Steuerstreit
Kurer, Rohner, Wuffli: Ex-UBS-Chefs fürchten sich vor Kronzeugen im Weil-Prozess

Martin Liechti, einst Chef des UBS-Geschäfts mit US-Kunden, ist Kronzeuge im Geschworenenprozess in Fort Lauderdale gegen seinen einstigen Vorgesetzten Raoul Weil.

Roman Seiler und Renzo Ruf
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Juli 2001: Ex-UBS-Private-Banking-Chef Georges Gagnebin (3. von rechts, hinten) mit seinen Managern in Verbier VS.

Juli 2001: Ex-UBS-Private-Banking-Chef Georges Gagnebin (3. von rechts, hinten) mit seinen Managern in Verbier VS.

Nordwestschweiz

Verbier VS, Juli 2001: UBS-Konzernleitungsmitglied Georges Gagnebin geniesst mit acht von neun Mitgliedern seines Führungsteams die Freuden des Vermögensverwaltungsgeschäfts für betuchte Kunden. Die Bankmanager hörten sich das Konzert des Festival-Jugendorchesters an. Sponsor: die UBS.

Fröhlich posierte Gagnebins «Boy Group» für den Fotografen der Wirtschaftszeitung «Cash». Mit dabei: Raoul Weil, Martin Liechti und Gagnebins Nachfolger als CEO des UBS-Private Bankings, Marcel Rohner (siehe Bild).

Die meisten dieser Bankmanager sind heute in Ungnade gefallen. Gestolpert sind sie über das Geschäft mit rund 17 000 US-Steuersündern. Sie hatten in der Schweiz rund 20 Milliarden Dollar versteckt.

Die möglichen Beschuldigten

1 Peter Wuffli war von 2001 bis im Sommer 2007 CEO der UBS. Heute ist er unter anderem Präsident der Partners Group Holding. Die 1996 gegründete Vermögensverwaltungsgesellschaft investiert in Immobilien und Firmen.
2 Peter Kurer löste Marcel Ospel im Frühjahr 2008 als Verwaltungsratspräsident der UBS ab. Zuvor war er der Chefjurist der Bank. Heute sitzt er im Strategieausschuss der führenden österreichischen Anwaltskanzlei Schönherr und ist Partner und Verwaltungsrat (VR) der Beteiligungsgesellschaft BLR & Partner.
3 Raoul Weil rückte im Sommer 2007 an die Spitze des Vermögensverwaltungsgeschäfts. Er sass bereits ab 2005 in der Konzernleitung. Ihm war unter anderem das grenzüberschreitende Geschäft mit US-Kunden unterstellt. Er trat im November 2008 zurück, nachdem ihn die USA angeklagt hatte. 2012 heuerte er als Partner und Berater bei der Effektenhändlerin Reuss Private Group an.
4 Marcel Rohner übernahm im Juli 2007 den Chefsessel bei der UBS. Zuvor war er ab 2002 Chef des Private Bankings. Dazu gehörte auch das Geschäft mit US-Kunden, die in der Schweiz unversteuertes Geld gebunkert hatten. Nach seinem Rücktritt als UBS-Chef im Frühling 2009 übernahm er VR-Mandate bei der Neuen Helvetischen Bank und der Union Bancaire Privée.
5 Martin Liechti war der Chef des grenzüberschreitenden Geschäfts mit US-Kunden der UBS. Im April 2007 wurde er in Miami verhaftet. Seit seiner Rückkehr in die Schweiz hat er die Grossbank nie mehr betreten. Nach seiner Entlassung gründete er 2010 die Beratungsfirma Parkside Advisors. Er ist nun Kronzeuge im Geschworenenprozess seines Ex-Chefs Raoul Weil.

Kronzeuge gegen den Ex-Chef

Schlimmer noch – zwei sind heute Kontrahenten: Martin Liechti ist Kronzeuge im Prozess gegen seinen Ex-Chef Raoul Weil. Wann es in Fort Lauderdale zum Showdown zwischen den beiden kommt, war bei Redaktionsschluss noch offen. Weil, einst Private-Banking-Chef der UBS, wurde von den US-Behörden im November 2008 angeklagt. Aufgrund des später ausgestellten Haftbefehls wurde er vor rund einem Jahr in Bologna verhaftet.

Die Anklage wirft ihm vor, Vermögen von US-Steuerzahlern versteckt zu haben. So sagte der UBS-Banker Georg Marti gestern aus, Weil habe 2002 an Kundenmeetings in Amerika teilgenommen. Das wäre der erste direkte Beweis dafür, dass der Angeklagte an den illegalen Machenschaften der UBS direkt beteiligt war. Auf Nachfrage der Verteidigung räumte Marti aber ein, dass er sich nicht mehr an die Namen der Kunden erinnere. Weils Anwalt Aaron Marcu sagt, sein Mandant sei ein Opfer seiner Untergegebenen: «Sie versuchen die Schuld für ihre Vergehen Weil in die Schuhe zu schieben, um ihre eigene Haut zu retten.»

Rückblende: Miami, 21. April 2008. Das Justizdepartement lässt Martin Liechti, Chef des grenzüberschreitenden Geschäfts mit vermögenden US-Kunden, am Flughafen verhaften. Die Amerikaner stecken den UBS-Banker eine Nacht in ein Untersuchungsgefängnis – zusammen mit Gewaltverbrechern. Danach hielten ihn die Behörden als «material witness» fest. Bis Mitte August muss der «Tatsachenzeuge» in Miami bleiben. Er wohnt im Fünf-Sterne-Hotel «Four Seasons».

Was er damals als «Zeuge» ausgesagt hatte, blieb geheim. Vor dem Geschworenengericht wird er wohl aussagen, wer bei der UBS was über die Betreuung von US-Steuersündern wusste. Daher hängt von seiner Aussage nicht nur ab, ob sein einstiger Vorgesetzter Weil verurteilt wird oder nicht.

Etwas weiteres ist nämlich bis heute ist nicht bekannt: In der Anklageschrift gegen Weil wurden auch weitere namentlich nicht genannte «Executives», als Chefs der Bank, als nicht angeklagte «Co-Verschwörer» bezeichnet. Sie hielten «Positionen auf höchster Ebene», hielten die Ankläger fest.

Ex-Chefs stehen auch im Regen

Das sind die möglichen Beschuldigten (siehe auch Box oben):

Peter Kurer, einst Chefjurist und dann ab Frühjahr 2008 Verwaltungsratspräsident der UBS. Er liess 2006 eine interne Untersuchung durchführen. Einer der Berater, Bradley Birkenfeld, hatte gemeldet, interne Vorschriften im grenzüberschreitenden Geschäft mit US-Kunden würden nicht befolgt. Birkenfeld wurde im Mai 2008 von den US-Behörden verhaftet und später verurteilt. Dennoch erhielt er von der US-Steuerbehörde rund 100 Millionen Dollar für seine Verdienste als Whistleblower. Auch er hatte gegenüber den US-Behörden gebeichtet, wie die UBS Steuersünder betreute. Kurer war für die «Nordwestschweiz» nicht zu sprechen.

Marcel Rohner, ab Juli 2007 CEO der UBS, zuvor oberster Chef des Private Bankings und damit direkter Vorgesetzter von Weil und dessen Untergebenem Liechti. Auch er war für die «Nordwestschweiz» nicht erreichbar.

Peter Wuffli, ab 2001 CEO der UBS. Er verliess im Sommer 2007 die Grossbank. Damit trat er zurück, bevor der Steuerstreit mit den USA eskalierte. Er will zu diesen Vorfällen keine Stellung nehmen.

Noch immer gilt als Rätsel, warum das risikoreiche Geschäft mit US-Steuersündern nicht gestoppt worden ist. Jahrelang reisten UBS-Berater ohne die nötigen Bewilligungen in die USA. Sie waren nicht nur bestens geschult, sondern auch mit präparierten Geheimcomputern ausgerüstet. Auf der Website des US-Justizdepartements veröffentlichte Unterlagen enthüllen, wie die UBS dieses Geschäft betrieben hatte. So forderte Liechti noch 2007 von seinen Leuten in einem Mail «Growth! – Wachstum!». Anstelle von 17 Millionen sollten seine Mitarbeiter 60 Millionen Franken jährlich an Neugeld akquirieren. Das bringe höhere Boni.

Sollte Weil verurteilt werden, drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Käme aus, dass Rohner oder Wuffli über die Machenschaften in den USA Bescheid wussten, wären ihre heutigen Verwaltungsratsmandate bei Banken oder Fondsgesellschaften gefährdet. Die Finanzmarktaufsicht müsste prüfen, ob sie Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit böten. Es zittert also nicht nur Weil vor dem Auftritt von Liechti in Fort Lauderdale.