bei der Umsetzungssaga der Massen­einwanderungs-Initiative forderte die Economiesuisse eine EU-verträgliche Lösung, Arbeitgeberverbandspräsident Valentin Vogt beharrte dagegen öffentlich auf Kontingenten als Ultima Ratio. Für eine Auskunftsperson liegt das durchzogene Verhältnis auch an der fehlenden Verflechtung der Verbände. Früher seien einzelne Personen in mehreren Vorständen gesessen, was dem gegenseitigen Verständnis förderlich gewesen sei, sagt sie. Jemand anderes spricht weiter das Problem an, dass die Economiesuisse kein einheitlicher Block sei. Es gebe immer wieder Fragen, bei denen sich die Branchenver­bände gegenseitig blockieren. «Die verkorkste Kampagne ohne klare Botschaft könnte auch Ausdruck dieser Uneinigkeit gewesen sein.»

Soll der Arbeitgeberverband mit Economiesuisse zu­sammengelegt werden?

Dies war einst vorgesehen, als die beiden Verbände «Vorort» und «Wirtschaftsförderung» zur Jahrtausendwende fusionierten. Der Arbeitgeberverband verzichtet jedoch auf einen Beitritt. Seitdem ist er für die Sozialpolitik, die Bildung und den Arbeitsmarkt zuständig, Economiesuisse kümmert sich um die restlichen Fragen. Ob der grosse Zusammenschluss Sinn machen würde, wird unterschiedlich beurteilt. Eine Person macht Abgrenzungsprobleme und Ineffizienzen aus, die sich etwa bei der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative gezeigt haben. Für eine andere Person hat sich die Zusammenarbeit bewährt. «Wird Economiesuisse noch grösser, würde schnell der Vorwurf der Allmacht laut», sagt sie.