Basel
«Kurzarbeit ist ein ausgezeichnetes Rezept»

Die Unternehmen sollten sich schon jetzt darüber Gedanken machen, wie sie nach der Krise aussehen werden, rät Arbeitgeberpräsident Marc Jaquet.

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Marc Jaquet

Marc Jaquet

Schweiz am Sonntag

Von Markus Vogt

Herr Jaquet, schlafen Sie in der jetzigen Krisenzeit eigentlich gut?

Marc Jaquet: Als Unternehmer sollte man grundsätzlich nicht allzu viel schlafen, sondern versuchen, wach zu sein . . . In unserem Unternehmen haben wir die Hausaufgaben gemacht, wir sind keine unvernünftigen Risiken eingegangen und können die aktuelle Situation deshalb erfolgreich managen. Ich schlafe also nach wie vor gut.

Wie hat Sie die Krise in Ihrem eigenen Betrieb getroffen?

Die Krise betrifft uns in dem Geschäftsbereich, in dem wir Zulieferer für die Automobil- und die Lastwagenindustrie sind. Dieser Bereich läuft deutlich schwächer. Wir spüren die massiven Einbrüche bei unseren Kunden. Auf der anderen Seite haben wir Bereiche wie die Energieerzeugung und die Eisenbahnindustrie, die sich im heutigen Umfeld sehr positiv entwickeln.

In welchem Ausmass hat die Krise unsere Region getroffen?

Der Region Nordwestschweiz geht es - im Vergleich mit anderen Regionen der Schweiz und dem Ausland - überdurchschnittlich gut. Unsere Region profitiert von der starken Pharma- und Life Science-Industrie. Diese Branche bringt einerseits selber hervorragende Resultate und hat andererseits einen grossen Sog-Effekt für viele, die mit diesem Business verbunden sind.

Gibt es Branchen, die besonders leiden?

Exportunternehmen im Allgemeinen und vor allem die exportierende Maschinenindustrie haben es besonders schwer, weil sie ganz massive Einbrüche in den Auftragseingängen hinnehmen mussten. Weil diese Branche in unserer Region aber nicht so zahlreich vertreten ist wie in anderen Landesteilen, schlägt dies hier nicht so stark zu Buche.

Wo stehen wir in der aktuellen Krise - schon in der Talsohle?

Können Sie in der Kristallkugel lesen? Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten, es ist nach Weltregionen und nach Märkten zu unterscheiden. Ich habe den Eindruck, dass Amerika den Tiefpunkt überschritten hat und dass dort ein leichter Aufwärtstrend auf tiefem Niveau festzustellen ist. Ich bin zudem überzeugt, dass es in vielen Ländern im fernen Osten relativ rasch vorwärts gehen wird. Von unserem Unternehmen aus sehen wir zum Beispiel eine ganz starke Nachfrage in China. Und ich bin überzeugt davon, dass es in Europa länger gehen wird. Wie lang, kann niemand genau sagen.

Was ist denn das Hauptproblem für die Firmen?

Die meisten Firmen kämpfen damit, dass sich der Abschwung extrem schnell eingestellt hat, es war eher ein Abbruch. Aus einer Phase der Hochkonjunktur und des Wachstums, aus einer Phase, in der mit Überzeitregelungen mehrschichtig gefahren wurde, ging es fast über Nacht in eine Phase mit Kurzarbeit hinein. Substantielle Auftragsvolumen fielen weg. Dies könnte vor allem für Firmen in kapitalintensiven Branchen ein harter Schlag sein. Denn wenn es mit der Liquidität eng zu werden droht, könnte dies auch schon ein Vorbote des Endes sein.

Wie verhalten sich nun die Banken? Sind sie kulant?

Diesbezüglich habe ich bis jetzt nichts Negatives gehört, und ich würde das auch nicht erwarten. Denn die Banken haben allen Grund, der Realwirtschaft Mittel zur Verfügung zu stellen. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Krise in der Finanzindustrie ausgelöst worden ist. Die Finanzindustrie hat, auch in der Schweiz, massive Unterstützung des Staates erhalten. Deshalb erwarte ich, dass die Finanzindustrie auch bereit steht, um die Realindustrie mit den in der Krise benötigten Mitteln zu versorgen.

Viele Betriebe versuchen, mit Kurzarbeit über die Runden zu kommen. Wie lange taugt dieses Rezept?

Kurzarbeit ist ein ausgezeichnetes Rezept, um eine Nachfrage-Lücke zu überbrücken, die eine gewisse Zeit dauert. Wenn man etwa davon ausgehen muss, dass die Nachfrage während sechs bis zwölf Monaten einbricht und sich danach wieder einstellt, ist Kurzarbeit ein gutes und wirksames Instrument. Denn es ist sehr sozialverträglich für den Arbeitnehmenden. Für das Unternehmen bringt die Kurzarbeit den Vorteil, dass Entlassungen vermieden werden können und damit auch kein Know-how verloren geht, das zuvor aufgebaut worden ist. So wird eigentlich nichts an der Zukunft abgeschnitten.

Zur Person

Marc Jaquet ist Präsident des Arbeitgeberverbandes Basel (rund 2500 Mitglieder in der Nordwestschweiz, vorwiegend aus dem Dienstleistungssektor). Zuvor war er lange Jahre Präsident des ehemaligen Arbeitgeberverbandes, der per 1. Januar 2007 mit dem Basler Volkswirtschaftsbund fusionierte.

Der 1966 geborene Ökonom (lic.rer.pol., verheiratet, zwei Kinder) trat 1992 in die Firma Jaquet AG ein und ist seit 1993 Delegierter des Verwaltungsrates und CEO. Die Jaquet Technology Group ist ein weltweit tätiges High-Tech-Unternehmen mit Hauptsitz in Basel, mit rund 170 Mitarbeitenden und diversen Niederlassungen im Ausland (Europa, USA, China).

Das Unternehmen stellt Sensorik und Mess-Systeme her für die Messung von Drehzahlen und Geschwindigkeiten (für Motoren, Turbolader, ABS-Systeme, Turbinen, Textilmaschinen, Wind- und Atomkraftwerke, Papierindustrie, Lastwagen). (mv)

Jetzt müssten Sie aber wissen, wie lange die Krise dauert . . .

Genau. Seien wir offen und ehrlich: Das weiss keiner. Weder Professoren und Experten, noch Spitzenmanager aus den unterschiedlichsten Branchen können heute eine verlässliche Prognose abgeben - es gibt keine einheitliche Meinung dazu, wo wir stehen, wie lange die Krise noch andauert und wohin die Reise geht.

Also muss man, wenn es keine guten Ratschläge zu holen gibt, selber Experte sein?

Darum geht es, besonders bei den KMU. Dies macht die Stärke dieser Unternehmen aus, denn sie mussten schon immer alleine kämpfen. KMU haben keine starke Lobby, auch wenn sie - besonders in Wahljahren - gerne als Rückgrat der Wirtschaft bezeichnet werden. Sie haben als Einzelne nicht genügend Macht, um zu erreichen, dass sich der Staat um sie kümmert. KMU haben gelernt zu kämpfen, sich schnell zu entscheiden und sich rasch einer neuen Situation anzupassen. Für viele Unternehmer, die in eine schwierige Situation geraten, ist es wichtig, dass sie sich mit anderen Unternehmern austauschen können. Dafür gibt es verschiedene Plattformen und Netzwerke. Dazu gibt es auch konkrete Hilfestellungen von den Verbänden, zum Beispiel des Arbeitgeberverbandes. Aber letztlich liegt es am Unternehmer selber, wie er sein Unternehmen steuert.

Nach der Kurzarbeit kommen vielleicht Entlassungen. Im Herbst könnte eine Entlassungswelle drohen. Ihre Einschätzung dazu?

Ende 2008 stellten die ersten Firmen auf Kurzarbeit um. Der Bundesrat hat relativ schnell die maximale Kurzarbeitszeit von 12 auf 18 Monate ausgedehnt. Also würde, wenn man so rechnet, etwa im Sommer 2010 für die ersten Firmen die Kurzarbeit auslaufen und der entscheidende Punkt nahen. Ein von der Krise betroffenes Unternehmen wartet aber sinnvollerweise nicht bis zum letzten Moment, bis es seine Strukturen und Kosten anpasst, um dann festzustellen, dass es nicht mehr weitergeht. Die Unternehmen sollten sich heute Gedanken darüber machen, wie sie nach der Krise dastehen und daraus die Konsequenzen ziehen. Ich vermute, dass wir nicht auf den Level von 2007/2008 zurückkehren, sondern auf ein Niveau irgendwo zwischen heute und diesen Zahlen.

Welches Verhalten empfehlen Sie als Arbeitgeberpräsident Ihren Mitgliedern?

Ich empfehle den Unternehmen, ganz grundsätzliche Dinge, die fast schon selbstverständlich sind, zu beherzigen. Als Erstes muss in der jetzigen Zeit jedes Unternehmen darauf achten, dass es über genügend Liquidität verfügt. In der Krise müssen die Löcher gestopft werden, damit keine Mittel abfliessen. Vor allem aber sollten sich die Unternehmen jetzt mit ihrer Struktur und ihrer Marktpositionierung nach der Krise beschäftigen. Mit Durchhalteparolen ist es nicht getan.

Wie ist denn der Wirtschaft zu helfen? Sollen Bund und Kantone eingreifen?

Ich bin ein grosser Skeptiker von Konjunkturpaketen und staatlichen Stützungsmassnahmen. Ich befürchte vor allem zweierlei. Erstens wirken diese Massnahmen zum falschen Zeitpunkt. Zweitens führen diese Massnahmen zu einer Zunahme der Staatsverschuldung, deren Folgen im Moment niemand abschätzen kann. Wenn ich sehe, wie viele Mittel in Amerika, in Deutschland und in anderen Ländern vom Staat in ein paar ausgewählte Unternehmen hinein gepumpt werden, wenn Staaten tonnenweise Papiergeld drucken, um Industrien, das Bankensystem und einzelne Automobilfirmen zu stützen, so frage ich mich, welche Konsequenzen sich daraus ergeben für die Verschuldung dieser Staaten, für die Wechselkurse oder für die Inflation. Auch die Spezialisten haben dazu keine Antwort. Grosse Sorgen bereitet mir, dass in dieser Krise bewährte Grundsätze zugunsten von kurzfristigen Massnahmen über Bord geworfen werden. In Deutschland etwa gibt es verschiedene Fälle von Unternehmen, die sich in ihrer Strategie übernommen haben, jetzt am Abgrund stehen und den Staat zu Hilfe rufen. Das finde ich völlig falsch.

Welche Massnahmen könnte der Staat ergreifen?

Ich wünschte mir, dass mit einer intelligenten Währungspolitik dafür gesorgt wird, dass die Voraussetzungen für die exportierenden Unternehmen nicht schlechter werden als sie vor der Krise waren. In den umliegenden Ländern finden massive Eingriffe des Staates in das Wirtschaftssystem statt, nicht nur in den Euro-Ländern, auch im Dollar-Raum. Diese massiven Eingriffe werden zu Veränderungen im Währungsgefüge führen. Ganz wichtig wäre nun - sofern möglich - eine Währungspolitik unseres Landes, bei der die Spielregeln nicht verändert werden. Zweiter Wunsch: Die Finanzwelt ist dazu anzuhalten, in der Kreditvergabe nicht neue oder strengere Spielregeln aufzustellen, sondern jetzt dafür zu sorgen, dass die Unternehmen mit genügend Liquidität diese Krise bewältigen können.

Wie ist die Stimmung?

Als Präsident des Arbeitgeberverbands Basel bin ich zuversichtlich, als Unternehmer sowieso. Es gilt, die Situation realistisch einzuschätzen. Wenn sich das ökonomische Umfeld nicht ganz gravierend verschlechtert aufgrund der erwähnten massiven Staatsverschuldung, sind die Unternehmen in der Lage, ihre Hausaufgaben zu machen und diese Krise zu bewältigen. Ein Stimmungsbild gibt die aktuelle Befragung des Arbeitgeberverbands Basel, die zeigt, dass nur ein Drittel der befragten Unternehmen in der Nordwestschweiz die Krise als grösste Sorge wahrnehmen. Das zeigt, dass die Unternehmer die Krise als temporäre Erscheinung wahrnehmen. Andere Probleme wie die hohe Steuerbelastung, die zunehmende Regulierung, Fachkräftemangel oder ungelöste Nachfolgeregelungen werden die Unternehmen auch nach der Krise noch beschäftigen und stehen deshalb weiter oben auf der Sorgen-Skala.