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Kurze Panik am Ölmarkt

Die Anschläge auf Ölraffinerien in Saudi-Arabien wirken bis in die Ostschweiz. Allerdings hat sich die Marktlage rasch beruhigt.
Stefan Borkert
Wenn der Ölpreis steigt, dann wird mehr Heizöl bestellt aus Furcht, das Öl könnte noch teurer werden. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Wenn der Ölpreis steigt, dann wird mehr Heizöl bestellt aus Furcht, das Öl könnte noch teurer werden. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Diese Bilder und Schlagzeilen haben den Ölmarkt in Panik versetzt. Die Rede ist von Drohnenangriffen auf Ölraffinerien in Saudi-Arabien. Heute, nur wenige Tage später, «ist die Panik wieder raus aus dem Markt», sagt Marc Lippuner, Leiter Energie bei der Genossenschaft Laveba, früher Landverband St.Gallen. Noch immer seien die Preise ein wenig höher als noch letzte Woche, aber drei Rappen pro 100 Liter seien nicht so viel.

An den Tankstellen kommen die Preisanstiege stets mit Verzögerung an. Deshalb kostet an den Agrola-Tankstellen der Liter Diesel erst heute vier und der Liter Benzin drei Rappen mehr. Und wenn die Ölpreise steigen, dann bestellen mehr Kunden Heizöl. Sie würden befürchten, dass die Preise noch weiter nach oben gehen, so Lippuner. Für Panik in der Ostschweiz oder der Schweiz gibt es seiner Meinung gar keinen Anlass: «Es sind genügend Vorräte vorhanden.»

Auch Psychologie bestimmt die Märkte

Dass Autofahrer die Preisaufschläge an den Tankstellen später zu spüren bekommen, weiss auch Manuel Hafner, Leiter Einkauf und Trading bei der Avia Osterwalder St.Gallen AG. An der Börse würden die Preise stündlich wechseln, sagt er. Die Aufschläge durch die Anschläge seien beim Einkauf sofort zu spüren gewesen. Allerdings seien die Preise inzwischen wieder gefallen, wenn auch noch nicht auf das Niveau von Ende letzter Woche. Hafner hält sich mit Prognosen zurück. «Wir befinden uns in einer turbulenten Phase.»

Diese Turbulenzen haben aber nicht nur mit den Anschlägen zu tun, sondern auch mit Psychologie, weiss Lippuner. Auch das ist ein Grund, warum der Ölpreis kurzfristig nach oben geschnellt ist und jetzt wieder sinkt. Es komme jetzt auf die weitere Entwicklung an, sind sich die Ostschweizer Experten einig. Die Schweiz kann demnach solche Turbulenzen verkraften. In einem Hintergrundbericht schreibt die Nachrichtenagentur AWP, dass die Schweizer Wirtschaft dank ihrer geringen Ölabhängigkeit selbst bei einem massiven Preisschock nur moderate Einflüsse auf die Gesamtwirtschaft befürchten müsse. Allerdings könnte bei einer Eskalation der Situation der Franken wieder verstärkt unter Aufwertungsdruck geraten, denn der Preisschock kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Ölpreisschock bremst Schweizer Wachstum kaum

Vor allem die Nachfrageschwäche aus China sowie der Handelskonflikt machen der Weltwirtschaft und auch der Schweizer Wirtschaft zu schaffen. Für Letztere dürften höhere Ölpreise kaum eine zusätzliche Belastung darstellen. «Die Ölabhängigkeit der Schweiz ist sehr gering», sagt Heiner Mikosch, Ökonom bei der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich gegenüber AWP. Zudem sei der Ölpreis bereits wieder gesunken. «Wenn er nun über längere Zeit oben geblieben wäre, hätte das negative Effekte auf die Weltkonjunktur und einen sehr kleinen negativen Effekt auf die Schweiz nach sich gezogen», wird Mikosch zitiert. Laut einer KOF-Studie würde ein solcher Ölpreisschock das Schweizer Wirtschaftswachstum höchstens um 0,1 Prozentpunkte bremsen. Bei einem massiven Anstieg müsste auch die Schweiz mit negativen Folgen rechnen. Alexis Bill-Körber vom Konjunkturforschungsbüro Bak Economics sagt demnach, solange es im jetzigen Ausmass bleibe, sehe er keinen Bedarf, die Prognosen für das Wirtschaftswachstum nach unten zu revidieren. «Abgestützt auf unser Modell haben wir eine Faustregel, dass ein Ölpreisanstieg um 25 Dollar 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte vom Wirtschaftswachstum kosten.»

Aber es spielen weitere Faktoren eine Rolle. In der Schweiz dürfte sich, laut dem Bak-Ökonomen als Erstes die Unsicherheit auswirken. Sie würde den Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck bringen. Bei einem grossen Anstieg dürften zudem die Güterexporte und Investitionen leiden. Dazu kämen höhere Kosten für Konsumenten, etwa für Benzin und Heizöl. Erdölprodukte betragen rund 3 Prozent der Konsumausgaben.

Kleiner Effekt auch bei Extremszenario

Eine Verteuerung des Öls würden neben den Konsumenten die Verkehrsbranche, der Bau, die Landwirtschaft und die Basisindustrie zu spüren bekommen, so Bill-Körber. Profitieren dagegen könnten die Rohstoffhändler. Diese Effekte könnten sich zum Teil ausgleichen, sagt KOF-Ökonom Mikosch. Auch bei einem Extremszenario erwartet der Ökonom nur einen verhältnismässig kleinen Effekt. So wurde bei einer Studie mit einem permanenten Ölpreisanstieg von 30 Prozent ab einem Niveau von mehr als 90 Dollar gerechnet. Das Resultat: Das Wachstum der realen Umsätze in der Schweiz würde über 6 Monate um 0,3 Prozentpunkte gedrückt. Ein solch starker Anstieg des Ölpreises über längere Zeit halten Experten allerdings derzeit für wenig wahrscheinlich.

Benzinpreise noch weit von Rekordwerten entfernt

Wenn die Ölpreise steigen, spüren das die Autofahrer in ihrem Portemonnaie: Sie müssen an der Tankstelle mehr für Benzin bezahlen. Allerdings schlägt der Anstieg beim Rohölpreis nicht eins zu eins durch, denn es gibt mehrere Faktoren, die den Benzinpreis beeinflussen. Staatliche Abgaben wie Mineralölsteuer, Mineralölsteuerzuschlag und Importabgaben machen mehr als die Hälfte des Benzinpreises aus. Dazu kommen Vertriebskosten sowie die Beschaffungs- und Frachtkosten. Für die Schwankungen sorgen meist Letztere.
So liessen etwa höhere Frachtkosten im letzten Herbst den Benzinpreis trotz tieferer Rohölpreise ansteigen. Durch die Trockenheit war der Rheinpegel so tief, dass die Frachtschiffe nicht voll laden konnten. Auch der Wechselkurs zwischen Franken und US-Dollar beeinflusst den Preis, weil Benzin und Erdölprodukte generell in US-­Dollar gehandelt werden. Aktuell sind die jetzigen Benzinpreise laut Daten von Avenergy Suisse, der Vereinigung der Brenn- und Treibstoffimporteure, ein gutes Stück von früheren Höchstständen entfernt.
2012 etwa kostete ein Liter Bleifrei 95 im Jahresmittel 1.81 Franken. Danach fielen die Preise bis 2016 auf 1.41 Franken. Seither ging es wieder etwas bergauf. Von Jahresanfang bis Juli schwankten die Preise im Monatsmittel zwischen 1.53 und 1.67 Franken. (awp)

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