Interview
Kuoni-Chef Peter Rothwell: «1:12-Initiative vertreibt den Wohlstand»

Würde die 1:12-Initiative angenommen, würde Kuoni-Chef Peter Rothwell seine Situation überdenken. Die Initiative schade der Wettbewerbsfähigkeit und folge einer politischen Agenda, die gefährlich sei.

Thomas Schlittler, Dubai
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Mr. Rothwell, wir treffen uns in Dubai. Wie viele Wochen im Jahr sind Sie für Kuoni auf Reisen?

Peter Rothwell: Zu ungefähr 50 Prozent bin ich in der Schweiz, die anderen 50 Prozent bin ich auf Reisen. Allerdings immer an die gleichen Orte: London, Mumbai, Dubai, Bangkok und Stockholm. In diesen Städten sind wichtige Geschäftsbereiche von uns stationiert. Ich komme auf etwa 200 Flüge pro Jahr.

Haben Sie das ständige Umherreisen nie satt?

Doch, denn Geschäftsreisen können sehr anstrengend sein, vor allem kurze Reisen. Wenn ich in London ein Meeting habe, versuche ich am gleichen Tag zurück in der Schweiz zu sein. Das heisst, ich muss um 7 Uhr morgens den Flug ab Zürich-Kloten nehmen und bin dann um 21 Uhr zurück. Das sind oft lange Tage.

Kuoni hat im letzten Jahr einen Verlust von 13 Millionen Franken präsentiert. Damit können Sie nicht zufrieden sein.

Nein, das Konzernergebnis macht uns nicht glücklich. Der operative Gewinn von 119 Millionen hingegen schon. Diesen konnten wir das vierte Jahr in Folge steigern. Wir mussten grosse Aufräumarbeiten anpacken – das kostet viel Geld. Aber wir mussten das tun, weil es keinen Sinn macht, Verlust bringende Sparten aufrechtzuerhalten.

Sie haben sich im letzten Jahr aus dem Reiseveranstaltergeschäft in Italien, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Belgien und Russland zurückgezogen. Auch die Online-Hotelplattform Octopustravel wurde eingestellt. Kommt noch mehr?

Nein, das erwarte ich nicht. Wir haben uns von 420 Millionen Franken Umsatz und fast 800 Angestellten verabschiedet. Dieser Einschnitt war unvermeidlich, weil alle diese Sparten Verluste schrieben. Die meisten Arbeitsplätze konnten durch Verkäufe allerdings erhalten werden.

Wie ist Kuoni ins neue Jahr gestartet?

Jede Sparte entwickelt sich unterschiedlich. Alles in allem sind wir ziemlich zufrieden. Die Buchungsstände sind für alle Aktivitäten im Plus. Wir erwarten jedoch ein herausforderndes Jahr.

Welchen Einfluss hat der Terroranschlag von Boston auf Ihr Geschäft?

Boston ist von geringer Bedeutung. Die Menschen sind sich bewusst, dass es im eigenen Land genauso zu terroristischen Angriffen kommen kann wie im Ausland: der Amoklauf in Norwegen, die Bombenattacken auf Busse in London ...

Das ist lange her. Werden jetzt nicht wieder alte Ängste geweckt?

Es ist sicher nicht gut fürs Reisegeschäft. Wir müssen aber die Verhältnismässigkeit wahren. Dieser Vorfall hat nicht annähernd die Ausmasse wie der 11. September 2001. In Boston handelt es sich voraussichtlich um Einzeltäter und nicht um eine koordinierte Attacke auf die Vereinigten Staaten. Es gab keine einzige Stornierung wegen Boston.

Dennoch: Sicherheitsfragen bleiben wichtig. Das ist gut für Ihr Visa-Bearbeitungsgeschäft, das Sie im Auftrag von Regierungen betreiben.

Sicherheitsbedenken führen dazu, dass Visa-Regelungen auf der ganzen Welt Bestand haben. Die Länder wollen wissen, woher ihre Besucher kommen und wer sie sind. Vor allem in jenen Ländern, wo die Menschen in grossen Massen beginnen zu reisen, brauchen die Bürger fast immer ein Visum. Inder etwa dürfen ohne Visum gerade mal in vier Länder reisen.

Im letzten Jahr trug das Visa-Geschäft 35,5 Millionen Franken zum operativen Gewinn bei. Das entspricht rund 30 Prozent. Ist es denkbar, dass Kuoni eines Tages die Hälfte des Gewinns mit der Visa-Bearbeitung macht?

Das ist heute nicht abschätzbar. Das Visa-Geschäft wächst sehr schnell, wie auch andere Geschäftsbereiche. Im letzten Jahr haben wir 27 Prozent mehr Visa-Anträge bearbeitet als noch 2011. Das bedeutet zwar nicht, dass der Gewinn im gleichen Masse zunimmt. Das Wachstum ist aber auf jeden Fall beeindruckend – und das bei einer Betriebsgewinnmarge von 20 Prozent. Das haben wir in keiner anderen Geschäftssparte.

In der Schweiz ist Kuoni den meisten Leuten als traditioneller Reiseveranstalter bekannt. Was sagen Sie diesen Leuten?

Das ist Geschichte. Die Dinge ändern sich bei uns schneller als jemals zuvor. Es ist wichtig zu erkennen, dass mit dem klassischen Reiseveranstaltergeschäft aus der Schweiz oder Europa heraus, nicht mehr das grosse Geld zu verdienen ist. Der Schweizer Markt ist mit einem Umsatz von 700 Millionen Franken zwar immer noch wichtig für uns. Noch wichtiger ist es aber, in Asien präsent zu sein.

Was wird aus den Reisebüros in der Schweiz?

Die werden so lange bestehen bleiben, wie es die Kunden wünschen. Wenn keine Nachfrage mehr da ist und niemand mehr für unsere Dienstleistungen bezahlen will, dann werden sie verschwinden, was ich aber nicht erwarte. Momentan haben wir 92 Reisebüros in der Schweiz. In ein paar Jahren werden es voraussichtlich zwischen 80 und 90 sein.

Mit 2,7 Millionen Franken haben Sie im letzten Jahr 600 000 Franken mehr verdient als 2011 – obwohl Kuoni Verluste schrieb. Wie erklären Sie das den Aktionären und Angestellten?

Das ist Aufgabe unseres Verwaltungsratspräsidenten, der das an der Generalversammlung auch getan hat.

Das ist immer die gleiche Antwort der CEOs.

Der Verwaltungsratspräsident hat es an der GV erklärt: 2011 hatten wir die niedrigsten Boni seit mehreren Jahren, da die Ziele nicht erreicht wurden. Der Verwaltungsrat ist der Meinung, dass der Lohn im Vergleich mit unseren Mitbewerbern angemessen ist. Unsere Branche hat sich radikal gewandelt. In einem solch schwierigen Umfeld müssen schwierige Entscheide gefällt werden. Ich musste mich in den letzten sechs Monaten von fast 800 Leuten trennen. Der Verwaltungsrat ist der Überzeugung, dass diese Entscheidungen – langfristig gesehen – im Sinne der Firma und der Aktionäre sind. Zudem bezieht sich der Bonus bei uns auch auf die Zielerreichung der nächsten Jahre. Diese Beträge sind somit nicht garantiert, wenn wir die Ziele nicht erreichen.

Bisher konnten Sie sagen, Sie richten den Konzern für die Zukunft neu aus und das sei teuer. In diesem Jahr müssen Sie aber Resultate liefern.

Kein Zweifel, wir stehen unter Druck. Die Investorengemeinde weiss aber, dass das diesjährige Ergebnis durch 56 Millionen belastet sein wird wegen des Rückzugs aus Frankreich und Italien. Deshalb sind die meisten Investoren viel stärker an 2014 interessiert als an 2013. Wichtig ist vor allem, dass sich das operative Ergebnis weiterhin verbessert.

Können Sie sich an der Spitze von Kuoni halten, wenn Sie in diesem Jahr erneut Verluste präsentieren?

Ich glaube nicht, dass die Verluste eines einzelnen Jahres die Meinung des Verwaltungsrats beeinflusst, wer die richtige Person ist, um das Unternehmen zu führen. Der Verwaltungsrat fragt sich viel mehr, ob die richtigen Massnahmen getroffen wurden und umgesetzt werden, um Kuoni für die Zukunft im Markt zu positionieren.

Sie leben jetzt seit vier Jahren in der Schweiz. Was denken Sie über politische Projekte wie die Mindestlohn- oder 1:12-Initiative?

Die Schweiz ist erfolgreich, weil die Gesellschaft sehr tolerant ist. In jüngster Zeit folgt das Land aber einer politischen Agenda, die gefährlich ist. Das kann der Wettbewerbsfähigkeit schaden. Ich habe nur eine B-Aufenthaltsbewilligung und kann deshalb nicht abstimmen. Ich würde aber mit Sicherheit für keine dieser Initiativen stimmen – denn sie vertreiben den Wohlstand aus dem Land.

Wenn die 1:12-Initiative angenommen würde, könnten Sie noch etwa eine halbe Million Franken verdienen. Es wird immer gesagt, für dieses Geld findet man keine Topmanager. Würden Sie den Job auch für dieses Gehalt machen?

Heute stimmt für mich die Balance zwischen Verantwortung, Belastung und Bezahlung. Würde ich eine halbe Million verdienen, würde die Balance nicht mehr stimmen und ich müsste meine Situation überdenken – wie viele andere auch. Gerade global tätige Firmen in der Schweiz hätten Mühe, die besten Leute im harten Konkurrenzkampf zu finden. Spitzenkräfte gehen dorthin, wo ihnen die besten Konditionen geboten werden.