VW-Importe in die Schweiz verzögern sich

Der Import von Fahrzeugen der Volkswagen-Gruppe verzögert sich, weil die Autos einen neuen Abgastest durchlaufen müssen. Dies führt zu langen Wartezeiten für Autokäufer. VW-Importeur Amag befürchtet Umsatzrückgänge. Schweizer Händler sind besorgt.

Maurizio Minetti
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Neuproduzierte VW-Fahrzeuge vor dem Volkswagenwerk in Emden. (Bild: Krisztian Bocsi/Bloomberg (Emden, 9. März 2018))

Neuproduzierte VW-Fahrzeuge vor dem Volkswagenwerk in Emden. (Bild: Krisztian Bocsi/Bloomberg (Emden, 9. März 2018))

Wer heute in der Schweiz ein neues Auto kaufen möchte, muss unter Umständen viel Geduld aufbringen. Grund: Es dauert je nach Marke länger als ursprünglich angenommen, Autos gemäss dem neuen Abgastestverfahren WLTP zu zertifizieren (siehe Box). Die Folge sind zum Teil massive Lieferverzögerungen in ganz Europa. Von diesem Problem sind grundsätzlich alle Autohersteller betroffen, doch der deutsche Volkswagen-Konzern mit seinen Marken VW, Seat oder Audi hat mit den grössten Verzögerungen zu kämpfen.

In der Schweiz ist VW die mit Abstand am meisten verkaufte Automarke. Der VW-Importeur Amag bestätigt auf Anfrage, dass sich die Verzögerungen auch auf den hiesigen Markt auswirken. «Es ist korrekt, dass sich wegen der Umstellung auf den WLTP-Standard in ungünstigen Fällen temporär Engpässe im Angebotsprogramm ergeben können», sagt Amag-Sprecher Christian Frey, der für die Marke VW zuständig ist. Tatsache ist: Wartet man nach der Bestellung bestimmter VW-Modelle normalerweise drei bis vier Monate bis zur Lieferung, kann sich die Wartezeit heute mehr als verdoppeln.

Jede Variante braucht eine neue Zertifizierung

«Wie lange ein Kunde bei einer Fahrzeugbestellung bis zur Auslieferung ­momentan warten muss, hängt weniger vom Modell als vielmehr von der spezifischen Motoren-, Getriebe- und Ausstattungsvariante ab», erklärt Frey. «Denn nach dem WLTP-Regelwerk muss jede einzelne Variante von den zuständigen Behörden in Deutschland genehmigt werden. Da liegt die Ursache der Verzögerung.» Das heisst: Auch wenn sich nur ein Ausstattungsdetail des Fahrzeuges verändert, wie zum Beispiel die Klimaanlage oder ein Schiebedach, muss separat neu getestet werden. «Über die gesamte Modellpalette von VW ergeben sich so Tausende von verschiedenen einzeln zu prüfenden Varianten», sagt Frey.

VW Schweiz erarbeite derzeit mit dem Mutterhaus in Deutschland Massnahmen, «um die möglichen Auswirkungen auf Bestellbarkeit und Auslieferung auf ein Minimum zu reduzieren», so Frey, der die aktuelle Situation so beschreibt: «Es ist, wie wenn 300 Autos vor einem einspurig befahrbaren Tunnel warten.» Der Engpass sei ärgerlich für die Kunden, sagt Frey. Doch er gibt sich überzeugt, dass der Stau sich in den nächsten Wochen auflösen werde.

Wie gross das Ausmass der Verzögerungen in der Schweiz ist, kann Frey nicht beziffern. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte ein VW-Sprecher Ende Juli, die WLTP-Umstellung könnte konzernweit zu Lieferverzögerungen bei 200 000 bis 250 000 Fahrzeugen führen. Betroffen sind vor allem Modelle, die weniger oft verkauft werden. «VW beschleunigt die Zertifizierung der Volumenmodelle und vernachlässigt dafür jene Varianten, die weniger oft gekauft werden», sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer auf Anfrage. Schweizer Kunden geben im internationalen Vergleich mehr Geld für Autos aus und haben oft Spezialwünsche – «genau bei solchen Modellen verzögert sich nun die Auslieferung», so Dudenhöffer.

Test misst den Verbrauch genauer

WLTP (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure) ist ein neuer Standard, mit dem der Treibstoffverbrauch und die Emissionen von leichten Motorfahrzeugen gemessen werden. Er ersetzt den bisherigen Standard NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus), der 1992 eingeführt worden war. NEFZ hatte einen grossen Nachteil: Die mit diesem Standard gemessenen Werte waren oft deutlich tiefer als die Messwerte im realen Fahrbetrieb. Der Dieselskandal bei VW hat dazu geführt, dass NEFZ früher als geplant durch WLTP ersetzt wurde. Mit der Einführung von WLTP sollen die Abweichungen von Verbrauch und Abgas-Emissionen zwischen Alltags- und Laborbedingungen verringert werden. 

Eines der Hauptziele des WLTP- Verfahrens ist die einheitliche Bestimmung der Abgasemissionen und des Energieverbrauchs für verschiedene Antriebsarten wie beispielsweise Benzin, Diesel, aber auch Hybrid. WLTP soll praxisnähere Werte als der NEFZ liefern und zudem einen weltweiten Vergleich von Fahrzeugen in Bezug auf Verbrauch und Emissionen ermöglichen. Mit WLTP werden zudem die Abgasemissionen nicht mehr nur im Labor gemessen, sondern zusätzlich auch auf der Strasse – mit den sogenannten RDE-Tests (Real Driving Emissions). WLTP wird in der EU sowie in der Schweiz seit September 2017 schrittweise eingeführt. Erste WLTP-zertifizierte Modelle verkehren in der Schweiz bereits. Ab September 2018 müssen hierzulande alle neuzugelassenen Fahrzeuge über WLTP-Messwerte verfügen. Experten rechnen damit, dass ab kommenden Monat unsere Fahrzeuge zwar nicht in der Realität, aber auf dem Papier einen rund 20 Prozent höheren Verbrauch ausweisen werden (Ausgabe vom 18. März 2018). (mim)

Dieselskandal hat Ressourcen gebunden

Die Verzögerungen könnten sich im zweiten Halbjahr auf die Umsatzzahlen von Amag auswirken, räumt Sprecher Christian Frey ein. Auch Schweizer Garagisten könnten den Ärger der Kunden zu spüren bekommen. Für Tobias Treyer, Ombudsmann der VW-Konzernmarken, ist zurzeit zwar noch nicht genau abschätzbar, welche Konsequenzen die Verzögerungen für das Schweizer Gewerbe haben werden. «Persönlich gehe ich jedoch davon aus, dass der Handel die Verzögerungen zu spüren bekommt, es insbesondere schwierig sein wird, definierte Jahresziele ohne weiteres zu erfüllen», so Treyer. Verschiedene besorgte Händler haben sich bereits beim Ombudsmann gemeldet. «Konkrete Beschwerden wurden – aufgrund der noch nicht ausreichenden Kenntnis über mögliche Folgen – bislang noch nicht formuliert», sagt Treyer.

Warum dauern die Neuzertifizierungen so lange? Amag-Sprecher Frey schiebt dem deutschen Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) die Schuld in die Schuhe. Dieses habe zu wenig Ressourcen, um die Tests durchzuführen. Zudem sei das Zeitfenster für die Umstellung auf WLTP zu klein gewesen. Die Einführung von WLTP wurde im Juni 2017 beschlossen. Ab 1. September 2018 müssen alle neuen Autos nach dem neuen WLTP-Standard zertifiziert sein. Der damalige VW-Chef Matthias Müller kritisierte letztes Jahr die kurze Zeit zwischen Inkrafttreten der neuen Regeln und dem Erlass: «Für die Autohersteller gab es viel zu wenig Zeit, um zu reagieren.»

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer lässt die Argumente von VW allerdings nicht gelten. «Andere Hersteller wie BMW, Renault oder Opel haben viel weniger Probleme mit der Zertifizierung», sagt Dudenhöffer auf Anfrage. Frey von der Amag rechtfertigt sich: «Keine andere Marke hat mehr Modelle, Getriebe- und Motorenvarianten im Angebot als Volkswagen.»

Dudenhöffer sieht das Problem darin, dass VW zuletzt mit der Bewältigung des selbstverschuldeten Dieselskandals beschäftigt war und sich zu wenig auf den neuen WLTP-Standard vorbereitet habe. Ein VW-Sprecher bestätigte kürzlich dem deutschen «Handelsblatt», dass die Entwicklungsabteilung von VW in den letzten zwei Jahren mit Software-Updates für die Dieselmodelle permanent überlastet gewesen sei.