Tourismus
La Grande Feriennation liegt wieder im Trend – Paris stösst an Grenzen

Nach einem terrorbedingten Einbruch strebt Frankreichs Tourismus bereits wieder auf einen neuen Rekord zu. Eine Studie prophezeit dem meistbesuchten Land der Welt gute Aussichten – nur ist Frankreichs Infrastruktur dafür nicht gewappnet.

Stefan Brändle, Paris
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Paris, die Stadt von Seine und Eiffelturm, zieht wieder mehr Touristen an – wie ganz Frankreich.

Paris, die Stadt von Seine und Eiffelturm, zieht wieder mehr Touristen an – wie ganz Frankreich.

Stockphoto

Die Touristen sind wieder zurück. Im ersten Halbjahr registrierte Frankreich fünf Prozent mehr Übernachtungen als in der Vorjahresperiode. «2017 dürfte ein neues Rekordjahr werden», schätzt Christian Manei von der staatlichen Werbeagentur Atout France. Auch für den Monat Juli hat das Branchenbüro Protourisme in Paris, an der Côte d’Azur und in der Bretagne eine starke Besuchszunahme festgestellt. Bis zum Jahresende rechnet Aussenminister Jean-Yves Le Drian mit «88 bis 89 Millionen ausländischen Touristen». Damit würde Frankreich seine Position als meistbesuchtes Reiseland der Welt verteidigen.

Nach den schweren Terroranschlägen des Jahres 2015, gefolgt vom Attentat in Nizza Mitte 2016, hatte der Reiseverkehr landesweit gelitten. Die Besuchszahlen aus Japan gingen bis zu 40 Prozent zurück; aber auch aus Holland kam es zu einem Einbruch von mehr als zehn Prozent – fast doppelt so viel wie aus der Schweiz. Kurz gesagt: 2016 wurde zu einem schwarzen Jahr für den französischen Tourismus. Die Zahl der ausländischen Besucher ging um 1,3 Millionen zurück.

Paris stösst an Grenzen

Eine Studie, die allerdings noch vor den schwarzen Jahren 2015 und 2016 erstellt wurde, prophezeit dem Land eine rosige Zukunft. Demnach soll die Schallgrenze von 100 Millionen Besuchern am Ende dieses Jahrzehntes durchbrochen werden. Bloss hält die Infrastruktur bisher nicht überall mit. Anders als etwa in Spanien bleibt die Zahl der Hotelbetten in Frankreich seit Jahren stabil – Zeichen, dass sich die Branche zu stark auf ihren Lorbeeren ausruht. In die Bresche springen private Übernachtungs-Plattformen wie Airbnb. Deren erste Destination auf dem Planeten ist heute Paris mit 65'000 Angeboten.

In touristischen Vierteln wie dem Quartier Latin oder dem Marais bringt dies auch etliche Probleme mit sich, verwandeln sich doch ganze Gebäude in Internet-Absteigen. Der Pariser Stadtrat will deshalb in den nächsten fünf Jahren 12'000 zusätzliche Hotelbetten schaffen.
Der innere Stadtkern von Paris, wo sich die allermeisten Touristen konzentrieren, stösst jedoch immer mehr an seine Grenzen – was sich auch in den hohen Miet- und anderen Preisen äussert. Die Behörden versuchen deshalb, die Touristenströme besser zu kanalisieren. Um die langen Wartezeiten am Eiffelturm zu bekämpfen, wurde neu die Reservation per Internet – und mit festen Besuchszeiten – geschaffen.

Zudem wird das Tourismusangebot auf die ganze Agglomeration von Paris erweitert. Ein neuer Renner ist zum Beispiel der grösste Frischmarkt Europas in der Pariser Vorstadt Rungis. Um drei Uhr in der Früh müssen die umtriebigen Fisch- und Früchtehändler immer häufiger für chinesische Reisefotografen posieren. Auch die Exkursionen zu den Loire-Schlössern werden ausgebaut, und dank einer neuen TGV-Linie wird etwa auch die von Grund auf renovierte Weinstadt Bordeaux zu einer aufstrebenden Destination: In zehn Jahren hat sie die Besucherzahlen auf jährlich sechs Millionen verdoppelt.

Für einen weiteren Schub dürften die Olympischen Spiele sorgen. Anfang Woche wurde bekannt, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOK) mit zwei verbliebenen Kandidaten auf die nächsten Vergaben geeinigt habe: Paris soll Austragungsort im Jahr 2024 werden, Los Angeles 2028. Die Amerikaner liessen den Franzosen den Vortritt, da sie neu mit 1,8 Milliarden Dollar IOK-Zuschuss rechnen können. Der offizielle Beschluss durch die Komitee-Mitglieder im September in Lima (Peru) scheint damit nur noch eine Formalität. Der französische Präsident Emmanuel Macron begrüsste die «sehr wichtige Etappe».

Die Pariser Bürgermeister Anne Hidalgo bemühte sich, die Beschlussfassung nicht schon für ausgemacht zu nehmen. Doch die Erleichterung über die Vergabe ist in der französischen Hauptstadt weitherum spürbar. Und das nicht nur, weil Paris schon mehrfach vergeblich für die Austragung der Olympischen Spiele kandidiert hatte.