LANDWIRTSCHAFT: Die Milch kennt keine Grenzen

Der Bundesrat will den Grenzschutz für Milch aufheben. Das Nachsehen könnten die Bauern ­haben. Auch in der Wirtschaft hat die Öffnung der Weissen Linie keine Priorität.

Bernard Marks
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Die Schweizer Bauern wollen den Grenzschutz für Milch aufrecht­erhalten. (Bild Eveline Beerkircher)

Die Schweizer Bauern wollen den Grenzschutz für Milch aufrecht­erhalten. (Bild Eveline Beerkircher)

Ortstermin Rothenburg im Kanton Luzern: Auf dem Hof von Markus und Lucia Bühlmann stehen mehrere Cars. Mit Plastiktüten über die Schuhe gestülpt stehen 30 Landwirte auf einer Weide und begutachten interessiert 60 Kühe des Landwirts Bühlmann. Der Kongress der europäischen Milchbauern findet zum ersten Mal in der Schweiz statt. Die Teilnehmer der Exkursion kommen aus Ländern wie Holland, England, Polen, Deutschland oder Tschechien. Sie wollen wissen, wie der Schweizer Milchbauer mit dem geschützten Milchmarkt umgeht. Und das funktioniert immer besser. Bühlmann macht auf seinen rund 35 Hektaren Land mit seiner Art, Milch zu produzieren, Gewinn – und das, obwohl er eine eigenwillige Methode anwendet. Denn seine Kühe, eine spezielle Rasse, grasen das ganze Jahr unter freiem Himmel. Dadurch hält er die Kosten für Futter und Unterhalt niedrig.

Mehr Geld verdient

Immer mehr Schweizer Landwirte sehen wieder eine Zukunft im Milchmarkt. Viele Bauern haben deshalb in den Ausbau ihrer Betriebe investiert oder eine eigene Idee umgesetzt wie Markus Bühlmann. Gründe sind der stabile Milchpreis und Planungssicherheit in der Schweiz. Hier haben Milchproduzenten im vergangenen Jahr wieder mehr Geld für ihre Milch erhalten. Nachdem der Produzentenpreis im Jahr 2012 auf den tiefsten Stand seit Beginn der Preisbeobachtung im Jahre 1999 gefallen war, legte er 2013 deutlich um 4,5 Rappen zu. Im Durchschnitt erhielten die Bauern 64,96 Rappen pro Kilo Milch. Das sind 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Produzentenpreis für Milch kam auf rund 69 Rappen pro Kilo zu liegen. Dies geht aus dem aktuellen Marktbericht des Fachbereichs Marktbeobachtung des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) hervor. Der Preisunterschied zur EU ist immer noch beträchtlich (siehe Grafik). Doch die Idylle könnte schon bald getrübt werden. Denn der Bundesrat will den Grenzschutz für Milch (Weisse Linie) aufheben (wir berichteten). Hohe Zölle auf importierte und exportierte Milchprodukte sollen wegfallen. Die Auswirkungen auf den Milchpreis wären verheerend: Die Produzentenpreise in der Schweiz sanken in Anlehnung an das europäische Preisniveau um 17 bis 25 Prozent. Der Schweizer Preis bliebe rund 5 Prozent über dem EU-Preis, kommt der Bericht des Bundesrates zur sektoriellen Marktöffnung mit der EU zum Schluss. Der durchschnittliche Milchpreis käme danach auf 47 Rappen pro Kilo zu liegen – im Vergleich zu 63 Rappen bei der Weiterführung der Agrarpolitik 14–17. Die Konsequenzen müssten die Bauern tragen und mit Lohneinbussen rechnen. Der Bund will diese mit Subventionen von bis zu 150 Millionen Franken pro Jahr stützen.

Industrie setzt andere Prioritäten

«Die Agrarmarktöffnung kann nicht mehr gebremst werden», sagt der Sprecher der Hochdorf-Gruppe, Christoph Hug. Doch die Industrie sei auf eine funktionierende Landwirtschaft angewiesen. Damit die weiterverarbeitende Industrie dieselben Voraussetzungen wie die EU-Industrie habe, müssten auch hier Begleitmassnahmen vorgesehen werden. Zum Beispiel subventioniere die EU den Bau von Anlagen wie Molkereien. Grundsätzlich befürworte Hochdorf aber eine Öffnung des Milchmarktes. «Eine Grenzöffnung steht für uns im Moment nicht zuoberst auf der Prioritätenliste, zumal politisch die Hürde zu hoch sein dürfte», sagt auch Sibylle Umiker, Mediensprecherin der Luzerner Emmi-Gruppe. Man müsse sich aber auf eine mögliche Marktliberalisierung vorbereiten. Emmi praktiziere dies auf zwei Ebenen: einerseits in den Bereichen Effizienz und Produktivität, wo man mit der Konkurrenz aus der EU mithalten muss. Andererseits mit der Entwicklung wertschöpfungsstarker Produkte wie Laktose, Molkeproteine und Babynahrung.

Milchbauern üben Kritik

Die Schweizer Milchproduzenten (SMP) beurteilen die Marktöffnung für Milchprodukte kritisch. Sie haben die HAFL (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL) beauftragt, eine unabhängige Studie zur Öffnung der Weissen Linie durchzuführen. Diese Studie kommt zu anderen Schlussfolgerungen bezüglich der Höhe der benötigten Subventionen für die Landwirtschaft als der Bund. Auch bei den Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) ist man skeptisch. «Bei einer Öffnung der Weissen Linie sind die Risiken für die Schweizer Milchwirtschaft massiv grösser als die damit verbundenen Chancen», sagt die ZMP-Mediensprecherin Carol Aschwanden. Der im Bericht des Bundesrates bezifferte Wohlfahrtsgewinn käme in Form von tieferen Produktpreisen zwar den Konsumenten zugute. «Auf der anderen Seite müssten gemäss Bericht aber Subventionen in der gleichen Höhe gesprochen werden, damit unsere Milchbauern überhaupt überleben könnten – ein Nullsummenspiel also», sagt Aschwanden. Zudem müssten die Subventionen ja längerfristig auf diesem hohen Niveau gesprochen werden. «Die Politik ist diesbezüglich aber wenig verlässlich», sagt Aschwanden. Eine Öffnung der Weissen Linie hätte zur Folge, dass der Schweizer Milchbauer im hohen Kostenumfeld der Schweiz mit höheren Futterpreisen, höheren Tierarztkosten, höheren Versicherungen, höheren ökologischen Anforderungen und einem besseren Tierwohl wirtschaften sowie leben müsste, für die produzierte Milch aber EU-Preise lösen würde.

Milchquote fällt in der EU

red. Kaum ein Volk trinkt so viel Milch wie die Schweizer. Nur in Schweden wird mehr konsumiert. Trinkmilch ist hierzulande ein teures Gut. Sie kann bis 1.85 Franken kosten. Einen Einfluss auf das Einkommen des Bauern hat der Milchpreis im Laden aber nicht. Die Differenz zwischen der günstigsten und teuersten Milch ist deutlich mehr, als der Bauer derzeit für den Liter Rohmilch erhält – nämlich 69 Rappen pro Liter. Trotzdem hat sich der Milchmarkt in der Schweiz in jüngster Zeit entspannt. Milchbauern schauen wieder positiv in die Zukunft und investieren in ihre Betriebe. Förderlich ist hierfür unter anderem die Abschaffnung der staatlichen Milchkontingentierung. Hierzulande ist diese Form der Mengensteuerung seit 2009 Geschichte.

Schweiz als Vorbild

Auch in der EU will man dieses System nun abschaffen. 2015 wird in der EU die Milchquote für die Produzenten aufgehoben. Erfahrungen aus der Schweiz könnten dabei helfen, den EU-Milchpreis stabil zu halten. Agrarökonomen der EU-Kommission gehen davon aus, dass der EU-Milchpreis bis ins nächste Jahrzehnt auf einem hohem Niveau verharren wird. Danach soll sich der EU-Milchpreis mit Wahrscheinlichkeit zwischen 30 und 40 Cent pro Liter bewegen. Grund für diese Entwicklung sehen die Analysten in einer hohen Weltmarktnachfrage nach Milchprodukten.