LANDWIRTSCHAFT: Der Traktoren-König

Martin Richenhagen leitet den weltweit zweitgrössten Landmaschinenhersteller. Ab und zu spricht er auch mit Google oder US-Präsident Obama.

Gerhard Bläske
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Martin Richenhagen arbeitete unter anderem bei Schindler und als Lehrer. Heute beschäftigt er sich mit der Modernisierung der Landwirtschaft. (Bild: PD)

Martin Richenhagen arbeitete unter anderem bei Schindler und als Lehrer. Heute beschäftigt er sich mit der Modernisierung der Landwirtschaft. (Bild: PD)

Die Branchenkrise hat auch den amerikanischen Landmaschinenhersteller Agco voll erwischt. 2015 ging der Umsatz um 23,2 Prozent auf 7,5 Milliarden Dollar zurück, der Nettogewinn schrumpfte um einen Drittel. Unternehmenschef Martin Richenhagen rechnet auch 2016 mit einem Rückgang. Trotzdem ist er optimistisch. «Wir stehen vor der Riesenaufgabe, die Ernährungssicherheit für eine rasant wachsende Bevölkerung sicherzustellen. Das geht nur durch Mechanisierung der Landwirtschaft in Asien und Afrika», sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Und dafür würden Maschinen der Agco-Marken Massey Ferguson und Fendt gebraucht. Auch in Europa und Nordamerika sieht er noch viele Möglichkeiten: durch die Digitalisierung der Landwirtschaft mit Hightech-Produkten.

Berater Obamas

Richenhagen steht seit 2004 an der Spitze des nach John Deere und vor Case New Holland weltweit zweitgrössten Landwirtschaftsmaschinenherstellers Agco. Er arbeitete zuvor unter anderem für den Agco-Konkurrenten Claas und war in den Neunzigerjahren Geschäftsführer der deutschen Tochter des Ebikoner Aufzugs- und Rolltreppenbauers Schindler. 2003/04 lebte er als Vorstand des Baarer Bodenbelagherstellers Forbo in der Schweiz. Und noch einen Schweiz-Bezug gibt es: Einer seiner Söhne wohnt hier seit langem mit seiner Familie. Nach seiner Forbo-Zeit wechselte Richenhagen als Vorstandsvorsitzender zu Agco. Der leutselige, aber auch durchaus fordernde Deutsche setzte sich durch und berät trotz seiner oft kritischen und direkten Art sogar Präsident Barack Obama. Der Aufsichtsrat hat Richenhagen gebeten, bis 2020 zu bleiben. Offenbar sind die Amerikaner mit ihm zufrieden. Der Aktienkurs hat sich seit seinem Amtsantritt verdreifacht, der Umsatz zunächst verdreifacht, bevor er zuletzt deutlich zurückging.

Grosse ungenutzte Flächen

Richenhagen hat sich noch viel vorgenommen. «Als ich anfing, stand ich vor einem riesigen Berg von Puzzlesteinen, wusste aber nicht, wie das Bild aussieht. Jetzt formen sich die Steine in hohem Tempo zu einem Bild», sagt er. «Wir haben jetzt ordentliche Mähdrescher und eine Plattformstrategie mit vielen Teilen, die wir weltweit in unsere Maschinen einsetzen können.»

Agco konzentriert sich ausschliesslich auf Landwirtschaftsmaschinen: «Wir können nichts anderes und wollen nichts anderes machen.» Die Weltbevölkerung wachse, und in vielen Ländern gebe es noch grosse ungenutzte Flächen, die sich für die landwirtschaftliche Nutzung eigneten. Allein in Afrika würden 60 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche nicht bearbeitet. Speziell auf diesem Kontinent sowie in grossen Teilen Asiens stehe die Mechanisierung der Landwirtschaft erst am Anfang, sagt Richenhagen. Die Landwirte dort hätten meist weniger als zwei Hektar Fläche zu bearbeiten und täten das meist noch per Hand. Hier seien enorme Produktivitätsfortschritte zu erzielen. «Wir müssen den Menschen helfen, sich selbst zu ernähren. Sonst kommen sie zu uns», sagt er warnend. Es gehe darum, die landwirtschaftliche Produktion bis 2050 zu verdoppeln.

Modernisierung in Afrika

Auf einer 160 Hektar grossen Musterfarm in Sambia will Agco den afrikanischen Bauern, die meist weniger als zwei Hektar mit der Hacke bearbeiten, Zugang zu moderneren Produktionsmethoden verschaffen. Doch Agco will auch Geld verdienen: «Man kann Gutes tun und den Aktionären trotzdem Freude bereiten», sagt er. Die sogenannte «little farm in a box» für Afrika enthält etwa einen einfachen 50-PS-Traktor mit fünf Anbaugeräten, vom Pflug bis zur Egge, für insgesamt weniger als 20 000 Dollar. In Zusammenarbeit mit Partnern berät Agco lokale Bauern bei der Bildung von Maschinenringen, die eine Anschaffung dieses Pakets etwa für ganze Dörfer möglich machen. Ein vergleichbares Projekt sei schon in Brasilien erprobt worden, das vor 30 Jahren auf einem vergleichbaren Entwicklungsniveau gewesen sei und heute 20 Prozent zum Agco-Umsatz beiträgt. Auch in Indien und China bietet Agco Produkte an, die auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Das sind zum Beispiel Traktoren mit 80 bis 120 PS oder Mähdrescher eines kürzlich erworbenen chinesischen Herstellers, die modifiziert wurden. Richenhagen hofft, dass 2020 etwa 70 Prozent der chinesischen Landwirtschaft mechanisiert sind. Man müsse die Landwirtschaft auch für junge Leute attraktiv machen und die Landflucht dort stoppen. China trägt derzeit etwa 3 Prozent zu den Agco-Einnahmen bei.

Dass Chinesen den Schweizer Saatguthersteller Syngenta übernehmen, findet Richenhagen, der ein Freund klarer Worte ist, übrigens gut: «China hat ein riesiges landwirtschaftliches Potenzial und die Strategie, von Importen unabhängiger zu werden. Syngenta wird nach der Übernahme ganz sicher grosses Wachstum sehen.»

Positiver Trend in der Schweiz

Den weitaus grössten Teil des Umsatzes erzielt das Unternehmen aber noch in den entwickelten Ländern. Rund ein Viertel der Erlöse kommt aus Nordamerika. Richenhagen will den US-Marktanteil von derzeit 10 Prozent binnen fünf Jahren auf 20 Prozent steigern. Etwa 40 Prozent setzt der Fortune-500-Konzern im EU-Raum um. Dazu steuert Deutschland einen Viertel bei. Nur noch etwa 15 Prozent kommen aus Südamerika, wo die politische Krise die wirtschaftliche Lage stark beeinflusst.

In der Schweiz kommt Agco nach eigenen Angaben auf einen Marktanteil von 26,7 Prozent. Während die US-Farmer unter niedrigen Getreidepreisen litten und Europa unter den Sanktionen gegen Russland, die er ablehnt, entwickle sich die Schweiz gegen den Trend sehr positiv. Schweizer Kunden profitierten beim Kauf von Agco-Produkten vom starken Franken und generell vom EU-Embargo gegen Russland.

Digitalisierung als Chance

In Nordamerika, in Europa und teilweise in Südamerika bietet die Digitalisierung nach seinen Worten enorme Chancen: «Sie ist für uns Realität. Wir reden mit Google über die Kartierung von Flächen», berichtet er. Schon seit Jahren habe Agco einen teilweise autonom fahrenden Traktor im Angebot. Anders als John Deere, der nur Produkte der eigenen Marke miteinander vernetzen will, setzt Agco, ähnlich wie der deutsche Konkurrent Claas, auf eine markenübergreifende Lösung, die bei allen Anbietern funktioniert.

«Auf dem Bauernhof passiert mehr, als man glaubt», sagt der Sohn eines Theologen und einer Lehrerin, der schon als Kind den Traktor der Nachbarn fuhr. Die Betriebe würden künftig zu einer Art Fabrik, «mit dem Unterschied, dass kein Dach drauf ist». Die Wetterabhängigkeit bleibe deshalb. Doch durch die Digitalisierung könnten Energieverbrauch und Erntezeit optimiert, die Düngung besser gesteuert sowie Silo, Betrieb und Maschinen vernetzt werden. So liessen sich grosse Verbesserungen erzielen, ist Richenhagen überzeugt.

Gerhard Bläske

Zur Person

Martin Richenhagen wurde 1952 in Köln geboren. Er studierte Theologie, Philosophie und Romanistik an der Universität Bonn und arbeitete zu Beginn seiner Karriere als Französisch- und Religionslehrer. Seit Juli 2004 ist er CEO des US-amerikanischen Herstellers von Landmaschinen Agco.